zur Navigation zum Inhalt
Foto: Smolek Inge
Die Applikation der Medikamente in den Glaskörper wird an Schweineaugen geübt. Diese entsprechen größenmäßig den menschlichen Sehorganen.
Foto: seniormedia/Schedl

Niedergelassenen Augenärzten die Versorgung von AMD- und Diabetespatienten zu vergüten, lautet die Forderung von Prof. Dr. Susanne Binder, Dr. Andreas Khol, Karl Blecha, Prof. Dr. Gerhard Kieselbach und Mag. Irene Vogel an die österreichische Gesundheitspolitik.

 
Augenheilkunde 15. Februar 2011

Patientenstau in Augenambulanzen auflösen

Die österreichischen Augenchirurgen fordern die Finanzierung von OCT-Untersuchungen und intravitrealen Anti-VEGF-Therapien im niedergelassenen Bereich.

Die heimischen Augenchirurgen warnen vor der steigenden Belastung von Augenabteilungen und -klinken durch die jetzt schon rasch steigende Zahl an intravitrealen Injektionsbehandlungen. OCT-Diagnostik und Anti-VEGF-Behandlungen im Auge sollten zukünftig im niedergelassenen Bereich durchgeführt werden können, um die Krankenhäuser zu entlasten. Dazu sei es dringend notwendig, dass diese Leistungen den niedergelassenen Ophthalmologen von den Krankenkassen erstattet werden. Darauf wiesen Prof. Dr. Susanne Binder, Vorstand der Augenabteilung der Rudolfstiftung, und Prof. Dr. Gerhard F. Kieselbach, Präsident der Vereinigung der Österreichischen Augenchirurgen, mit Unterstützung der beiden Seniorenvertreter Karl Blecha und Dr. Andreas Kohl bei einer Pressekonferenz am 27. Jänner 2011 hin.

 

Angesichts des Patientenansturms auf augenärztliche Abteilungen und Augenkliniken in Österreich sehen sich die heimischen Augenchirurgen zu einer 180-Grad-Kehrtwendung gezwungen. Galt es bislang als State-of-the-Art, intravitreale Injektionen ausschließlich im klinischen Setting durchzuführen, wollen die Ophthalmologen nun diese Behandlungen in den niedergelassenen Bereich auslagern.

AMD

Weil immer mehr Menschen ein hohes Alter erreichen, steigt die Prävalenz der Altersbedingten Makuladegeneration (AMD). „20 Prozent aller 65- bis 74-jährigen und 35 Prozent aller 75- bis 83-jährigen Menschen sind davon betroffen. Diese Erkrankungsfälle werden mehr werden, weil auch die Lebenserwartung weiter steigt. Die Zahl der Neuerkrankungen in Österreich liegt derzeit bei 3.500 im Jahr“, erklärte Prof. Dr. Susanne Binder, Vorstand der Augenabteilung der Rudolfstiftung.

AMD kann in zwei Formen auftreten, in der trockenen und der feuchten Form. Dazu Prof. Dr. Gerhard Kieselbach, Präsident des Vereins Österreichischer AugenchirurgInnen: „Bis vor einigen Jahren waren beide Formen nicht behandelbar und führten unweigerlich zu dramatischem Verlust der Sehkraft der betroffenen Patienten bis hin zur vollständigen Erblindung.

Die feuchte Form der altersbedingten Makuladegeneration ist seit einigen Jahren mit VEGF-Blockern, die direkt in den Glaskörper des Auges appliziert werden, gut behandelbar. In 30 Prozent der Fälle bewirken sie eine Sehverbesserung, bei 60 Prozent der Patienten kann das Sehvermögen zumindest stabil gehalten werden.“

Das Problem dabei: Die Wirkung der Behandlung hält nur etwa einen Monat lang an, sie muss deshalb über einen längeren Zeitraum monatlich wiederholt werden. Das führte schon bisher zu überfüllten Warteräumen in den Augenabteilungen und -kliniken und stundenlangen Wartezeiten. Eine große Belastung für die betroffenen – meist älteren bis betagten – Patienten und deren sie begleitende Angehörige. Ein weiterer erfreulicher medizinischer Fortschritt droht nun jedoch die ohnehin schon schwierige Situation zu verschärfen.

Diabetisches Makulaödem

Seit diesem Jahr ist die intravitreale Behandlung (IVOM) auch für Patienten mit diabetischem Makulaödem zugelassen. Der Aufwand entspricht dem bei der Behandlung der AMD-Patienten. Mit einer massiven Zunahme der Behandlungszahlen muss gerechnet werden.

Dafür spricht schon die hohe und steigende Prävalenz der Patienten mit Diabetes mellitus. Jeder zweite der derzeit 400.000 bis 600.000 Diabetespatienten (genaue Zahlen der Betroffenen gibt es in Österreich nicht) erkranken innerhalb von zehn bis 20 Jahren Erkrankungsdauer an einem behandlungsbedürftigen Ödem der Makula.

