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Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, MedUni Wien
 
Augenheilkunde 7. Dezember 2010

Implantat im Glaskörper

Innovative Therapien für Netzhautschäden und Augentumoren wurden bei der ART-Tagung diskutiert.

Neue Ansätze bei Augentumoren ermöglichen frühe Diagnosestellung und gezielte Behandlung mit medikamentösen und chirurgischen Methoden. Gentests stehen erstmals für eine individuelle Prognose zur Verfügung. Bei der Diabeteserkrankung des Auges, einer der häufigsten Ursachen für einen Sehverlust weltweit, werden aktuell die Behandlungsempfehlungen komplett überarbeitet, da wirksame neu entwickelte Medikamente die Lasertherapie weitgehend ablösen. Auf dem ART-Kongress befassten sich internationale Expertinnen und Experten mit neuen Forschungsergebnissen und Therapien.

 

„Augentumoren sind zwar seltene, aber umso gravierendere Erkrankungen, weil sie häufig spät entdeckt werden und schwer therapierbar sind“, so Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth, Vorstand der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, MedUni Wien. „Gerade weil die Erkrankungen so selten sind, ist ausreichende Erfahrung und spezielle Expertise ganz wesentlich, die es weltweit nur an einigen wenigen Augen-Tumorzentren gibt.“ In der augenonkologischen Abteilung der Wiener Universitätsklinik für Augenheilkunde unter der Leitung von Prof. Martin Zehetmayer werden beispielsweise jährlich 40 neue Patienten mit Aderhaut-Melanomen behandelt, pro Jahr werden in diesem Bereich rund 1.200 Patientenkontakte verzeichnet.

Genetische Tests

Gentests erlauben die bessere Einschätzung des Metastasierungsrisikos und damit auch eine indviduellere Gestaltung von Therapie und Nachsorge. Untersuchungen zeigen, dass beim Aderhautmelanom das Onkogen GNAQ bei mehr als der Hälfte der Betroffenen bereits frühzeitig verändert ist. Es steuert ein wichtiges Signalprotein der Zelloberfläche, das die Zellregulation überaktiviert und offenbar wesentlich an der Tumorentstehung und -entwicklung beteiligt ist. „Wird aufgrund des genetischen Profils im Tumormaterial ein hohes Erkrankungsrisiko für Metastasen festgestellt, so sind durch engmaschige Kontrollen die Früherkennungschancen sowie das Überleben deutlich verbessert“, betont Zehetmayer. Die neuen Tests sind aber auch eine wichtige Grundlage für eine gezielte individuelle Therapie: So werden bei Patienten mit GNAQ-Mutationen bereits Substanzen eingesetzt, mit denen sich die überaktivierte Zellregulation auch effektiv hemmen lässt.

Obwohl Augentumoren nach wie vor eine große Herausforderung für den behandelnden Arzt sind, gibt es vielversprechende neue Entwicklungen, wie Zehetmayer betont: „Wir können immer gezielter therapeutisch vorgehen, mit neuen Behandlungsmethoden wird das Risiko, ein Auge oder das Sehvermögen zu verlieren, gegenüber den bisher verfügbaren Verfahren deutlich gesenkt.“

Brachytherapie & Gamma-Knife

Ein wichtiger Faktor ist die Bildgebung: Durch die genaue 3-D-Darstellung von Tumoren und die damit verbundene exakte Lokalisation im Auge können notwendige Operationen und Bestrahlungen wesentlich präziser geplant und schonender organerhaltend durchgeführt werden.

Bei der Brachytherapie wird eine Strahlenquelle ganz nahe an den Tumor herangeführt und für einige Tage fixiert oder die Protonenbestrahlung durchgeführt. „Eine wichtige Innovation ist die stereotaktische Protonenbestrahlung mit einem Linearbeschleuniger (LINAC), dem Gamma-Knife oder dem Cyber-Knife“, berichtet Zehetmayer. „Wir konnten an unserer Klinik mit dem Gamma-Knife und besonders mit dem LINAC sehr gute Ergebnisse erzielen.“ Die Bestrahlung mit dem LINAC hat gegenüber allen anderen einen großen Vorteil für die Betroffenen: Sie erfordert keine Operation. „Durch die gute interdisziplinäre Kooperation mit der Universitätsklinik für Strahlentherapie können wir am LINAC ausgezeichnete Tumorkontrollraten von über 95 Prozent erzielen“, so der Experte.

