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Allgemeinmedizin 19. Juni 2008

Platzwunde

Die Platzwunde ist der Dinosaurier unter den Fußballverletzungen. Immer wieder prallen Spieler zusammen und schlagen sich dabei ihre Köpfe blutig. In der Notfallambulanz wird eine fachgerechte Wundrevision durchgeführt.

Wenn auf dem Fußballfeld Blut fließt, strömt es meist aus einer Rissquetschwunde, zu der man im Volksmund Platzwunde sagt. Die Beteiligten geraten dann in helle Aufregung. Der Verletzte ist geschockt, den Mitspielern wird schlecht und schwummrig und der Schiri gestikuliert hektisch in Richtung Outlinie, im Sinne von „Erste Hilfe rein“ und „Spieler schnell vom Platz“. Zusätzlich schreit der Sportreporter Sätze im Stile eines Kriegsberichterstatters ins Mikrofon wie: „Blut, Blut – alles rot!!!“ In einer solchen Situation ist es wichtig, dass zumindest der medizinische Betreuer kühlen Kopf bewahrt. Dieser muss den Grad der Verletzung einschätzen und entscheiden, welche Art der Versorgung notwendig ist und ob der Spieler weiterspielen kann.

Strippen am Spielfeldrand

Besonders im Luftduell ist die Gefahr, sich eine klaffende Wunde zuzuziehen, besonders groß. Die dünnen Hautpartien über der Stirn, dem Kinn und der Nase werden durch stumpfe Gewalteinwirkung leicht verletzt. Der Ellbogen oder der Schädel des Gegners quetschen und pressen dabei die Haut zusammen, bis diese dem Druck nicht mehr standhält, aufplatzt – und fertig ist die Rissquetschwunde.
Eine solche kann am Spielfeldrand zunächst provisorisch versorgt werden. Dem Mediziner stehen dafür vielerlei Möglichkeiten zur Verfügung. Die angewandte Behandlungsmethode wählt der Arzt je nach Wundgröße, Tiefe der Läsion, Lokalisation und Blutungsneigung aus. Für ganz kleine Verletzungen wird er eine Art Superkleber für Kratzer hernehmen. Die Anwendung dieses Fibrinklebers ist eine recht elegante Methode für oberflächliche, glattrandige Wunden, die sich gut adaptieren lassen. Zudem ist der Superkleber beim ganz kleinen Fußballer recht beliebt, weil nicht genäht werden muss.
Aufs Nähen kann man auch verzichten, wenn sich die Wunde mit sogenannten Steristrips versorgen lässt. Diese in verschiedenen Längen und Breiten verfügbaren Streifen spannt man quer über die Wunde und adaptiert damit die Wundränder. Bringt man vorher einen speziell pickenden Hautspray neben der Wunde auf, halten die Wundstreiferl besser. Bei stark blutenden Blessuren kann man die Steristrips jedoch vergessen.

Klammerlmaschin’

