zur Navigation zum Inhalt
 
Augenheilkunde 9. November 2010

Struktur, Funktion – oder beides?

Die Glaukom-Progression verlässlich überwachen.

Was liefert bessere klinische Entscheidungshilfen – die Überprüfung des Gesichtsfelds oder der Papille? In einer Keynote Lecture am 9. Kongress der Europäischen Glaukomgesellschaft wurden die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentiert. Derzeit sollten noch beide Verfahren durchgeführt werden; in Zukunft wird die Messung des Ganglionzellverlusts mehr diagnostische Klarheit bringen.

Zwei gebräuchliche Untersuchungsmethoden zur Messung der Glaukomprogression verglich Prof. Dr. Balwantry Chauhan von der Abteilung für Ophthalmologie an der Universität Dalhousie in Kanada in seinem Vortrag: die konfokale Lasermikroskopie der Papille (Heidelberg Retina Tomograph, HRT) und die standardisierte Perimetrie (standard automated perimetry, SAP). Seine Warnung: „Die Ärzte, die sich auf nur eine Untersuchung beschränken, gehen von einer ganzen Reihe von Annahmen aus.“ Diese seien, ...

  • dass man die eine Untersuchung durch die andere ersetzen kann, dass also die Information austauschbar ist;
  • dass sich die Untersuchungen auf dieselben Merkmale der Glaukomprogression beziehen;
  • dass sie hinsichtlich Sensitivität und Spezifität gleichwertig sind;
  • dass sie für die klinische Entscheidung gleichermaßen wichtig sind.

Selten Übereinstimmung der Messergebnisse

Doch das wäre natürlich zu einfach, sagte der Experte. „Tatsächlich ist es die Ausnahme, wenn Papillen- und Gesichtsfeldveränderungen übereinstimmen; typischerweise tun sie das nicht.“ Auch die „Regel“, dass es bei Veränderung der Papille nicht unbedingt zu Gesichtsfeldveränderungen kommt, könne Ausnahmen haben.

In einer Studie des kanadischen Experten (siehe Literatur) an 77 Glaukompatienten, die 5,5 Jahre lang alle sechs Monate mit beiden Modalitäten untersucht wurden, zeigte sich beispielsweise Folgendes: 27 Prozent zeigten keine Progression mit beiden Methoden; 40 Prozent zeigten eine Progression nur mit HRT, während vier Prozent nur in der SAP eine Progression zeigten. Von den 29 Prozent, die mit beiden Methoden eine Progression zeigten, zeigten 45 Prozent zuerst in der HRT, 41 Prozent zuerst in der Perimetrie die Verschlechterung der Krankheit. 14 Prozent zeigten zeitgleich bei beiden Methoden ein Fortschreiten.

„Die meisten Patienten mit Gesichtsfeldveränderungen hatten also auch Papillenveränderungen, doch nur wenige Patienten mit Papillenveränderungen hatten auch Feldveränderungen“, kommentierte Chauhan. Man könne die Untersuchungsmethoden also keineswegs willkürlich austauschen.

Ungeklärt: wann welche Untersuchung?

Auch auf die Frage, in welchem Krankheitsstadium welche Modalität besser geeignet sei, gebe es keine eindeutige Antwort. Es hieße zwar immer wieder, dass die Untersuchung der Struktur in einem frühen Krankheitsstadium sinnvoller sei, die Messung der Funktion in einem späteren, doch „dafür gibt es keine Beweise.“ Es sei außerdem zu bedenken, dass eine „Progression“ durch statistische Parameter bewertet werde und nicht unbedingt ein biologisches Ereignis widerspiegelt. „Es kommt also darauf an, wann der Patient zur Untersuchung kommt; je nachdem, welches statistische Ereignis in welcher der beiden Untersuchungen als Nächstes erkannt wird, ist die eine oder die andere Untersuchung vorzuziehen.“

Ganglienzellverlust im Fokus

Die Zusammenfassung der derzeitigen Lage könne nach Ansicht des Ophthalmologen nur lauten: „Mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden können wir lediglich Informationen über Veränderungen einholen, die großteils voneinander unabhängig sind. Die Messung der Struktur kann nicht durch die Funktionsüberprüfung ersetzt werden, umgekehrt genauso. Man muss beide durchführen – allerdings nur, wenn auf den Ergebnissen auch eine klinische Entscheidung beruht. Es sollten nicht nur Daten angesammelt werden.“

Was wirklich benötigt würde, sei die Messung des Verlusts der Ganglienzellen. Obwohl nach wie vor ungeklärt sei, welcher Mechanismus diesem Verlust zugrunde liegt – vermutet wird eine Assoziation mit der Apoptose retinaler Ganglienzellen –, und auch die direkte Korrelation zwischen dem Tod der Ganglienzellen und Mängeln im Gesichtsfeld nicht bestätigt ist, wird davon ausgegangen, dass der Zellverlust dem Beginn der Sichtfeldveränderungen vorausgeht. „Mit einer Messung des Ganglienzellverlusts wären wir daher schon einen Schritt weiter, unsere Patienten früher gezielt zu therapieren“, so Chauhan.

 

Literatur: Optic disc and visual field changes in a prospective longitudinal study of patients with glaucoma: comparison of scanning laser tomography with conventional perimetry and optic disc photography.

Chauhan BC et al, Arch Ophthalmol. 2001 Oct;119(10):1492-9

Von Dr. Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 45 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben