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Allgemeinmedizin 4. Juni 2008

Die Nichtraucher-Epidemie

Sag mir, wer deine Freunde sind, und ich sag dir, ob du rauchst. Wer dem blauen Dunst abschwört, hält das meist für eine individuelle Entscheidung. Untersuchungen über die Auswirkungen sozialer Netzwerke auf die Gesundheit zeigen aber: Menschen gewöhnen sich das Rauchen – ohne es zu wissen – in Gruppen ab. Selbst solche, die einander noch nie begegnet sind, beeinflussen einander. Amerikanische Forscher zeigen, wie sich das Nichtrauchen im Laufe der Zeit stellenweise „seuchenartig“ verbreitet.

 Netzwerk
Das Netzwerk von 1.000 zufällig ausgewählten Teilnehmern der Framingham Heart Study: Sind in den 1970er Jahren noch viele Raucher (gelbe Punkte) in allen Teilen des sozialen Netzwerks zu finden, hat in den folgenden 30 Jahren ihre Zahl abgenommen und sie wurden vermehrt an den Rand der sozialen Gruppen gedrängt.

Foto: James Fowler, University of California San Diego

Soziale Netzwerke sind mächtige Strukturen, in denen der Einzelne Unterstützung und Solidarität erhält, sei es privat oder beruflich. Sie können aber auch missbraucht werden, um andere zu kontrollieren und auszubeuten, wie es die Mafia oder Sekten vormachen. Manche Menschen müssen die schmerzliche Erfahrung von Ausgrenzung, Diskriminierung oder Mobbing machen. Zwar verfolgen viele Beziehungsgeflechte wie die Familie oder der Bekanntenkreis per se primär keine Ziele (im Gegensatz zu Organisationen, die offiziell gegründet werden und denen man bewusst beitritt), dennoch haben sie Auswirkungen, seien es positive oder negative, und erfüllen wichtige Funktionen. Jedenfalls gilt hier ganz besonders: Das Ganze ist mehr als die Summe der einzelnen Teile.

Herdentrieb ausnützen

„Die Krankheit oder der Tod oder das Gesundheitsverhalten einer Person könnte bei anderen Personen Krankheit, Tod und Änderungen des Gesundheitsverhaltens verursachen“, erklärt Dr. Nicholas A. Christakis, Internist und Medizinsoziologe an der Harvard Universität in Boston. Dieser Gedanke veranlasste ihn dazu, zusammen mit dem Politologen Prof. James H. Fowler von der Universität von Kalifornien in San Diego zu untersuchen, was in den komplexen Beziehungsgeflechten der Gesellschaft in gesundheitlicher Hinsicht vor sich geht. Sie stellten fest, dass sich Verhalten, insbesondere gesundheitsbezogenes Verhalten, ausbreitet, als würde es sich um eine Art soziale Ansteckung handeln.
In einer neulich erschienen Ausgabe des New England Journal of Medicine (2008: 358:2249-2258) publizierten sie die Ergebnisse ihrer Untersuchung über das Rauchverhalten in einem Netzwerk, das 12.067 Personen umfasste und das über 32 Jahre beobachtet werden konnte. Möglich war diese Langzeitstudie im Rahmen der Framingham Heart Study, einer groß angelegten amerikanischen Kohortenstudie. Es zeigte sich, dass die soziale Bande den Erfolg bei der Tabakabstinenz nicht unwesentlich beeinflussen. Ob man erfolgreiche Neo-Nichtraucher im Netzwerk hat oder nicht, entscheidet demnach darüber, ob der Wunsch entsteht, das Rauchen selbst auch aufzugeben, und darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass dies gelingen kann.
Es ist dabei nicht egal, wer im Bekanntenkreis mit dem Rauchen aufgehört hat. Ein Beispiel: Der Ehemann einer Arbeitskollegin hat es endlich geschafft, vom Glimmstängel loszukommen? Gut, denn dadurch erhöhen sich die Chancen ihrer Kollegen, es ebenfalls zu schaffen, sofern sie in einer kleinen Firma beschäftigt sind. Den größten Einfluss hatten laut Studie die Ehepartner. Ließ einer von beiden vom Glimmstängel ab, so verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass der andere Partner weiterrauchte, um 67 Prozent.
Nichtrauchende Freunde beeinflussten die Erfolgsquote im Ausmaß von 36 Prozent. In Firmen, allerdings nur in kleinen, belief sich der Effekt unter Arbeitskollegen auf 34 Prozent. Die Netzwerke waren im Übrigen auch über weite Distanzen wirksam, denn wie weit die nicht mehr rauchenden Bekannten und Verwandten entfernt waren, erwies sich als völlig unerheblich. Dass räumliche Nähe der Personen für das Gesundheitsverhalten irrelevant ist, wurde zudem dadurch belegt, dass der Lebensstil der Nachbarn keine Rolle spielte – außer natürlich, das Verhältnis zu ihnen war ein freundschaftliches. Es war hingegen nicht notwendig, die anderen im Netzwerk persönlich zu kennen: Auch Freunde von Freunden von Freunden, denen es gelungen war, dem Tabak abzuschwören, erhöhten die Chancen, vom Laster loszukommen. Ein nicht unwesentlicher Wermutstropfen ist allerdings dabei: All diese Vorteile ließen sich in bildungsfernen Bereichen der Netzwerke nicht erkennen.

