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Allgemeinmedizin 21. Mai 2008

EM-Fieber

Urlaubssperre herrscht für das Personal der Wiener Krankenhäuser in der Zeit der Fußballeuropameisterschaft 2008. Panik­mache oder weise Voraussicht der Verantwortlichen? Die österreichische Bundeshauptstadt rüstet sich jedenfalls für den Einsatz gegen das EM-Fieber.

Die Rede vom EM-Fieber hat sich inzwischen zum geflügelten Wort entwickelt. Wenn von der Freude auf die oder an der Europameisterschaft gesprochen wird, kommt gerne die Metapher vom hitzigen Fieber ins Spiel. Mit Nachdruck soll durch die Verbindung EM mit dem Krankheitszeichen Fieber der Stärke der Gefühle, der Leidenschaft und der emotionalen Glut Ausdruck verliehen werden. Kaum ein Tag, an dem die Boulevardzeitungen nicht darüber berichten, wie und wo das EM-Fieber grassiert, kaum ein Prominenter und Politiker, der nicht vorgibt, daran zu leiden. Dem einfachen Fan will er damit vermitteln: es brennt genauso in mir – das Feuer im Herzen. Herz und Hirn der richtigen Fans sind bei Europameisterschaften aber wirklich besonders empfindlich.

Der Seedorf, der Beckham und der Herzkasperl

So kamen laut einer Studie am 22. Juni 1996 in den Niederlanden mehr Männer aufgrund eines Herzinfarkts oder eines Schlaganfalls ums Leben als am gleichen Tag des Vorjahres beziehungsweise des folgenden Jahres. An diesem Junitag bestritten die Oranjes das Viertelfinale gegen Frankreich. Mit 5:4 sollten die Franzosen das Elfmeterschießen gewinnen, doch so mancher Niederländer hat den letzten Penalty vom Blanc Laurent nicht mehr erlebt. Der zuvor verschossene Elfmeter des Seedorf Clarence war für einige niederländische Fußballherzen nicht zu verkraften – der Strafstoß als Dolchstoß und der Seedorf als Henker. Interessanterweise konnte in der Untersuchung lediglich eine zunehmende Belastung der männlichen Bevölkerung nachgewiesen werden. Frauen wurden hingegen vom Herzkasperl nicht vermehrt heimgesucht. Die niederländischen Anhängerinnen sind offenbar den kardiovaskulären Strapazen eines Elfmeterschießens besser gewachsen. Auch dem Engländer wird von seiner Nationalmannschaft immer wieder das Herz gebrochen. Durch das Ausscheiden der englischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 1998 kam es auf der Insel zu einem fulminanten Anstieg von kardialen Ereignissen. Das verlorene Elfmeterschießen gegen Argentinien zwang die englischen Supporter reihenweise in die Knie. Unglaubliche fünfundzwanzig Prozent mehr Herzinfarkte waren am Spieltag und den zwei darauf folgenden Tagen zu registrieren. Nach der Roten Karte vom Beckham David und dem vergebenen Elfmeter von Batty wundert es nicht, dass dem Zuseher das Herz in die Hose fiel.

Rücksichtslose Ballesterer

Zum Glück ist sich der Fußballer aber der Verantwortung nicht bewusst, die er für Leib und Leben seiner Landsleute trägt. Wie sonst hätte Panenka Antonin 1976, in der Nacht von Belgrad, den Strafstoß gegen Deutschland so schießen können, wie er ihn geschossen hat, oder Zidane Zinedine den Foulelfmeter im Berliner WM-Endspiel. Am Fieber rund um ein Fußballgroßereignis ist also durchaus etwas dran. Und die fußballerische Aufregung geht an den Menschen nicht spurlos vorüber. Wie Studien zeigen, sind die Probleme der erhöhten Aufgeregtheit aber nicht auf das Veranstalterland alleine beschränkt. Das Fußballfieber breitet sich über den Kontinent und die Erdteile quasi pandemisch aus und bereitet den Zusehern Tausende Kilometer vom Spielfeld entfernt Beschwerden. In England beispielsweise ist die Zahl der Rettungsfahrten während der WM in Deutschland explodiert. Überwiegender Einsatzgrund: Alkohol. Zumindest bei dieser Europameisterschaft braucht man sich um den Engländer keine allzu großen Sorgen zu machen. Sorgen muss man sich schon eher um das Krankenhauspersonal machen. Natürlich ist es vom Gastgeberland gescheit, die medizinischen Aufgaben ernst zu nehmen, und gewiss werden insgesamt mehr Patienten die Notfallambulanzen aufsuchen. Doch muss man deshalb die Angestellten gleich für Wochen im Spital einkasernieren? Es gibt schließlich auch Ärzte, die ganz gerne Fußball schauen.

Diese und weitere Geschichten finden sich in Dr. Wolfgang Pennwiesers Buch Platzwunde, erschienen 2008 im Czernin Verlag.

Pennwieser, Ärzte Woche 21/2008

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