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Allgemeinmedizin 15. Mai 2008

Brivudin in der Therapie des Herpes zoster

Im Rahmen eines interdisziplinären Arbeitstreffens österreichischer Experten wurde der therapeutische Stellenwert von Brivudin (Mevir®) bei Herpes zoster diskutiert. Brivudin ist ein Nukleosidanalogon mit hoher virustatischer Potenz und Selektivität gegenüber Varicella-Zoster-Viren, das ein Mal täglich verabreicht und unabhängig von der Nierenfunktion dosiert werden kann. Herpes zoster ist eine neurokutane Erkrankung, die überwiegend bei Personen mit alters-, krankheits- oder therapiebedingt kompromittierter Immunlage auftritt und mit zum Teil schwerwiegenden Komplikationen und Folgeerkrankungen assoziiert ist. Erreger des Herpes zoster ist das Varicella-Zoster-Virus (VZV), das wie die Herpes-simplex-Viren (HSV) einer Therapie mit virustatischen Nukleosidanaloga zugänglich ist. Die häufigste Komplikation ist die Post-Zoster-Neuralgie (PZN).
Für Österreich wird derzeit eine Inzidenz von 30.000 bis 40.000 Fällen pro Jahr angenommen, wobei die Erkrankungshäufigkeit mit der steigenden Lebenserwartung in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen hat. Das Lebenszeitrisiko für Herpes zoster wird auf Populationsebene mit zehn bis 20 Prozent angegeben; in den meisten Fällen wird eine einzige Zoster-Episode durchlaufen. Wichtigster Risikofaktor ist das Alter: Zwei Drittel aller Erkrankungen entfallen auf die Altersgruppe über 50 Jahre, 50 Prozent auf die Gruppe über 60 Jahre. Im Alter von 85 Jahren hat bereits jeder Zweite eine Zoster-Episode durchlaufen. Die PZN betrifft neun bis 34 Prozent aller Zoster-Patienten. Wichtigster Risikofaktor ist wiederum das Alter. Auch bei adäquater Akutbehandlung sind circa 20 Prozent der über 50-Jährigen und circa 75 Prozent der über 70-Jährigen Zoster-Patienten betroffen.

Therapie des Herpes zoster

Die therapeutische Zielsetzung besteht in der Verkürzung des Krankheitsverlaufs mit Begrenzung der Hautläsionen und der damit verbundenen Schmerzen in der Akutphase und in der Verhinderung akuter und chronischer Komplikationen, allen voran der PZN. Die symptomatische Therapie in der Akutphase beinhaltet je nach klinischem Stadium austrocknend-antiseptische oder krustenlösende Lokalmaßnahmen, begleitet von einer an die Schmerzintensität angepassten analgetischen Medikation nach dem WHO-Schema, bei ausgeprägter neuralgischer Schmerzsymptomatik in Kombination mit Antikonvulsiva und/oder Antidepressiva.
Die antivirale Therapie mit systemischen Nukleosidanaloga beschleunigt das Abheilen der Zoster-Effloreszenzen und ist darüber hinaus die wichtigste Maßnahme zur Verhinderung von Zoster-assoziierten Komplikationen. Die topische antivirale Therapie hat keinen Einfluss auf den Krankheitsverlauf. Eine orale antivirale Behandlung ist indiziert ab dem 50. Lebensjahr, bei moderaten bis starken Eruptionen oder Schmerzen und allgemein bei erhöhtem Komplikationsrisiko. Die Behandlung soll möglichst rasch, jedenfalls aber innerhalb von 48 bis 72 Stunden nach Auftreten von Hautläsionen begonnen werden. Bei bekannter Immunschwäche oder Zoster-Komplikationen ist die antivirale Therapie auch nach Ablauf von 72 Stunden dringend indiziert.
Zur Therapie der Post-Zoster-Neuralgie kommen sowohl lokale (Kompressions- bzw. Schutzverbände, Lidocain-Pflaster, transkutane elektrische Nervenstimulation, Akupunktur) als auch systemische Maßnahmen (primär Antidepressiva, Antikonvulsiva und Opioide) zum Einsatz. Die in­trathekale Applikation von Kortikoiden hat sich in einzelnen Studien als vorteilhaft erwiesen, wird aber nicht allgemein empfohlen.1

