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Allgemeinmedizin 18. Juni 2008

Kalorienbomben statt gesunde Durstlöscher

Österreicher trinken pro Kopf jährlich 82 Liter Limonade, 35 Liter Fruchtsaft und 16 Liter Eistee. Grund genug für Konsumentenschützer, die Getränke genauer unter die Lupe zu nehmen. Die meisten Produkte enthalten zu viel Zucker und Fruktose. Auch Süßstoffe sind nicht unbedenklich.

70 Getränke hat die Arbeiterkammer AK untersucht und festgestellt, dass bis zu 35 Würfelzucker pro Liter enthalten sind, was einem Energiewert von 520 Kalorien entspricht. Die Spitzenreiter sind die gezuckerten Limonaden, aber auch Light-Limonaden und Wellness-Getränke auf Mineralwasserbasis sind nicht ohne: Künstlich gesüßte Limonaden enthalten außer Süßstoffen bis zu 20 Stück Würfelzucker. Die Wellness-Wässer kommen auf sieben bis 17 Stück Zucker, bei künstlich gesüßten Wellness-Drinks liegt der Zuckeranteil immerhin noch bei drei bis vier Stück. Die herkömmlichen Eistees enthalten sieben bis 13 Stück, die kalorienarmen Varianten ein bis vier Stück Würfelzucker.
Hinterfragt gehört die Rolle der Fruktose (siehe Kasten). Gerade in den sogenannten Wellness-Getränken auf Mineralwasserbasis findet sich statt Rohr- bzw. Rübenzucker häufig die Zuckerart Fruktose. Die weiteren angeblich so wohltuenden Zutaten sind hingegen nur in geringen Mengen im Prozentbereich enthalten.
Fruktose genießt unter den Zuckerarten derzeit das wohl beste Image bei den Konsumenten. Zu Unrecht, wie sich immer deutlicher herausstellt.

Fruktose Superstar

Fruchtzucker enthält genauso viele „leere“ Kalorien wie Haushaltszucker, macht daher genauso dick und hinterlässt außerdem ein ebenso saures Milieu im Mund wie der herkömmliche Zucker – „ein idealer Kariesnährboden“, so Ernährungswissenschaftlerin Mag. Petra Lehner. „Genau genommen ist sogar der normale Haushaltszucker besser, weil weniger Menschen darauf mit Intoleranzen reagieren.“ Der einzige Vorteil, den die Fruktose habe: die um etwa 20 Prozent stärkere Süßkraft. Daher müsste man annehmen, dass insgesamt weniger davon verarbeitet wird, um dieselbe Süße zu erreichen, aber Fehlanzeige: „Es wird immer gleich viel verwendet, egal ob Saccharose, Fruktose oder Glukose“, bedauert Lehner.
Die am häufigsten verwendeten Süßstoffe sind laut AK übrigens Cyclamat E 952, Acesulfam E 950, Saccharin E 954 und Aspartam E 951.
Die erlaubten Werte werden zwar in den künstlich gesüßten Getränken häufig unterschritten, in der Menge ergeben sich allerdings dennoch hohe Dosierungen.

Happige Süßstoffe

„Vor allem bei Kindern ist Vorsicht geboten“, warnt Dipl. Ing. Heinz Schöffl, Autor der Studie. „Wenn ein Kind mit 20 Kilogramm einen Liter Limonade mit dem zulässigen Höchstgehalt an Saccharin trinkt, ist die maximale tägliche Aufnahme an Saccharin erreicht. Bei Acesulfam würde sogar schon ein halber Liter reichen.“ Außerdem sind Süßstoffe auch in vielen anderen Lebensmitteln enthalten, was in der Beurteilung der Tagesration berücksichtigt werden müsse, zumal viele Menschen Süßstoffe nicht vertragen und unter Darmproblemen, Blähungen und Übelkeit leiden.

Irreführende Information

Weder Zucker noch Süßstoffe sind in reinen Fruchtsäften enthalten. Auf Fruchtsaftverpackungen wird dennoch häufig unnötigerweise darauf hingewiesen, dass kein Zucker zugesetzt ist. Das suggeriere allerdings fälschlicherweise, dass das Produkt nicht gesüßt sei, bemängeln die Konsumentenschützer. Fruchtsäfte enthalten per definitionem nie Zucker, denn wo Fruchtsaft draufsteht, muss zu hundert Prozent Fruchtsaft drin sein. Man dürfe dabei jedoch nicht vergessen, dass die Säfte fruchteigenen Zucker enthalten. „EU-rechtlich müsste die Aufschrift kein Zucker zugesetzt ergänzt werden durch enthält von Natur aus Zucker“, fordert Lehner daher. „Im Fall von echtem Fruchsaft ist kein Zucker zugesetzt eigentlich eine Werbung mit Selbstverständlichem und damit nicht zulässig.“ Schließlich enthalten auch Fruchtsäfte teilweise beträchtliche Zuckermengen. Ein Liter Apfelsaft bringt es auf 110 Gramm Zucker, das sind umgerechnet 30 Würfelzucker.
Die besten Durstlöscher sind daher immer noch: Leitungswasser, Mineralwasser und ungesüßter Tee, und wenn es ein bisschen mehr sein darf: aufgespritzte Fruchtsäfte.

