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Allgemeinmedizin 27. Mai 2008

Jähzorn

Kopfstoßen, spucken, kratzen und „in die Eier treten“ … Jähzornige Fußballer machen auf dem Platz Dinge, für die sie sich nach dem Schlusspfiff schämen. Wut kann aber auch zur Krankheit werden. Die Notfallambulanz hat einen Verdacht.

Da hat die Welt schon gestaunt, als der Materazzi in der 110. Spielminute plötzlich am Boden lag. Wadenkrampf oder Stolperer waren die ersten Vermutungen. Das Fernsehen gab schnell Auskunft über die wirkliche Ursache des Stürzens. Dem Zidane Zinédine war nämlich das Häferl übergegangen. Mit einem Kopfstoß, der unvergleichliche Berühmtheit erlangen sollte, streckte er im WM-Finale 2006 den italienischen Verteidiger auf das Grün des Berliner Olympiastadions. Noch heute wird über die wirklichen Hintergründe dieser Handlung spekuliert. Ob Materazzi – wie eine Londoner Lippenleserin behauptet – Zidane als „Sohn einer terroristischen Hure“ beschimpfte oder doch nur das Leiberl und nicht die Schwester des Franzosen haben wollte, ist zweitrangig. Die Reaktion des Weltfußballers war in jedem Fall inadäquat.

Andi Herzog: Geschüttelt aber keineswegs gerührt

Doch Zidane ist kein Einzelfall, denn jähzornige Fußballer gibt es genug. Woche für Woche drehen Spieler auf dem Platz durch. Gleichgültig ob sie nun Ipoua Samuel, Eder Hannes, Kahn Titan oder Beckenbauer Franz heißen. Ja, selbst der brave Franz ist dem Platini Michel, nach einem „Gurkerl“ des Franzosen, recht unsportlich in die Beine getreten. Auch die Reaktion vom Kahn Oliver gegen seinen Mitspieler, den Herzog Andi, kann man als deplaziert bezeichnen. Der Münchner Schlussmann packte unseren Andi am Krawattl und schüttelte ihn so sehr, dass von der damaligen Dauerwelle des Wieners nicht mehr viel übrig blieb. Auslöser war ein Fehlpass Herzogs im Münchner Mittelfeld. Der Tritt vom Rooney Wayne gegen die portugiesischen Genitalien des Carvalho Ricardo im WM-Viertelfinale 2006 ist ein weiteres Beispiel für überzogene Erregung am Spielfeld.
Keine oder kleine Anlässe reichen für die jeweiligen Sportler aus, um unvermittelt in Zorn auszubrechen. Davon abgesehen gibt es natürlich Fußballer, die sich diese Schwäche des Gegners zunutze machen. Spieler, die als „Häferl“ – sprich: jähzornige Naturen – bekannt sind, werden mit versteckten Fouls über neunzig Minuten sekkiert. Gesündigt wird aber nicht nur mit Werken, sondern auch mit Worten. Primitive, mitunter rassistische Äußerungen sind an der Tagesordnung. Die Äußerungen der Gegenspieler, nicht die der Fans, sind das eigentliche Übel, verriet ein Bundesligaspieler, der nicht genannt werden möchte. Die Schiedsrichter reagieren auf solche Unsportlichkeiten meist kaum. Im Gegenteil, oft gibt es wegen Reklamierens eine Verwarnung für den Gepiesackten und der Provokateur kommt ungeschoren davon. Mit einem Wort: Bundesligaalltag. Warum manche Spieler nach solchen Provokationen die Nerven verlieren und andere ruhig bleiben, hängt sicherlich mit der Persönlichkeit des Einzelnen zusammen. Andererseits leiden wesentlich mehr Menschen an krankhaftem Jähzorn, als bisher angenommen wurde. Eine amerikanische Untersuchung konnte ein schweres Wutsyndrom – Intermittent Explosive Disorder (IED) – an über vier Prozent der Bevölkerung feststellen. Solche Patienten erleben regelmäßig massive Wutanfälle. Sie schreien, zerschlagen Gegenstände und verletzen oder bedrohen andere Menschen. Die Erkrankung führt im weitern Verlauf häufig zu Depressionen, Angst, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie zu sozialen Schwierigkeiten. Erinnert man sich an den Karatesprung des Cantona Eric und wirft einen Blick auf dessen Biografie, kann man einen gewissen Zusammenhang mit dieser Erkrankung erkennen. Interessant wäre zu beobachten, wie sich das Leben der Spieler, die derzeit ihre Impulse auf dem Platz ausleben, nach ihrer Karriere entwickelt.

Im österreichischen Fußballmagazin ballestererfm kümmert sich Dr. Wolfgang Pennwieser in seiner Rubrik Dr. Pennwiesers Notfallambulanz seit Jahren humorvoll um die großen und kleinen Wehwehs der Kicker. Die gesammelten Geschichten veröffentlichte 2008 der Czernin Verlag im Buch Platzwunde.

Pennwieser, Ärzte Woche 22/2008

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