Fakten zu Brivudin

Brivudin ist ein Nukleosidanalogon mit hoher virustatischer Potenz gegenüber Herpes-simplex-1- sowie Herpes-zoster-Viren2. Eine Virus-Eradikation kann jedoch mit Nukleosidanaloga nicht erreicht werden. Allerdings konnte gezeigt werden, dass Brivudin die Virus-Reaktivierung in explantierten Ganglien effizient hemmt3. Daher hängt der Behandlungserfolg wesentlich von der möglichst frühen Einnahme von Brivudin ab. Brivudin wird fast vollständig aus dem Darm resorbiert und erreicht eine Stunde nach oraler Applikation maximale Plasmaspiegel. Im In-vitro-Vergleich hemmt Brivudin die VZV-Replikation 200- bis 1.000-fach stärker als Aciclovir bzw. Penciclovir.4,5

Fazit für die klinische Praxis

Für den Einsatz von Brivudin bei Herpes zoster sprechen die hohe antivirale Potenz und Selektivität gegenüber VZV und das rasche Einsetzen der antiviralen Wirkung. Klinisch resultiert daraus eine im Vergleich zu Aciclovir überlegene Effektivität in der Akutphase der Erkrankung6 und eine im Klassenvergleich vergleichbare (Famciclovir)7 bis überlegene (Aciclovir oral)6 PZN-Prävention. Im Hinblick auf Therapieakzeptanz und Compliance sind die einmal tägliche Applikation sowie die von allen Virustatika geringste Tablettengröße vorteilhaft. Im Gegensatz zu Aci­clovir, Famciclovir und Valaciclovir erfordert Brivudin weiters keine Dosisanpassung bei Patienten mit mäßiger bis schwerer Niereninsuffizienz. Gemäß den Empfehlungen des International Herpes Management Forum (IHMF) stellt die einmal tägliche Verabreichung von Brivudin eine effektive Therapie des Herpes zoster bei immunkompetenten Patienten dar (Kategorie-1-Empfehlung auf Basis von konsistenter Evidenz aus kontrollierten klinischen Studien)8. In den Leitlinien der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft wird Brivudin in der Einmaldosierung von 125 mg über sieben Tage als gut wirksame und oralem Aciclovir überlegene Therapieoption bei Herpes zoster eingestuft, besonders bei über 50-jährigen Patienten mit erhöhtem PZN-Risiko9. Kontraindiziert ist eine gleichzeitige oder zeitnahe Therapie mit 5-Fluoruracil (5-FU) oder anderen 5-Fluorpyrimidinen.

Literatur:
1 Mounsey A et al., Am Fam Physician 72:1075, 2005.
2 De Clerq E et al., Proc Natl Acad Sci USA 76:2947, 1979.
3 Pavan-Langston D et al., Antiviral Res 4:53, 1984.
4 Baba M et al., J Exp Med 148:275, 1986.
5 Andrei G et al., Eur J Clin Micro-biol Infect Dis 14:318, 1995.
6 Wassilew SW, Wutzler P, Antiviral Res 59:49, 2003.
7 Wassilew SW et al., J Eur Acad Dermatol Venereol 19:47,2005.
8 Gnann J, Herpes 13 (Suppl 1):13A, 2006.
9 AWMF-Leitlinien 013/023, 2005.

Quelle und Rückfragehinweis:
A. Menarini Pharma GmbH
Dr. Markus Draxler
Pottendorfer Straße 25-27
1120 Wien
01/8799585


FACHKURZINFORMATION: Mevir® 125 mg-Tabletten.
Zusammensetzung (arzneilich wirksame Bestandteile nach Art und Menge): 1 Tablette Mevir enthält 125 mg Brivudin. Anwendungsgebiete: Frühzeitige Behandlung des akuten Herpes zoster bei immunkompetenten Erwachsenen. Gegenanzeigen: Mevir darf bei Überempfindlichkeit gegenüber Brivudin oder einem anderen Bestandteil des Arzneimittels nicht eingenommen werden • Mevir darf nicht gleichzeitig mit 5- Fluorouracil (5-FU) oder anderen 5- Fluoropyrimidinen (wie z. B. Floxuridin und Tegafur) eingenommen werden • die Mevir- Behandlung kann für immunsupprimierte Patienten (z. B. Krebspatienten unter Chemotherapie oder Patienten unter immunsuppressiver Therapie) nicht empfohlen werden • Sicherheit und Wirksamkeit von Mevir ist bei Kindern nicht ausreichend belegt; deshalb sollte es bei Kindern nicht angewendet werden • Mevir sollte nicht in der Schwangerschaft und Stillzeit eingenommen werden. Verschreibungspflicht / Apothekenpflicht: Rezept- und apothekenpflichtig, wiederholte Abgabe verboten. Name oder Firma und Anschrift des pharmazeutischen Unternehmens: A. Menarini Pharma G.m.b.H., Wien. Weitere Angaben zu Nebenwirkungen, Wechselwirkungen mit anderen Mitteln sowie Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen für die Anwendung sind der veröffentlichten Fachinformation zu entnehmen.

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