zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 27. Mai 2008

„Jetzt müssen wir zusammenhalten“

Was die Standesvertretung vom Gesetzesentwurf zur Kassensanierung hält, ist klar. Die Ärzte Woche fragte niedergelassene Mediziner verschiedener Fachrichtungen in ganz Österreich um ihre Meinung.

Das Sozialpartnerpapier ist mit allen Grauslichkeiten seit der §15a-Vereinbarung von 2004 festgeschrieben. Der Konsens der Sozialpartner ist nur die Voraussetzung zum Vollzug. Das größte Problem: Der Arbeitnehmerteil der Sozialpartner wendet sich vom Patienten ab. Das ist viel weniger eine Reform gegen die Ärzte als eine gegen die Patienten. Unser ärztliches Bemühen, trotz widriger Rahmenbedingungen auf dem Boden der Wissenschaft und des Vertrauens Heilkunst auszuüben, wird immer mühsamer. Erstmals seit langem fühle ich mich von meiner Standesvertretung gut vertreten.

Dr. Christian Euler, Arzt für
Allgemeinmedizin, Rust


 Dr. Susanne Zadro-Jaeger

Ich frage mich, warum der Spitalsbereich mit dem größten Einsparungspotenzial nicht berücksichtigt wird. Letztlich bringt der Entwurf kaum Einsparungen, sondern vor allem Belastungen für die niedergelassenen Ärzte. Unterm Strich ist billige Medizin nicht günstiger und schon gar nicht effizienter. Aber auch Aut idem wird sich in meinem Fach auswirken, da hier viele Patienten misstrauisch sind. Diese werden sich fragen, warum sie plötzlich ein „anderes“ Medikament bekommen.


 Dr. Susanne Rabady

Das ist kein Reformentwurf, das sind lediglich Sparmaßnahmen, die nicht einmal dort ansetzen, wo Strukturveränderungen wirklich notwendig wären. Im Gegenteil: Die geplanten Änderungen betreffen einen Bereich, in dem wir im internationalen Vergleich ohnehin gut sind. Ich fürchte, dass mit der Umsetzung dieses Konzepts die Zeit, die wir Ärzte für die Patienten haben, noch knapper wird, dass die Ausweitung der Grundversorgung nicht möglich ist. Gerade die wäre aber wichtig.


Quittungen werde ich gern ausgeben, die Kassentarife sind so gering, dass es gut ist, wenn die Patienten das erfahren. Allerdings muss uns der personelle Aufwand dafür abgegolten werden. Meine persönliche Meinung ist: Eine solche Patientenquittung ist im Grunde das Ende des Sachleistungssystems, da sollte man gleich den Mut haben, auf ein Barleistungssystem überzugehen. Grundsätzlich meine ich, dass man zuerst Strukturen schaffen und sich fragen muss, wie man etwas finanzieren will, bevor man Veränderungen angeht. Andernfalls zäumt man das Pferd beim Schwanz auf.

OBMR Dr. Erwin Senoner
Zahnarzt, Salzburg


In Wahrheit geht es bei dieser „Gesundheitsreform“ darum, dass die Wirtschaftskammer im Gesundheitswesen künftig das uneingeschränkte Sagen hat. In Zukunft werden große Ketten etwa aus dem Fotografiebereich so etwas Ähnliches wie Kassenverträge bekommen, weil sie mit Dumpingpreisen arbeiten. Kassenleistungen wird es nur mehr für einen Bruchteil der Patienten geben. Das ist endgültig der Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin. Die Ärztekammer hat es schon lange verabsäumt, sich hier richtig in Stellung zu bringen und hat nun nichts mehr mitzureden.

Dr. Karl Michael Riedl, Facharzt
für Orthopädie, Wien


 Dr. Reinhard Dörflinger

In einem Unternehmen der Privatwirtschaft würde sich niemand trauen, mit seinen Vertragspartnern so umzuspringen, wie bei diesem Gesetzesentwurf mit uns Ärzten umgesprungen wird. Seit 24 Jahren gibt es kaum Änderungen im Gesundheitswesen, jetzt wird nur das angegangen, wo man meint, Kontrolle ausüben zu können: die Ärzte, die Honorare, die Medikamente. Freilich ist die Sache mit den Spitälern durch die verschiedenen Regionalinteressen und die Tatsache, dass es sich dabei um einen autonomen Arbeitsmarkt handelt, viel komplexer. Ich sehe in den derzeitigen Bestrebungen die niedergelassenen Ärzte betreffend eine Fortführung des schwarz-blauen Kurses, der Kapitalinteressengruppen begünstigt. Es wird Zeit, den Beteiligten die rote Karte zu zeigen.