Wenn die Streiferl einfach nicht halten wollen, näht oder klammert man die Wunde schnell zu, ehe man verzweifelt. Nicht jedoch, wenn man Dr. Lugscheider Robert heißt. Der sportmedizinische Haudegen ließ sich vom Blutstrom aus Janckers Stirn nicht beeindrucken. Im Europacupmatch zwischen Rapid Wien und Sporting Lissabon bekam der Deutsche in der ersten Halbzeit einen Schlag gegen den Kopf und musste blutend vom Platz. Lugscheider meint noch heute: „Der Laz (Anm.: unter Ärzten saloppe Bezeichnung für Rissquetschwunde, abgeleitet von der lateinischen Bezeichnung Vulnus lacero-contusum) vom Jancker hat geblutet, das war ein Wahnsinn.“ Klammern wollte der Rapidarzt nicht verwenden, medizinisch gibt es dafür keine Begründung, doch der Lugscheider ist eben nicht nur ein guter Arzt, sondern auch ein guter Mensch. Eine Behandlung mit der Klammerlmaschine würde man noch heute an Janckers Stirn sehen. Das wollte er dem feschen Burschen nicht antun. Nicht zuletzt deshalb, weil der Jancker auf die Rapid-Sekretärin gespitzt hat und der Lugscheider dem grün-weißen Liebesglück nichts in den Weg legen wollte. So hat sich der Mediziner für die beschwerlichere Behandlungsart entschieden. Mit viel Fingerspitzengefühl beim Anlegen der Wundstreiferl und einem festen Druckverband lief Jancker aufs Feld und erzielte daraufhin noch ein Traumtor. Lugscheider meint heute: „Ich hätte ihn am Spielfeldrand auch genäht – der Jancker wäre zu allem bereit gewesen.“ Bereit war der Deutsche dann auch für die attraktive Rapid-Sekretärin, und die beiden haben inzwischen geheiratet.
Die angesprochene Klammerlmaschine ist inzwischen aus dem Erste-Hilfe-Koffer eines Fußballarztes aber kaum mehr wegzudenken. Bei größeren Verletzungen lässt sich damit einfach und sicher ein Wundverschluss herstellen und die Blutung kann somit geschwind gestoppt werden. Vom Prinzip her ist diese Methode denkbar einfach. Ähnlich wie mit einer Bürobedarfsklammermaschine werden die Wundränder aneinandergelegt und durch einen Metallzwicker verbunden. Der Spieler bekommt wieder einen Verband als Turban und ist dadurch zusätzlich motiviert. Nach dem Spiel kann sich der Teamarzt dann ohne Eile mit der Verletzung beschäftigen, bei Bedarf die Klammern entfernen und die Wunde sorgfältig behandeln. Denn eine Wundversorgung ist an und für sich ein Hochamt und unter dem Zeitdruck eines Fußballspiels nicht zu zelebrieren. Jeder, dem schon einmal sein Schädel, ein Finger oder das Gesicht in einer Notfallambulanz zusammengeflickt wurde, weiß um den Aufwand, der dabei betrieben wird. Dieser Aufwand ist hygienemäßig grundsätzlich gescheit, denn grausige Wundinfektionen wollen sich sowohl der Arzt als auch der Fußballer ersparen.

Eis ist nicht gleich Eis

Der erste Schritt ist das Injizieren eines lokalen Anästhetikums – auch bei recht tapferen Buben. Denn nur so ist das Nähen schmerzfrei und der Arzt kann unter ruhigen Bedingungen arbeiten. Diese Spritze hat mit Eis zwar recht wenig zu tun, dennoch fragen die nicht ganz so schneidigen Fußballer, nachdem sie den ersten Fuß in die Ambulanz gesetzt haben: „Tun S’ mich eh vereisen, Herr Doktor?“ Danach wird das Operationsgebiet ordentlich gewaschen und steril abgedeckt. Wenn das Lokalanästhetikum seine volle Wirkung erreicht hat, kann mit der Versorgung begonnen werden. Der Doktor inspiziert zuerst die Wunde, um einen Überblick über das Ausmaß der Verletzung und den Verschmutzungsgrad zu bekommen. Fremdkörper wie Holzsplitter, Steine und vieles andere – man glaubt kaum, was hier alles zu finden ist – werden entfernt. Bei klaffenden Wunden schneidet man die Wundränder zurecht. Zum Abschluss wird die Wunde zugenäht. Fesche Fußballer sollten den Arzt fragen, ob er nicht eine sogenannte intrakutane Naht setzen kann. Das kosmetische Ergebnis ist dabei ein besseres, denn es bleibt in der Regel eine kleinere Narbe zurück. Diese Nahttechnik ist freilich nicht bei jeder Wunde möglich. Nach zwei Wochen ist letztlich jede Rissquetschwunde verheilt und sowohl die Nähte als auch der Turban können entfernt werden.

Im österreichischen Fußballmagazin ballestererfm kümmert sich Dr. Wolfgang Pennwieser in seiner Rubrik „Dr. Pennwiesers Notfallambulanz“ seit Jahren humorvoll um die großen und kleinen Wehwehs der Kicker. Die gesammelten Geschichten veröffentlichte 2008 der Czernin Verlag im Buch Platzwunde.

Pennwieser, Ärzte Woche 25/2008

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