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Foto: wikipedia / Viki
Außer den Giftdrüsen besitzen Vogelspinnen einen weiteren Abwehrmechanismus gegen Feinde. Bei Bedrohung reiben die Tiere mit den Hinterbeinen über ihren Hinterleib, wobei sie feinste Härchen abbrechen und dem Angreifer entgegenschleudern.
 
Augenheilkunde 27. Jänner 2010

Ophthalmia nodosa - Spiderman’s eye

Liebhaber exotischer Haustiere sollten bei der Fütterung ihrer Vogelspinnen besser eine Schutzbrille aufsetzen, empfehlen britische Ophthalmologen.

Im Februar 2009 wurde ein 29-jähriger Mann von seinem behandelnden Allgemeinmediziner an die Augenunfallklinik in St. James’s University Hospital, in Leeds, England, überwiesen. Er präsentierte sich mit einem schon drei Wochen bestehenden roten, tränenden und lichtempfindli-chen rechten Auge. Er war wegen des Verdachts auf eine bakterielle Konjunktivitis mit einem topischen Antibiotikum behandelt worden, was die Symptome jedoch nicht beseitigte.

 

Die Prüfung seiner Sehschärfe im rechten Auge ergab 6/9, während sein linkes Auge 6/4 erreichte. Eine Spaltlampenuntersuchung (Biomikroskopie) des rechten vorderen Augenabschnittes zeigte eine diffuse konjunktivale Entzündungsreaktion sowie multiple subepitheliale Hornhautinfiltrate, die als gestreute weiße Punkte sichtbar waren. Diese Ergebnisse wiesen zunächst auf eine virale Keratokonjunktivitis hin. Erst eine starke Vergrößerung des Augengewebes zeigte sehr feine, winzig kleine haarähnliche Strukturen, die im Zentrum gesehen wurden. Auch in tieferen Schichten der Hornhaut konnten diese registriert werden, wobei einige von ihnen in die innerste endotheliale Schicht abgewandert waren, um dann in der vorderen Augenkammer kleine Entzündungen zu provozieren.

Basierend dieser Befunde wurden weitere Untersuchungen veranlasst, die im Besonderen auch die Netzhaut mit einbezogen. Auch die Retina zeigte Entzündungsprozesse, wobei sie – wie auch in der Hornhaut zuvor – haarähnliche Strukturen aufwies.

Des Rätsels Lösung

Als dem Patienten die Ergebnisse der Untersuchungen beschrieben wurden, erinnerte er sich spontan an einen Vorfall, der den Ausbruch seiner Symptome vorangegangen war.

Drei Wochen zuvor wollte der junge Mann das Terrarium von seinem Haustier, einer Roten Chile-Vogelspinne (Grammostola rosea), reinigen. Während seine Aufmerksamkeit auf einen hartnäckigen Fleck gerichtet war, bemerkte er, wie sich im Terrarium etwas bewegte. Er wandte seinen Kopf und sah, dass sich die Vogelspinne bereits ganz nah zu ihm befand und plötzlich „einen Nebel von Haaren“ abschoss, der seine Augen und sein Gesicht traf.

Die Ursache für dieses klinische Erscheinungsbild des Patienten war jetzt für die Augenärzte klar. Sie diagnostizierten eine Ophthalmia nodosa, wie die entzündliche Reaktion des Auges auf Insektenhaare oder pflanzliches Material genannt wird.

Therapeutische Maßnahmen

Die Ärzte versuchten zuerst, die Haare in der Hornhaut operativ zu entfernen. Leider waren diese viel zu fein, sodass sie nicht einmal für die Mikrozange zugänglich waren. Eine intensive Behandlung mit topisch steroidhältigen Augentropfen mit ausschleichendem Regime wurde veranlasst.

In August 2009 klagte der Patient über periodisch auftretende Mouches volantes (deutsch fliegende Mücke, englisch floaters). Sein Auge war zwar nicht mehr rot und seine Sehschärfe hatte sich auch verbessert (6/5), aber es traten wieder leichte Entzündungen in seinem Glaskörper auf. Diese wurden noch einmal mit lokaler Steroidgabe einmal täglich behandelt, was auch zur Besserung seiner Symptome führte.

Typischer Abwehrmechanismus einer Vogelspinne

Wenn sich Vogelspinnen bedroht fühlen, dann reiben die Tiere mit den Hinterbeinen über ihren Hinterleib. Dabei brechen bis zu zirka 100.000 feinster Härchen ab, die sie dem Angreifer entgegenschleudern. Vogelspinnenhaare besitzen feine, kleine Widerhaken, die nahezu unmöglich sind, aus dem hoch sensiblen Augengewebe zu entfernen. Stattdessen arbeiten sie sich mit der Zeit in die Tiefe. Bei dem Patienten waren einige Haare durch die Cornea bis an die Grenze zur vorderen Augenkammer vorgedrungen. Es kam deshalb auch später zu intermittierenden Glaskörpertrübungen.

Wie die Ärzte berichteten, trägt nun der Patient jedes Mal beim Berühren der Roten Chile-Vogelspinne sowie beim Reinigen des Terrariums einen Augenschutz.

 

Originalpublikation:

Jonathan H Norris, Zia I Carrim, Andrew J Morrell, Department of

Ophthalmology, St James’s

University Hospital, Leeds, UK. Spiderman’s eye. Lancet 2010; 375: 92

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