Mag. Patricia Herzberger


Fruchtzucker ist überflüssig

Fruktose ist heute eine zu häufig verwendete Zutat in industriell gefertigten Nahrungsmitteln, die bei vielen Menschen gesundheitliche Beschwerden verursacht. Daher wäre eine Gesundheitssteuer auf den Krankmacher zu überlegen.

 Doz. Dr. Maximilian Ledochowski

In früheren Jahrtausenden hat der Mensch maximal 16 bis 24 Gramm Fruktose pro Tag in Früchten oder Honig zu sich genommen. Heute nimmt ein durchschnittlicher US-Amerikaner die vierfache Menge davon zu sich, das meiste jedoch nicht mehr in Form von Obst, sondern in verarbeiteten Lebensmitteln. Die Entwicklung hat ihren Ausgang in den 1950er Jahren genommen, als man technische Verfahren entwickelte, welche die schnelle Umwandlung von Glucose in Fruktose ermöglichten. Fruchtzucker hat eine deutlich höhere Süßkraft als alle anderen Zuckerarten und bessere Verarbeitungseigenschaften. Er hält die Feuchtigkeit für längere Zeit in den Lebensmitteln, so dass diese nicht so schnell altbacken werden. In Form von HFCS (high fructose corn syrup) hat der Fruchtzucker in der Folge einen Siegeszug angetreten. Neben den guten Verarbeitungseigenschaften hat auch die Kubakrise zur starken Verbreitung der Fruktose beigetragen, da damals ein Handelsembargo gegen den Hauptzuckerrohrlieferanten der US-Lebensmittelkonzerne verhängt wurde, weshalb die Industrie auf die Verwendung von HFCS umgestellt werden musste.
Der weltweite Verbrauch stieg exponentiell, bis in den 1980er Jahren die ersten Kinderärzte entdeckten, dass die sogenannte „Toddler diarrhea“ etwas mit dem vermehrten Fruchtzuckerkonsum zu tun haben könnte. In den 1990er Jahren kamen dann die ersten Internisten darauf, dass so manches „Reizdarmsyndrom“ eigentlich auf die hohe Fruchtzuckerzufuhr zurückzuführen ist. Wenig später wurde der „GLUT5-Transporter“ – ein Protein im Dünndarm – entdeckt, der für den Transport von Fruchtzucker zuständig ist. Die Kapazität dieses Transporteiweißes im Dünndarm ist nicht bei allen Menschen gleich ausgebildet. Dies erklärt, warum etwa ein Drittel der Bevölkerung größere Fruchtzuckermengen nicht resorbieren kann, mit der Folge, dass der nicht resorbierte Fruchtzuckeranteil in den Dickdarm gelangt, wo er zu Wasserstoff, Kohlendioxid, kurzkettigen Fettsäuren und (Schwefel)-Alkoholen vergoren wird. Diese Produkte führen dann zu Blähungen (CO2), Bauchschmerzen und Durchfall (kurzkettige Fettsäuren) und wahrscheinlich auch zu toxischen Reaktionen (nicht-alkoholische Fettleber durch vermehrten Anfall höherwertiger Alkohole) sowie zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Colonkarzinom (durch Schwefelalkohole, welche die b-Oxidation in Colonozyten inhibieren). In eigenen Studien konnten wir zeigen, dass darüber hinaus hohe Fruchtzuckerzufuhr bei dieser Patientengruppe mit signifikant niedrigeren Tryptophanspiegeln und vermehrter Neigung zu Depressionen einhergeht. Menschen mit einem Stimmungstief sind jedoch besonders anfällig für „gesundmachende Wellness-Produkte“. In diesen Fällen bewirken Wellnessgetränke aber gerade das Gegenteil von Wohlbefinden.
In den letzten Jahren wurden immer mehr Studien publiziert, aus denen hervorgeht, dass mit dem zunehmenden Fruchtzuckerkonsum auch Typ-2-Diabetes und Übergewicht zunehmen. Dies ist insofern von besonderer Bedeutung, da die meisten Diabetikerprodukte mit Fruchtzucker und/oder Sorbit gesüßt sind. Sorbit wird im Laufe seiner Verstoffwechselung zu Fruchtzucker umgebaut und hat damit die gleichen Effekte.
Insgesamt zeichnet sich Fruchtzucker als ziemlich überflüssiger Nahrungsmittelbestandteil ab: Wird er resorbiert, führt er zu Diabetes und Übergewicht, wird er nicht resorbiert, führt er zu Reizdarmsyndrom und Depressionen. In Frankreich hat man dies schon erkannt und plant, auf „Softdrinks“ eine Gesundheitssteuer einzuführen. In Österreich hingegen wird sogar die Tabaksteuer zweckentfremdet verwendet und nicht dem Gesundheitssystem zugeführt. In Anbetracht der „Gesundheitsreform“, bei der das relativ gut funktionierende Gesundheitssystem auf Kosten der Ärzte und Patienten kaputt gespart wird, müsste man überlegen, ob nicht Produkte, die nachweislich krank machen (Nikotin, Alkohol, Softdrinks, Lärm etc.), mit einer Gesundheitsabgabe besteuert werden sollten.

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