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Allgemeinmedizin 7. Mai 2008

Herzeleid für Fußballfans

Emotionaler Stress erhöht erwiesenermaßen die Inzidenz kardialer Ereignisse. Die Assoziation mit Fußballspielen wird dagegen in der Literatur kontrovers diskutiert. In einer aktuellen Studie wurden die Auswirkungen des „Mitfieberns mit der eigenen Mannschaft“ auf das Auftretenvon akutem Koronarsyndrom, Herzrhythmusstörungen und Herzstillstand hin untersucht. Auftakt eines Schwerpunkts in der Ärzte Woche, bei dem in den kommenden Wochen die Euro „medizinisch“ begleitet wird.

Im Vergleich zu früheren Studien handelt es sich hier erstmalig um eine sorgfältig geplante prospektive Studie bzw. Beobachtung zu kardialen Zwischenfällen während einer Fußballweltmeisterschaft (siehe Kardiale Ereignisse während der Fußball-WM 2006). Die Ergebnisse sind mit früheren trendmäßig vergleichbar, aber wegen der prospektiven Anlage aussagekräftiger. Einziger Schönheitsfehler: Es wurde nicht erfasst, ob die Ereignisse tatsächlich während des Betrachtens der Spiele eingetreten sind.
In jedem Fall lassen die Ergebnisse eindeutig erkennen, dass solche Fußballereignisse mit hoher emotionaler Beteiligung des Zuschauers mit einem erhöhten kardialen Risiko verbunden sind. Als Ursache nehmen die Autoren ein stressinduziertes Ereignis an, insbesondere bei Spielen der eigenen (deutschen) Mannschaft. Stress ist somit ein wichtiger Trigger für kardiale Zwischenfälle. Ähnliche Beobachtungen waren bei verlorenen Spielen der englischen Nationalmannschaft beschrieben worden.
Die Stressauslöser, hier das Fußballspiel, können über eine endotheliale Dysfunktion bei vorhandenen koronaren Gefäßveränderungen, wie z. B. einem vulnerablen Plaque als klassischer Grundlage akuter Koronarsyndrome, sowohl bedrohliche Arrhythmien verursachen als auch akute Koronarsyndrome. Schwere Angstzustände gelten als ähnliche Stressoren. Mentaler Stress als Auslöser schwerwiegender Arrhythmien konnte auch durch Studien an Patienten mit einem AICD (automatischer implantierbarer Cardioverter-Defibrillator) aufgezeigt werden.

Die Fußballfans haben‘s schwer

Die mitgeteilten Befunde haben eine hohe Praxisrelevanz, können sie doch auch auf vergleichbare Spiele der Fußballbundesliga übertragen werden. Dies ist dann von Bedeutung, wenn entscheidende Spiele der „Heimmannschaft“ ausgetragen werden oder wenn es um entscheidende oder Endspiele bei Meisterschaften oder Pokalrunden geht. Hier dürfte die Dunkelziffer kardialer Zwischenfälle recht groß sein, sie sollten dem Hausarzt aber Anregung zu protektiven Maßnahmen geben. Vorsorgemaßnahmen bei gefährdeten Personen, also solche mit bekannter koronarer Herzkrankheit, umfassen medikamentöse Behandlung mit b-Blockern, ggf. kurz wirkende Nitrate bei Spielverlusten oder kritischen Torsituationen wie Elfmeterschießen. Die Autoren der Studie empfehlen zusätzlich ein Statin und einen Thrombozytenaggregationshemmer zur Prophylaxe vor Spielbeginn. Bei Patienten mit instabiler koronarer Situation oder leicht erregbaren Zuständen sollte sogar vom Zuschauen kritischer Fußballspiele abgeraten werden. Ein ausführlicher Spaziergang zum gleichen Spielzeitpunkt ist ungefährlicher und hätte eine bessere präventive Wirkung.
Die vorliegende Studie zeigt, dass emotionaler Stress bei kardial vorerkrankten Patienten ein Risiko darstellt. Bei großen Fußballspielen sollten Koronarpatienten oder solche mit vital bedrohlichen Arrhythmien prophylaktisch einen b-Blocker nehmen. Bleiben diejenigen, bei denen eine bis dato unerkannte kardiale Erkrankung vorliegt und das Anschauen des Fußballspiels ein Belastungstest besonderer Art ist. Vielleicht könnte in Zukunft ein Screening der autonomen Funktion (Herzfrequenzvariabilität) derartig gefährdete Personen eher erfassen. Auch sollte der Hausarzt bei Vorsorgeuntersuchungen bei Personen mit mehr als zwei Risikofaktoren auf eine mögliche Gefährdung durch aufregende Fußballabende hinweisen. Ob dies aber zu einem gesünderen Lebensstil führt, sei dahingestellt.

Der Artikel erschien in: Der Internist © Springer Medizin Verlag 2008, 10.1007/s00108-008-2161-5

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