zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 27. Juni 2008

Kicker-Abflug

Tachinieren gehört inzwischen zum Fußball. Das ständige Lamentieren der Spieler nach jedem noch so kleinen Foul nervt aber. Die Notfallambulanz wünscht sich wieder mehr Ehrlichkeit und verrät die Wahrheit über die Oberschenkelschmerzen des Herrn Savic´ evic´ .

Ein Tachinierer gibt vor, an einer Krankheit zu leiden, weil er sich daraus einen Vorteil erhofft. In Wirklichkeit ist ihm bewusst, dass er pumperlgesund ist. Ziele, die man mit dem Vortheatern eines Leidens erreichen kann, gibt es auch im Leben ohne Fußball einige: Wirbelsäulenverkrümmung bei der Musterung zur Bescheinigung der Untauglichkeit, Kreuzwehweh für die Pensionsstelle zum Erhalt der Invalidenrente, Regelbeschwerden vor der Turnstunde zwecks Turnbefreiung et cetera. Je öfter dieses Tachinieren positive Resultate zeigt, umso häufiger wird der – oder diejenige auf sein oder ihr „Erfolgsrezept“ zurückgreifen.

„Schutzschwalbe“

Auch die Fußballer haben bemerkt, dass man sich mittels Tachinieren so manchen Vorteil rausschinden kann: einen Elfmeter beispielsweise, wie der Möller Andi durch seinen „Zusammenbruch“ beim Spiel gegen den Karlsruher Sportverein. Dortmund wurde in Folge deutscher Meister und Möller von da an „Schwalben-Möller“ gerufen. Im Interview über sein unsportliches Verhalten befragt, meinte der deutsche Mittelfeldspieler: er hätte Angst vor dem Verteidiger gehabt, der ihn „voll umhauen“ wollte, er sei quasi zu einer „Schutzschwalbe“ genötigt worden. Lächerlich machte sich auch Lehmann Jens mit seinem Umfaller beim Spiel gegen Chelsea. Nach einem Schubser von Drogba stürzte der Arsenal-Keeper wie eine Kasperlfigur zu Boden. Im britischen Boulevard wurde er tags darauf als „hysterische Tussi“ beschimpft. Ein Ruf, der dem Klinsmann Jürgen vorauseilte, ehe er das erste Spiel für Tottenham bestritt: dort wurde er als „diver“ (Taucher, sprich Schwalbenkönig) angekündigt. Nach seinem ersten Tor für die „Spurs“ mimte er beim Jubel den „diver“, indem er mit dem Kopf voran auf dem Bauch liegend über den Rasen rutschte. Klinsmann eroberte damit die Herzen der Zuschauer und wurde von den englischen Journalisten 1995 sogar zum Fußballer des Jahres gewählt. Der Weltfußballer des Jahres 1999 hat sich bei der WM 2002 zumindest in der Türkei keine Freunde gemacht. Beim Vorrundenspiel pikierte Rivaldo die Türken. Als der Brasilianer zum Ausführen des Eckstoßes an der Cornerfahne auf den Ball wartete, bekam er das Leder vom türkischen Spieler – etwas fester als normal – gegen das Knie geschossen. Rivaldo ging zu Boden, krümmte sich und hielt sich zur Verwunderung aller den Kopf – dorfbühnenmäßig. Ünsal Hakan bekam vom Schiedsrichter gelb-rot, die Türkei erreichte als Gruppenzweiter dennoch das Achtelfinale.

