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Allgemeinmedizin 12. Juni 2008

Die Blase ist kein Ball

Während der Deutsche Fußballbund für seine Spieler die Wahl der Fußballschuhe schon früher liberalisierte, ließ sich der Österreichische Fußballbund (ÖFB) länger damit Zeit. Inzwischen darf sich aber auch der rot-weiß-rote Kicker seine Schuhe selbst aussuchen – am Spiel hat sich dadurch freilich nicht viel geändert.

Lehmann Jens hat sich erneut durchgesetzt. Nachdem er Kahn – den Titan – zur Nummer 12 degradiert und sich bei der Weltmeisterschaft die Position zwischen den Pfosten des deutschen Tores gesichert hatte, gewann er gemeinsam mit Klose Miroslav und Freunden den „Schlappen-Streit“ gegen Adidas. Wie auch alle anderen Nationalspieler darf Lehmann seit September 2006 die Schuhe und Handschuhe seines persönlichen Sponsors tragen. Dass dieser Deal durch das Naheverhältnis zwischen Bierhoff Oliver und einem siegesgöttlichen Sportartikelhersteller erleichtert wurde, ist Spekulation. Abseits dieser Mutmaßung und abgesehen vom augenfälligen finanziellen Profit für die Spieler wurde versucht, auf der Sachebene zu argumentieren. Die freie Schuhwahl sei eine Notwendigkeit, um die Gefahr der Blasenbildung zu bannen, hieß es, da sensible Fußballerfüße mitunter irritiert auf wechselndes Schuhwerk reagieren. An dieser Argumentation ist auch durchaus was dran, meinten zumindest etliche Teilnehmer des Linzer „Klangwolkensymposiums“ – einer Fortbildungsveranstaltung für Sportärzte. So führt zu lockeres Schuhwerk beispielsweise zu Scheuerblasen.
Eine Blase (lat. „bulla“) besteht grundsätzlich aus Blasenboden, -inhalt und -dach. Definitionsgemäß ist sie ein über das Hautniveau erhobener, mit Flüssigkeit gefüllter Raum. Bei der Therapie ist sich die Ärzteschaft einig, dass man sich uneinig ist. Nach der Befragung von mehreren Unfallchirurgen und Chirurgen gelangt man zur Erkenntnis, dass jede Blase individuell und symptomorientiert zu behandeln ist. Je nach Lokalisation, Symptomatik, Größe und Art der Blase wird über das Verfahren von Patient zu Patient entschieden. So sind Scheuerblasen, die meist nach langen Trainingseinheiten an den Kickerfersen vorkommen, unvergleichlich schmerzhafter und dadurch offensiver zu behandeln als Spannungsblasen. Diese blasen sich bei stark geschwollenen Weichteilen auf und schmerzen selbst nicht – sind aber unattraktiv. Nicht jede Blase muss gleich punktiert oder abgetragen werden, da sich die meisten mit der Zeit ohnehin von selbst aufsaugen. Entschließt man sich doch zu einer Blaseneröffnung, hat dies unter sterilen Bedingungen zu geschehen.

Eine Haut muss Wasser lassen

Bei der Punktion wird mit einer Nadel die Flüssigkeit abgelassen und das Blasendach quasi als Schutzverband belassen. Ein Pflasterl mit einer geeigneten Heilsalbe stellt den Abschluss der Behandlung dar. Das Taschenmesser, mit dem vorher die Kalbsleberwurst aufs Brot geschmiert wurde, oder der rostige Nagelzwicker sind demnach für einen kleinen häuslichen chirurgischen Eingriff ungeeignet. Dabei kann es nämlich zu Infektionen kommen und der Genesungsprozess wird so unnötig verzögert. Denn normalerweise heilt eine Blase komplikationslos nach einer Woche. ÖFB-Spieler müssen sich ohnedies nicht mehr vor eitrigen Blasen fürchten. Seit Anfang des Jahres 2007 können auch sie mit ihren maßgeschneiderten Schuhen im Nationalteam kicken. Garantiert blasenfrei, doch leider nicht ganz fehlerfrei …

Diese Zeilen stammen aus dem Buch Platzwunde, Czernin Verlag, 2008. Im Fußballmagazin ballestererfm kümmert sich der Autor seit Jahren humorvoll um die großen und kleinen Wehwehs der Kicker.

Pennwieser, Ärzte Woche 24/2008

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