„Patienten, die unter dem diabetischen Makulaödem leiden, haben die gleichen schlimmen Folgen für ihre Sehkraft zu erwarten wie Patienten mit AMD“, betonte Kieselbach. „Das sind rund weitere 200.000 Patienten – wiederum fast ausschließlich Senioren –, die mit einer erheblichen Einschränkung ihrer Lebensqualität rechnen müssen.“

Retinale Venenverschlüsse

Hinzu kommt, dass mit der baldigen (voraussichtlich Ende des Jahres) Zulassung der Behandlung für retinale Venenverschlüsse in der Europäischen Union gerechnet werden kann – in den USA wurde die IVOM bereits im Vorjahr zugelassen.

Patientenansturm

Dass die Augenkliniken in Österreich bald keine Kapazitäten (personell und finanziell) mehr haben werden, den Patientenansturm in vertretbarem Rahmen bewältigen zu können, befürchtet auch Mag. Irene Vogel von der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs: „Der allmähliche Verlust des Augenlichts stellt für die Betroffenen sowieso schon eine erhebliche Belastung dar, die ganze Hoffnung richtet sich auf eine wirksame Therapie. Die langen Wartezeiten sind nicht gerade dazu angetan, die Situation für Patienten und ihre Angehörigen zu verbessern.“

Für Diagnose und Verlaufskontrolle sind OCT-Untersuchungen unabdingbar. „Ebenso wie bei den intravitrealen Behandlungen sind auch bei diesem bildgebenden Verfahren Engpässe und Wartezeiten in den Augenambulanzen zu erwarten“, betonte Kieselbach.

Allein, eine Behandlung im niedergelassenen Bereich ist zurzeit nur für Privatpatienten möglich, sowohl OCT-Untersuchung wie auch die Anti-VEGF-Behandlungen werden Ärzten von den Krankenkassen nicht bezahlt.

Zusammengefasst ist die Situation heute so:

  • Die IVOM kann nur in Augenabteilungen durchgeführt werden, dort gibt es keine adäquate Abrechnung der Leistungen, um alle Kosten zu decken.
  • Es gibt keine Abrechnungsnummer für die zugelassene Behandlung der Diabetiker.
  • Die OCT-Untersuchung kann nur in Augenabteilungen durchgeführt werden, da es im niedergelassenen Bereich diese Leistung nicht gibt.
  • Die Medikamente können nur in Augenabteilungen verabreicht (IVOM) werden, da diese zwar zugelassen sind, aber vom Hauptverband nicht gezahlt werden – Begründung des Hauptverbands ist, dass die IVOM eine Leistung sei, die nur im Krankenhaus erbracht werden kann.
  • Die Privatversicherungen lehnen fast immer eine Kostenübernahme ab, da es ihrer Meinung nach eine ambulante Leistung sei – sofern keine Versicherung für ambulante Behandlung abgeschlossen wurde.
  • Bei der aktuellen Entwicklung ist damit zu rechnen, dass die Patientenzahlen in den Augenabteilungen allein nicht zeitnah bewältigt werden können. Dies bedeutet den Sehverlust zahlreicher Betroffener.

Inzwischen, betonte Binder, gebe es bereits eine ausreichende Anzahl von auf die Netzhaut spezialisierten niedergelassenen Augenärzten, die sowohl OCT-Untersuchungen durchführen als auch die VEGF-Blocker kunstgerecht in den Glaskörper applizieren können. Für die betroffenen Patienten und ihre Angehörigen würde das eine Verbesserung der Lebensqualität und eine bessere Versorgung bringen.

Forderungen an die Gesundheitspolitik

Die Österreichischen Augenchirurgen fordern daher:

  • Übernahme der OCT-Kosten im niedergelassenen Bereich,
  • Adäquate Honorierung einer IVOM mit Abrechnungsnummer (MEL)
  • Bezahlung der Medikamente durch den Hauptverband.

Kieselbach: „Sofern das Gesundheitsministerium und der Hauptverband der Sozialversicherungen nicht eine rasche Verbesserung der Situation herbeiführen, werden viele Patienten eine Herabsetzung ihres Sehvermögens bis hin zur praktischen Erblindung hinnehmen müssen.“

Die intravitreale Applikation mit anti-VEGF stelle derzeit eine State-of-the-Art-Behandlung dar, die den betroffenen Patienten zur Verfügung gestellt werden müsse, betonte Binder: „Dieser Verantwortung für diese Behandlung kann sich weder der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin entziehen, noch weniger aber die zuständigen gesundheitspolitischen Einrichtungen. Im Interesse unserer Patienten ist es daher notwendig, die regelmäßige Behandlung dieser Patienten österreichweit sicherzustellen.“

Dr. Andreas Kohl und Karl Blecha sicherten zu, sich für die Forderungen der Ophthalmologen im Sinn einer optimalen Versorgung für die zumeist älteren Patienten im Hauptverband einzusetzen.

Von Inge Smolek, Ärzte Woche 7 /2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben