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Edgar Degas (1834–1917) wechselte aufgrund seiner Augenerkrankung auf die Bildhauerei.
 
Augenheilkunde 14. November 2008

Aus den Augen verloren

Auch weltberühmte Maler mussten die leidvolle Erfahrung machen, wie es ist, wenn die Sehkraft schwindet. Bei Degas und Monet ist ihr zunehmendes Augenleiden gut an einigen Bildserien zu erkennen.

Das Sehen ist unser wichtigster Sinn. Doch Alter und Augenleiden können unsere Sehkraft schwächen. Der Blick trübt sich, Formen verschwimmen und Farben verblassen. Was für jeden Menschen ein Problem ist, kann für Maler eine Katastrophe sein. Ein Blick auf die Gemälde der französischen Künstler Claude Monet und Edgar Degas offenbart, wie ihre schwindende Sehkraft ihr Werk beeinflusst hat.

 

Claude Monet (1840–1926) ist bekannt für seine eindrucksvollen impressionistischen Serien, die ein Motiv im Licht verschiedener Tages- und Jahreszeiten zeigen. Viele dieser Gemälde zeigen zum Beispiel die japanische Brücke, die Monet über den Seerosenteich in seinem Garten bauen ließ. Monets Angewohnheit, dasselbe Motiv zum Teil über Jahrzehnte hinweg immer wieder zu malen, ist ein Glücksfall für die Forschung. Denn an diesen Serien lässt sich nachvollziehen, wie sich seine Augen im Alter verändert haben.

Kurz vor seinem 70. Lebensjahr hatte Monet erstmals Probleme bei der Auswahl von Farben. In der Folge klagte er zunehmend darüber, dass er immer schlechter sehen könne. Für Monet war es, als blickte er durch einen dichter werdenden Nebel, bis er schließlich selbst große Formen kaum noch erkennen konnte. Seine Welt versank zusehends in undeutlichen Schatten. Mit 80 Jah-ren schließlich hatte Monet seine Sehkraft so weit verloren, dass er mit dem rechten Auge nur noch Helligkeitsunterschiede erkennen konnte und mit dem linken gerade noch zehn Prozent sah.

Claude Monet litt an einem Grauen Star

Die Linsen in Monets Augen hatten sich getrübt – graue Stare waren entstanden. Graue Stare wirken, als blicke man durch stark verschmutz-te Brillengläser. Am Anfang der Erkrankung erscheint alles nur leicht unscharf. Je mehr die Trübung je- doch fortschreitet, desto undeutlicher sieht man. Zuerst kann man nur Details nicht mehr erkennen; in späten Stadien aber kann ein grauer Star sogar zum Erblinden führen. Darüber hinaus verändern graue Stare auch die Wahrnehmung von Farben, vor allem wenn sich die Linse im Alter langsam gelblich-braun verfärbt. Vergilbte Linsen wirken wie Filter, die kalte Farbtöne abfangen: Violett, Blau, später auch Grün dringen nicht mehr zur lichtempfindlichen Netzhaut vor.

Diese Veränderung in Monets Augen spiegelt sich in seinen Gemälden wider. Der Künstler versuchte seine schlechter werdende Sehkraft mit allerlei Tricks auszuglei-chen. Um Irrtümer in der Farbge-bung zu vermeiden, las er die Etiketten auf den Farbtuben und trug jede Farbe immer an der gleichen Stelle seiner Palette auf. Dabei half Monet seine Jahrzehnte lange Erfahrung, wie seine Motive bei verschiedensten Lichtverhältnissen aussehen und sein Wissen, welche Farben er mischen muss, um eine bestimmte Stimmung wiederzugeben. Doch immer häufiger war er frustriert über seine Bilder und glaubte, nichts Schönes mehr schaffen zu können. Tief enttäuscht über sein Schicksal, ließ er sogar einige seiner späten Gemälde zerstören.

Erst mehrere Operationen, in denen Monets getrübte Linsen entfernt wurden, brachten ihm sein Augenlicht zurück. Nachdem er im Jahr 1925 eine geeignete Brille gefunden hatte, um die verlorene Brechkraft seiner entfernten Linsen zu ersetzen, nahm Monet die Arbeit wieder auf. Er war überglücklich und endlich wieder zufrieden mit seinen Gemälden. Vor allem konnte er eins seiner größten Werke vollenden: die großen Seerosengemälde für die Orangerie. Monets Glück war jedoch von kurzer Dauer: Er starb am 5. Dezember 1926 in seinem Haus in Giverny.