Wenn Körper sprechen

Im Fußballsport gehört das Tachinieren inzwischen zum Alltag. Spieler krümmen sich nach jedem noch so geringen Gegnerkontakt am Boden, wimmern vor Schmerzen, beißen in die Grasnarbe und halten sich das Schienbein. Ein Fußball-Laie würde sich beim Anblick des Leidenden alsgleich bekreuzigen und zur gebenedeiten Jungfrau um Erlösung für den Unglückseligen flehen. Ein Fan hingegen erkennt sofort – auch vom dritten Tribünenrang aus –, ob es zu einer ärgeren Havarie gekommen ist oder nicht. Empirisches Gespür sozusagen. Freilich kein Fußballexperte ist der Körpersprachenprofessor Molcho Samy. Dennoch kann er Fußballern an der Nasenspitze ablesen, ob sie tachinieren oder nicht. Auf Einladung einer österreichischen Tageszeitung besuchte Molcho im April 2004 das Spiel Rapid gegen Bregenz. Das Theater eines auf dem Boden liegenden Spielers kommentierte er folgendermaßen: „Der hat nichts. Er spielt nur, schaut, ob der Schiedsrichter reagiert. Der wird gleich wieder aufspringen.“ Und er sprang. Vielleicht sollte Molcho den Schiedsrichtern einmal erklären, wie sich Menschen bei ernsthaften Verletzungen verhalten.

… vom Colasaufen

Von einer ernstlichen Erkrankung kann auch beim Hypochonder keine Rede sein. Trotzdem ist ein Hypochonder mit einem Tachinierer nicht zu vergleichen, denn ein Hypochonder hat im Gegensatz zum Tachinierer einen enormen Leidensdruck. Der eingebildete Kranke befürchtet nämlich, eine Erkrankung in sich zu tragen, die ihm alsbald den Garaus macht oder zumindest für die empfundenen Schmerzen verantwortlich ist. Der Hypochonder hält unbeirrbar an dieser Überzeugung fest, trotz mangelnder objektiver Befunde und fehlender ärztlicher Diagnose. Im Fußball trifft man seltener auf Hypochonder, trotzdem gibt es sie. Einem Menschen, der Fußball spielt wie ein Savi´cevi´c Dejan, will man eine Hypochondrie natürlich nicht nachsagen. Trotz Hunderter MR-Bilder und modernster medizinischer Untersuchungen fand die medizinische Abteilung der Hütteldorfer jedoch kein adäquates Korrelat für die Muskelschmerzen (Myalgie) des Montenegriners. Böse Zungen unterstellten ihm, dass die Schmerzen je nach Wetterlage variierten. Der Ausnahmefußballer hat sich bei seinem Engagement bei Rapid durch oftmalige Verletzungspausen ausgezeichnet. Doch der ausgefuchste Dr. Lugscheider ging den geheimnisvollen Myalgien des Weltklassekickers auf den Grund und kam dabei zu einem verblüffenden Ergebnis: Schuld war das Coca Cola. „Er hat jeden Tag literweise Cola gesoffen – und nicht das Light.“ Bis auf diesen exzessiven Limonadenkonsum hätte Dejan ernährungsmäßig alles richtig gemacht. „Er war sonst ein Sportsmann der Sonderklasse. Savi´cevi´cc hat jedoch eingestanden, dass er vom Cola nicht lassen kann.“ Durch die großen Zuckermengen, die „Il Genio“ tagtäglich zu sich nahm, war sein Organismus ständig übersäuert. Ein Spitzensportler kann sich so etwas nicht leisten. Die Schmerzen in seinen Muskeln brachten dies zum Ausdruck. Im Falle Savi´cevi´c kann man demnach nicht von einem Hypochonder sprechen. Noch eher von einem Tachinierer, wenn man bedenkt, wie viele Freistöße in Sechzehnernähe er herauszuschinden vermochte.

Im österreichischen Fußballmagazin ballesterer fm kümmert sich Dr. Wolfgang Pennwieser in seiner Rubrik „Dr. Pennwiesers Notfallambulanz“ seit Jahren humorvoll um die großen und kleinen Wehwehs der Kicker. Die gesammelten Geschichten veröffentlichte 2008 der Czernin Verlag im Buch Platzwunde.

Pennwieser, Ärzte Woche 26/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben