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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Wenn das Spielzeug verreist

Dass der Konsumsucht und anderen Formen von Abhängigkeitsverhalten schon im Kindergarten begegnet werden kann, beweist ein ungewöhnliches Projekt: der „spielzeugfreie“ Kindergarten.

Ein Kindergarten ohne Spielzeug? – Was im ersten Moment so gar nicht kindgerecht klingt, soll für die Frühförderung sogar besonders vorteilhaft sein und dazu beitragen, dass Kinder mehr soziale Kompetenz und Selbstbewusstsein gewinnen.
Konkret wird bei dem Projekt „Spielzeugfreier Kindergarten“, der bereits 1992 in Bayern entwickelt wurde, für drei Monate auf alle vorgefertigten Spielwaren verzichtet. Den Kindern stehen aber weiterhin Decken, Pölster, Tücher und Seile zur Verfügung, um kreativ zu sein und ihre Spielfreude auszuleben. „Als wir das Projekt im Vorjahr starteten, war es unseren Kindern nie langweilig, da sie immer wieder neue Spiele erfanden“, berichtet etwa die Kindergartenpädagogin Simone Ranetbauer, vom privaten Kindergarten „Rasselbande“ in Linz.
Die Kindergärtner und Kindergärtnerinnen werden während des Projektes zu teilnehmenden Beobachtern, die darauf verzichten, Anleitungen oder Anweisungen zu geben. Sie achten aber selbstverständlich weiterhin darauf, dass die Kinder bestimmte Grenzen nicht übertreten und Regeln einhalten.

Selbstbewusstsein stärken

„Dahinter steht die Idee, dass die Kinder während der spielzeugfreien Zeit mehr miteinander kommunizieren und dabei auch viel über sich selbst, ihre Stärken und Schwächen erfahren“, erklärt Elisabeth Seifert, Expertin für Suchtprävention und Geschäftsführerin der Aktion Jugendschutz Bayern. Durch das spielzeuglose Spielen werde die Lebenskompetenz und das Selbstbewusstsein der Kinder gestärkt. Und aus der Suchtforschung sei bekannt, dass selbstbewusste und starke Menschen für Abhängigkeitserkrankungen weniger anfällig seien. Seifert: „Vereinfacht gesagt, geht es darum, Suchtprävention zu leisten, indem wir Kinder stark machen.“
Seit Mitte der 90-er Jahre wird das Projekt auch in Österreich umgesetzt. Das Österreichische Institut für Berufsbildungsforschung hat damals eine Pilotstudie zum „Spielzeugfreien Kindergarten“ beauftragt. In deren Rahmen wurde eine Versuchsgruppe in einem spielzeugfreien Kindergarten mit 89 Kindern mit einem Durchschnittsalter von 4,6 Jahren von geschulten Kräften beobachtet. Die Daten wurden mit jenen aus einer Kontrollgruppe in einem Kindergarten mit normalem Alltag verglichen. Die zentralen Ergebnisse waren, dass die Kinder der Versuchsgruppe durch die Aktion „Spielzeugfreier Kindergarten“ einen signifikanten Zugewinn an Lebenskompetenz in den Bereichen Soziale Interaktion, Kreativität, Expressivität von Bedürfnissen und Gefühlen (verbal und nonverbal), Konfliktlösungsfähigkeit, Empathie und Selbstvertrauen erzielen konnten. Weiters, so die Studienautoren, wurden zusätzliche Kompetenzgewinne festgestellt: Geduld, Geschlechtsrollenflexibilität, Konfliktlösungsfähigkeit und Frustrationstoleranz.
Michael Schmalhofer hat zahlreichen Wiener Kindergärten geholfen, die Initiative umzusetzen. Seit 1998 gibt er sein Wissen in Fortbildungsveranstaltungen an Kindergartenpädagogen in Nieder­österreich, Oberösterreich, Vorarlberg und Wien weiter. Die Wirkung der Initiative fasst der Psychotherapeut mit den Arbeitsschwerpunkten Kinderpsycho- und Suchttherapie so zusammen: „Das Projekt spielzeugfreier Kindergarten wirkt unter anderem deshalb suchtpräventiv, weil vorgefertigte Spielwaren Konsumartikel sind und weil Suchtverhalten ein krankhaftes Konsumverhalten ist.“

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 9/2002

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