Rauchende Außenseiter

Die hartnäckigen Raucher verblieben derweil in Clustern: Christakis und sein Team konnten messen, dass Freunde von Rauchern mit einer Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent selber auch rauchten. Auch hier bekamen noch Freunde der Freunde diesen Einfluss zu spüren: Sie waren um 29 Prozent häufiger selbst auch Raucher. Allerdings wurden die Raucher in dem Maße, in dem andere vom Qualm abließen, zunehmend ausgegrenzt. „1971 sind Raucher und Nichtraucher noch gleichermaßen in den Zentren der Netzwerke zu finden“, erläutert Fowler. Nach den 1980er Jahren hingegen sind Raucher zunehmend an den Rand der Netzwerke gedrängt worden (siehe Abbildung).

Dicke Freunde

Im letzten Jahr konnten Christakis und Fowler übrigens in Bezug auf die Ausbreitung von Adipositas ganz ähnliche Ergebnisse präsentieren. Im Verlauf der gesamten Zeitspanne bildeten sich – ähnlich wie in ihrer Raucherstudie – Cluster von Personen mit BMI über 30. „Die Menschen beginnen zu denken, dass es in Ordnung ist, dicker zu sein, wenn die anderen Menschen um sie auch dicker sind“, so Christakis. Am einflussreichsten zeigten sich hier übergewichtige Freunde des gleichen Geschlechts. Nachbarn hatten auf Gewichtsveränderungen der anderen wiederum keine Auswirkungen.
„Wenn sich im Zeitgeist des sozialen Netzwerks Änderungen vollziehen, dann gewöhnen sich ganze Gruppen von Menschen, die zwar miteinander verbunden sind, aber einander vielleicht gar nicht kennen, das Rauchen ab”, erklärt Christakis. Hier kommt anscheinend eine Art von Herdentrieb zum Zug, der das Verhalten des Einzelnen in höherem Ausmaß bestimmt als der individuelle freie Wille.
Damit bestätigt sich wieder, dass es in Gruppen leichter ist, dem inneren Schweinehund den Kampf anzusagen. Will man also die zunehmenden, großen Zivilisationskrankheiten in den Griff bekommen, ist die effizientere Strategie offenbar, auf ganze soziale Netzwerke Einfluss zu nehmen, ganz nach dem Motto: Einer für alle, alle für einen.


Gesunde Netzwerke

Beim Thema Nichtrauchen Polarisierung verhindern.

 Dr. Ernest Groman

Im Gespräch mit der Ärzte Woche erläutert Dr. Ernest Groman, Nikotininstitut Wien, warum Kettenreaktionen wichtig sind, wenn einer vom Kettenrauchen loskommen will und wieso es in der Nichtraucherdiskussion nicht darum gehen sollte, etwas zu verbieten.

Konnten Sie Netzwerk-Effekte in Ihrem Arbeitsumfeld beobachten?
GROMAN: Ja. Wir haben bei der Evaluation unserer ambulanten Programme mit der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse festgestellt, dass ca. 20 Prozent der Teilnehmer, die aufgehört haben, mindestens eine Person – meist aus der Familie, aber auch Arbeitskollegen – mitziehen. Die Raucher sehen einen Kollegen, der es geschafft hat, es bleibt ihnen, wenn sie mit ihrem Rauchen unzufrieden sind, eigentlich nichts anderes übrig, als auch einen Versuch zu starten. Für eine Kettenreaktion sind allerdings 20 Prozent zu wenig.

Lassen sich die Ergebnisse der Studie in der Praxis nutzen?
GROMAN: Ja, natürlich. Gerade in großen Organisationen, die sich mit dem Thema Gesundheit in ihrer Geschäftstätigkeit auseinandersetzen: Die NÖGKK organisiert mit uns gemeinsam die ambulante Raucherbetreuung in Niederösterreich. Da kommt es natürlich auch berufsbedingt immer wieder zu Diskussionen. Auch wenn diese eigentlich fachlicher Natur sind, liegt das Thema Nichtrauchen auf dem Tisch: Etliche Mitarbeiter der NÖGKK haben aufgehört, obwohl sie gar nicht an den Programmen selbst teilgenommen hatten.

In der Studie wurde auch gezeigt, dass die hartnäckigen Raucher in den sozialen Netzwerken an den Rand gedrängt wurden. Das könnte ja schon wieder als Gesundheitsrisiko gesehen werden. Lässt sich die Stigmatisierung verhindern? Worauf müsste man achten, wenn man versucht, in Netzwerke einzugreifen?
GROMAN: Dem abhängigen Raucher, der 80 Zigaretten am Tag raucht, wird das Netzwerk allein zu wenig sein, der braucht Betreuung und Medikamente. Immer wieder versuchen Einzelpersonen, nun auch in Österreich, die Diskussion zu polarisieren und Raucher und Nichtraucher aufeinander zu hetzen. Die Motive dafür sind unterschiedlich. Bei der Interaktion mit den Netzwerken ist am wichtigsten und schwierigsten zu vermitteln, dass die Aktivitäten primär dem Raucher helfen sollen, einen Ausstieg zu schaffen, und dass es nicht darum geht, irgendetwas zu verbieten. Mit Vermittlung von Wissen zum Thema lässt sich die Polarisierung in den meisten Fällen zumindest bremsen.

Herzberger, Ärzte Woche 23/2008

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