Ein besonderer Arbeitsschwerpunkt an der Universitäts-Augenklinik liegt in der Erforschung von Methoden, um Strahlennebenwirkungen zu minimieren. Auch diese neuen Ansätze im Bereich der medikamentösen Therapie von Augentumoren werden auf dem internationalen Kongress diskutiert. So zeigt ein Team der Wiener Universitätsaugenklinik in einer Arbeit, dass bestimmte Zytokine und Wachstumsfaktoren eine Rolle in der Entwicklung von Komplikationen spielen. Experimentelle Daten unterstreichen den Ansatz in Richtung künftiger medikamentöser Therapien: Den Untersuchungen zufolge kann eine gegen Wachstumsfaktoren gerichtete Anti-VEGF-Therapie bei Bestrahlungsnebenwirkungen in Augen-Melanomen sehr gut wirksam sein.

Neue Studiendaten gibt es auch zu einer speziellen Form des Non-Hodgkin-Lymphoms, das sich im Auge manifestiert (intraokuläres Lymphom). Zehetmayer: „Eine lokale Behandlung, also Injektionen mit dem Chemotherapeutikum Methotrexat oder dem Biologikum Rituximab direkt in das Auge, scheint wirksamer zu sein als herkömmliche systemische Therapien und zudem auch nebenwirkungsärmer.“

Implantate statt Laser

Bisher galt bei diabetischen Netzhauterkrankungen die Photo-Koagulation, also die Laserbehandlung der Netzhaut, als Standardtherapie. „Derartige Eingriffe werden nun von neuen Medikamentengenerationen abgelöst, die eine Verödung von Gewebe im Auge größtenteils überflüssig machen“, betont Kongresspräsidentin Schmidt-Erfurth. „Das wird zu einem komplett veränderten Management von Diabetespatienten führen.“

So wurden für das Biologikum Ranibizumab, das bisher für die Behandlung der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) zugelassen ist, jetzt große Studien zur Anwendung beim diabetischen Makulaödem abgeschlossen. Schmidt-Erfurth: „Es ließ sich zeigen, dass regelmäßige Injektionen die Sehfähigkeit von Diabetikern deutlich verbessern, eine Zulassung in dieser Indikation erfolgt bereits im Dezember des Jahres, damit ist die Therapie auch in der Routine für Patienten verfügbar. Vor allem sind aus diesen Studien auch feste praktische Richtlinien für die Behandlungsweise der Diabeteserkrankung am Auge hervorgegangen.“

Eine weitere Neuerung auf diesem Gebiet ist ein kürzlich in Europa zugelassenes biologisches Kortison-Implantat gegen diabetische Augenerkrankungen und Gefäßverschlüsse, das die Wirksubstanz über Monate kontinuierlich abgibt und sich dann auflöst. „Das kleine Implantat mit einem Durchmesser von zwei Millimetern wird mit einer Injektionsnadel direkt in das Auge appliziert und hat eine Wirkungsdauer von sechs Monaten“, erklärt Schmidt-Erfurth die Funktionsweise. Besonders gut geeignet seien die Implantate für Ältere: „Kortison kann als Nebenwirkung eine Katarakt verursachen. Wird es aber bei jenen eingesetzt, die ohnehin schon künstliche Linsen haben, ist diese Nebenwirkung nicht relevant, und es erweist sich als ebenso wirkungsvoll wie die teureren und häufig zu wiederholenden Biologika.“ Die modernen Substanzen erweisen sich laut Schmidt-Erfurth nicht nur als gleich wirksam wie die bisher gängige Laserbehandlung, sondern sind grundsätzlich dem Laser deutlich überlegen. „Das war überraschend und ist schon deshalb erfreulich, weil der Laser letztlich immer auch Netzhaut zerstört. Die Expertengremien sind derzeit dabei, die Behandlungsempfehlungen zu ändern. Der Laser als Standardtherapie bei diabetischen Augenerkrankungen wird durch die Medikamente, die ins Auge getropft werden, abgelöst. Patienten haben jetzt eine Wahlmöglichkeit“, sagt Schmidt-Erfurth.

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