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Allgemeinmedizin 4. Juni 2008

Fußballerablaufdatum

Die Mediziner und Herbert Prohaska sind sich einig: Profikicker spielen heutzutage zu viel. Für den strapazierten Fußballerkörper bleibt kaum Zeit zur Regeneration. Viele Profis müssen innerhalb weniger Tage an mehreren verschiedenen Wettbewerben teilnehmen.

Die Verletzungen tun den Spielern nicht nur weh, sie werfen sie zudem aus dem Tritt. „Spitzenspieler waren früher für zehn bis zwölf Jahre an der Spitze, heutzutage ist es immer ein anderer. Heute kann ein Spieler über lange Zeit diese Leistung nicht bringen“, meint Herbert Prohaska, der Jahrhundertfußballer Österreichs. „Wir haben zwar auch Englische Wochen gespielt, aber mit anderem Tempo und nicht so oft“, ergänzt Prohaska. Formkrisen, wie wir sie heute kennen, gab es in dieser Art damals nicht. Die ständige Überbeanspruchung des Körpers lässt konstante Leistungen einfach nicht zu. Kicker wie Maradona, Cruyff, Platini und Pelé waren über Jahre hinweg spielbestimmende Persönlichkeiten. Heute sucht beispielsweise der dreimalige Weltfußballer des Jahres und erfolgreichste Torjäger der WM-Geschichte seit Jahren nach seiner Form – Ronaldo ist bei seinem Verein bestenfalls Ergänzungsspieler. Auch Rivaldo läuft in Griechenland seit Jahren seinem Spiel und seiner Gesundheit hinterher. „Die Formschwankungen der Spieler hängen mit der Überspielung der Fußballer zusammen“, so Dr. Lugscheider, langjähriger Teamarzt des österreichischen Rekordmeisters Rapid Wien.

Hauptsache, man gewinnt

Obwohl die Mannschaften über große Kader verfügen, kommt es dennoch zum Verschleiß. Denn die Schlüsselspieler müssen immer auf dem Platz stehen. „Der Lampard bei Chelsea zum Beispiel hat immer gespielt, jetzt hat er eine Muskelverletzung“, gibt Prohaska zu bedenken. Doch müssten nicht die Trainer ihre Spitzenspieler schonen, ihnen Pausen einräumen, auf ihre Schützlinge achtgeben? „Der Trainer kann rotieren, so viel er will, er muss nur seine Spiele gewinnen. Denn es interessiert niemanden, ob einer der Stars müde ist und deshalb geschont werden muss, wenn die Mannschaft verliert“, entgegnet Prohaska. Ein Trainer steht unter enormem Druck, er hat in erster Linie die Vereinsinteressen zu erfüllen, an eine väterliche Obhut für die Fußballer ist dabei nicht zu denken. „Von diesen Spielern verlangt man einfach extrem viel, weil sie auch so gigantisch viel verdienen. Sie bekommen aber auch so viel Geld, weil jeder weiß, dass sie ein Ablaufdatum haben“, bemerkt der ehemalige ÖFB-Teamchef kritisch. „Ich selber hab als Trainer auch zum Spieler gesagt, beiß z’samm“, so Prohaska. Und das auch schlimmerweise gegen die Ratschläge seiner medizinischen Abteilung. „Denn wenn ich mich als Trainer nur auf den Arzt verlasse, habe ich viele Spieler, die mir relativ lange ausfallen, was aus medizinischer Sicht sicher gescheit ist, aber in der Zwischenzeit können’s mich rausschmeißen.“
Rausgeworfen wurde Prohaska bei den Veilchen trotzdem, doch das ist eine ganz andere Geschichte. Mehr noch als die Trainer setzen sich die Profifußballer aber oft selbst unter Druck. Die meisten Spieler nehmen sich die Erholungspause nicht, die der Körper nach einer Verletzung braucht. Und so kommt es, dass der Fußballer angeschlagen oder „fit gespritzt“ auf das Feld läuft. Prohaska hat diesbezüglich einiges gesehen und war auch sich selbst gegenüber hart im Nehmen: „Viele Leute sagen, die Fußballer sind Weicheier, aber ich hab‘ erlebt, womit die Fußballer spielen, mit gebrochenen Rippen und so weiter. Ich selbst hab‘ gespielt mit einem Haarriss im Wadenbeinköpfchen, wenn ich dort noch eine draufbekommen hätte, wär ich lange ausgefallen, aber ich habe für mich entschieden, dass ich spielen will.“
Das Spiel mit der Fraktur in der Fibula bestritt Prohaska gegen seinen Ex-Klub Inter Mailand. Seinen früheren Mannschaftskollegen wollte er beweisen, dass der Fußball in Österreich durchaus Niveau hat. Die Austrianer warfen die Mailänder schließlich aus dem Bewerb und Schneckerl war, wenn auch nicht in Höchstform, mit dabei. „Denn ein Spieler ist so ehrgeizig und wird nicht sagen, mir tut was weh, ich riskier das nicht. Der wird dann nicht gut angesehen sein in der Mannschaft.“
Trotz dieses heroischen Einsatzes des Austria- Kapitäns im Europacup, überschritt Prohaska gewisse Grenzen nie. So laborierte er gegen Ende seiner Spielerkarriere an einer chronischen Achillessehnenentzündung. Mit Hilfe zeitaufwendiger, physikalischer Therapie wurde er vor und nach jedem Spiel behandelt, um überhaupt laufen zu können. Für Prohaska kam es nicht in Frage, die Entzündung mit einer Kortisonspritze infiltrieren zu lassen. Diese Therapie hätte zwar kurzfristig und rasch zur Linderung und Schmerzfreiheit geführt, das Risiko eines Sehnenrisses jedoch erhöht. Die lokale Kortisonbehandlung lässt nämlich die Sehnenfasern weich und für eine Ruptur anfälliger werden. Ein Riss der Achillessehne zu diesem Zeitpunkt hätte auch das vorzeitige Ende der Fußballerkarriere von Herbert Prohaska bedeutet.

Die hier präsentierten Zeilen sind ein Auszug aus dem Kapitel „Belastung“ aus Pennwiesers Buch Platzwunde (Czernin Verlag, 2008). Im österreichischen Fußballmagazin ballestererfm kümmert sich Dr. Wolfgang Pennwieser in seiner Rubrik „Dr. Pennwiesers Notfallambulanz“ seit Jahren humorvoll um die großen und kleinen Wehwehs der Kicker.

Pennwieser, Ärzte Woche 23/2008

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