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Allgemeinmedizin 15. Mai 2008

Liebende Herzen

In Österreich erleiden jährlich etwa 13.000 Personen einen Herzinfarkt. ei der ehandlung steht wohl die Gesundung der etroffenen und eine Rückkehr in ein normales Leben im Zentrum, doch ein wesentlicher Aspekt bleibt häufig ausgespart: die Sexualität.

Ganz selbstverständlich erscheint es uns Ärzten, den Patientinnen und Patienten mit einer passenden Therapie zur „Normalität“ des Lebens wieder zurück zu helfen. Wir schicken sie dann zu Rehabilitationsaufenthalten und raten ihnen meist zu einer Lebensstiländerung. Was aber ist mit dem Teil der Normalität, den auch wir Ärztinnen und Ärzte – wie die betroffenen Patienten selbst – nicht gerne ansprechen, weil es einen sehr intimen und persönlichen ereich betrifft: nämlich Sexualität? Wo bleibt die Selbstverständlichkeit, mit der wir über Schamgrenzen gehen, wenn es darum geht, zum Wohl der Patienten zu handeln und etwa rektale oder vaginale Untersuchungen durchzuführen? In unserem emühen um die Wiederherstellung der Gesundheit gerät oft in Vergessenheit, dass Patienten nach einem Herzinfarkt weiterhin auch sexuelle Wesen bleiben, wenn auch mit einer erschwerten Startsituation zurück ins normale Sexualleben. Gerade hier bedarf es dringend einer professionellen egleitung durch die behandelnden Medizinerinnen und Mediziner.

Situation nach Herzinfarkt

Herzpatienten und ihre Partner sind in der Regel sehr verunsichert, haben Angst vor einem neuerlichen Infarkt und neigen zu depressiven Verstimmungen, obgleich sich diese in 85 Prozent der Fälle nach rund drei Monaten wieder legen. 60 Prozent der etroffenen, die vor dem Herzinfarkt noch sexuell aktiv waren nehmen ihre sexuellen Aktivitäten nach dem Ereignis nicht oder in einer weitaus niedrigeren Frequenz wieder auf. Leider kursieren in diesem Zusammenhang viele Vorurteile und wenig hilfreiche erichte in der Laienpresse. Kurz, konkrete Fakten zu diesem Thema sind rar. Einige Richtlinien lassen sich dennoch formulieren: Die Situation nach dem Herzinfarkt braucht in erster Linie eine Zeit der Gewöhnung und Anpassung für die etroffenen und deren Partner, ein offenes Gespräch, sachliche Information und dringend die unterstützende egleitung durch die betreuenden Ärzte.

Das offene Gespräch

Am natürlichsten fügt sich ein beratendes Gespräch über Herzinfarkt und Sexualität noch vor der Entlassung aus dem Krankenhaus ein, am besten mit einer roschüre, welche die etroffenen und ihre Partner zu Hause in Ruhe noch einmal studieren können.
Konnte die Unterhaltung nicht stattfinden, dann ist der Erstkontakt nach dem Krankenhaus für den Internisten oder Allgemeinmediziner ein guter Einstieg in ein eratungsgespräch. Es empfiehlt sich sehr, die Partner mit einzubeziehen, da diese oft ebenfalls sehr verunsichert sind und demzufolge sexuelle Aktivität meiden.
Die Hauptsorge nach einem Herzinfarkt ist die Angst vor einem Reinfarkt. Der betreuende Arzt kann die etroffenen aber sehr leicht beruhigen, denn die Framingham Heart Study zeigt, dass beim Liebesakt Herzinfarkte mit zehn Fällen auf eine Million Liebesakte extrem selten sind!
Während den Patientinnen und Patienten vor dem Herzinfarkt nie besonders aufgefallen ist, wie sich Puls und Atmung beim Geschlechtsverkehr verändern, wird nach dem Ereignis jede Veränderung als Vorzeichen für einen drohenden Reinfarkt gedeutet (siehe Körperfunktionen während des Aktes).

Wann ist man wieder sexuell fit?

Die elastung beim Geschlechtsverkehr entspricht der elastung beim Treppensteigen bis zum zweiten Stock ohne Pause oder der elastung von ca. 75 Watt auf dem Fahrradergometer.
Um den etroffenen mehr Sicherheit zu geben, stehen freilich auch medikamentöse Hilfsmittel zur Verfügung, über die die Patienten auch kompetent informiert werden sollten. Vor allem brauchen sie Auskünfte über die sichere Anwendung und Kombinierbarkeit der verschiedenen Arzneien untereinander – denn auch hier kursieren regelmäßig Schreckens- und Sensationsmeldungen über Todesfälle aus den Medien.

Dr. Elia ragagna ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik, Psychotherapeutin, Sexualtherapeutin und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Sexualmedizin (ASSM).
www.eliabragagna.at

 Körperfunktionen während des Aktes

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