Edgar Degas hatte schon in jungen Jahren Sehprobleme

Edgar Degas (1834–1917) hatte für einen Maler ungewöhnlich schlechte Augen. Bereits mit 36 Jahren, als er sich zum Militärdienst meldete, stellte sich beim Probeschießen heraus, dass er mit dem rechten Auge das Ziel nicht sehen konnte. Wenig später konnte Degas nicht mehr im Freien arbeiten, weil ihn das Tageslicht blendete. Ungewöhnlich für einen Impressionisten, musste er sich in abgedunkelte Ateliers zurückziehen. So wandte er sich zunehmend Motiven im Innern zu, wie seinen berühmten Ballettklassen.

Degas litt vermutlich an einer krankhaften Veränderung der Netzhaut, einer sogenannten Degeneration der Makula. Die Makula liegt im Zentrum der Netzhaut und ist der Bereich, mit dem wir Dinge sehen, wenn wir sie direkt anschauen. Wenn die Makula stirbt, entsteht ein „blinder Fleck“ mitten im Gesichtsfeld. Man sieht dann nur noch die Umgebung der Stelle, die man gerade anschaut. Die Makula ist nicht nur der zentrale Bereich der Netzhaut. Sie ist auch die Stelle, mit der wir am schärfsten sehen und Farben am besten erkennen können. Menschen mit geschädigter Makula müssen also nicht nur an den Dingen, die sie sehen möchten, vorbeischauen. Sie sehen die Welt auch verschwommen und nehmen Farben schlechter wahr. Zudem reagieren die Randbereiche der Netzhaut empfindlicher auf Licht, was dazu führt, dass Menschen mit einer Makula-Degeneration leicht geblendet werden. Das Absterben der Makula läuft in der Regel über etliche Jahre hin-weg ab und die beschriebenen Symptome entwickeln sich langsam.

Von der Malerei zur Bildhauerei

Mit den Jahren verschärften sich auch Degas Augenprobleme. Die „blinden Flecke“ im Zentrum seines Gesichtsfeldes wurden größer und Degas sah immer undeutlicher. Seine Bilder verlieren in dieser Zeit zunehmend Details und zeigen nicht mehr die fein abgestuften Farben der früheren Jahre. Stattdessen dominieren breite Striche und kräftige Farben. Schließlich sah er sich gezwungen, die Malerei aufzu-geben und sich der Bildhauerei zuzuwenden. „Jetzt muss ich das Handwerk eines Blinden lernen“, zitiert ein Freund den enttäusch- ten Degas. Doch trotz seiner Beeinträchtigung gelang es dem Künst- ler, Objekte von großer Ausdruckskraft zu schaffen, die auch heute nichts von ihrer Wirkung eingebüßt haben.

Die Augenleiden der hier besprochenen Künstler sind gut belegt. Bei der Interpretation des Werks anderer Künstler ist jedoch Vorsicht geboten. Wenn man im Spätwerk eines Malers die „charakteristischen“ Zeichen getrübter Linsen oder einer sterbenden Netzhaut zu erkennen glaubt, kann man daraus nicht unbedingt schließen, dass er tatsächlich von einem Augenleiden betroffen war. Faktoren, die nichts mit einer veränderten Wahrnehmung zu tun haben, können ähnliche Auswirkungen haben. Es mag beispielsweise sein, dass sich das Bild verändert hat, nachdem es gemalt wurde. Schmutz kann sich anlagern, der Firnis nachdunkeln und Pigmente ihre Farbe ändern. Besondere Vorsicht ist geboten, wenn man nicht die Gemälde selbst, sondern Abdrucke in Büchern miteinander vergleicht, deren Farben stark vom Druck abhängen.

Natürlich ändern Künstler gelegentlich auch bewusst ihren Stil, ohne dass sich ihr Sehvermögen verändert hat. Jede Interpretation des Werks eines Künstlers muss deshalb immer auch andere Quellen berücksichtigen als die Bilder selbst, z. B. biografische oder autobiografische Aufzeichnungen sowie überlieferte Diagnosen der behandelnden Ärzte. Wenn jedoch, wie im Fall von Monet und Degas, die Augenleiden der Künstler gut dokumentiert sind, kann ihr Werk einen Eindruck ge-ben, wie die Welt durch getrübte Augen erscheint.

 

Dr. Ralf Dahm, Director of Scientific Management, ist am Spanish National Cancer Research Centre (CNIO) in Madrid, Spanien, tätig.

Foto (2): wikipedia

Edgar Degas (1834–1917) wechselte aufgrund seiner Augenerkrankung auf die Bildhauerei.

Claude Monet (1840–1926) unterzog sich erst im hohen Alter mehreren Operationen.

Von Dr. Ralf Dahm, Ärzte Woche

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