 Dr. Ulrich Busch

Bei unökonomischer Verschreibung, Behandlung, Betreuung drohen die Sozialpartner den medizinischen Leistungserbringern mit dem Gesamt- und dann mit Einzel-Vertragsverlust. Erstmals zwingen diese den einst freien Beruf Arzt und den zu Behandelnden unter das Joch des Kapitals und ihrer devianten Weltanschauung: „Ich will alles, und zwar sofort!“ Es wird nicht mehr nach ärztlicher Kunst unter solidarisch zur Verfügung gestellten weltbesten Versorgungsmittel therapiert, sondern mit Malen nach Zahlen rationiert. Der statistische Normösterreicher der Sozialpartner, fit und schlank, leistungsbereit und geduldig, stirbt von sich aus mit Pensionsantritt. Dem wird sofort geholfen. Vom kranken, dicken, multimorbid leidenden, arbeits- und orientierungslosen Individuum unter den Rädern der „Geiz ist geil“-Gesellschaft in unseren Praxen verabschiedet sich dieses Papier. Der Arzt wird zum Quittungs-Handlanger bei dieser Entwertung durch diese sozialpartnerschaftlichen Tintenburggespenster. Wer besucht im so sozialpartnerlich tödlich infizierten Österreich noch die alten, schwachen, pflegebedürftigen Kranken, die von Schmerzen geplagten, von den Berufstätigen verlassenen Landbewohner: ein Apotheker, der Patientenanwalt aus St. Pölten oder gar ein Sozialpartner?


Fünf-Jahres-Verträge mit den Ärzten finde ich unfair. Wenn es Probleme mit einzelnen schwarzen Schafen gegeben hat, dann sollten sich das die Kassen mit den Ärzten ausmachen. Aber die Grundausstattung beispielsweise von Augenärzten ist sehr kostenintensiv – und das für einen Fünf-Jahres-Vertrag? Aut idem praktizieren die Apotheker ja heute schon, obwohl sie es nicht dürfen. Ich persönlich finde es einen Fehler, dass so viele Generika von ein und demselben Wirkstoff zugelassen werden. Meinen Patienten eine Quittung zu geben ist für mich kein Problem, sofern die Kasse bereit ist, die Softwareumstellung zu zahlen.

Doz. Dr. Doris Fanta
Fachärztin für Dermatologie
und Venerologie, Steyr


Der Entwurf würde eine Demontage des niedergelassenen Bereichs bedeuten und zugleich über die Möglichkeit von Einzel- und befristeten Verträgen eine direkt von Beamten gesteuerte Staatsmedizin nach deren Regeln. Konsequenzen werden eine Reduktion des Angebots sowie Ordinationsschließungen sein. Die von den Patientinnen selbst zu bezahlenden Leistungen werden vor allem bei neuen Diagnose- und Therapieverfahren zunehmen. Eine konstant härtere Linie gegenüber der Politik erscheint angesichts des niveaulosen Umgangs mit der Ärzteschaft angezeigt. Durch das Fehlen von unabhängigen Medien scheint das Problem bei den Patienten nicht angekommen zu sein.

Dr. Gerhard Hochmaier, Facharzt für Gynäkologie, Tulln


 Dr. Daniel Klick

An den Details der geplanten Reform kann man sehen, wie unausgegoren sie ist. Etwa die Patientenquittung, die letztlich niemandem etwas bringt – nur uns niedergelassenen Ärzten einen unheimlichen Bürokratieaufwand einbrockt. Wo bleibt hier der ansonsten allgegenwärtige Spargedanke? Das ist aus meiner Sicht ein Ablenkungsmanöver, während die wirklich wichtigen Dinge brach liegen. Außerdem frage ich mich, inwieweit die von den Gesundheitspolitikern veröffentlichten Zahlen tatsächlich stimmen. Ich bin geneigt, sie deutlich infrage zu stellen.
Unsere Gesellschaft muss sich aber auch bewusst werden, dass ein privilegiertes Gesundheitssystem eben viel kostet. Wir sollten daher definieren, ob wir auch bereit sind, hierfür aufzukommen. Darüber hinaus sollten wir überlegen, sozial gestaffelte Selbstbehalte einzuführen.


Mit den Einzelverträgen würden wir Ärzte unter einen immensen Druck kommen und erpressbar sein. Der Gesetzesentwurf würde viele massive Veränderungen für den Ordinationsalltag bringen. So würde sowohl die völlig sinnlose Patientenquittung als auch die Aut-idem-Regelung zu einem deutlichen Mehr an administrativen Aufgaben führen. Damit bleibt noch weniger Zeit für die Patienten, und die Wartezeiten steigen. In Vorarlberg, wo es eine Deckelung aller Gesundheitsausgaben gibt, wären Aussagen auf der Patientenquittung noch dazu irreführend und falsch. In der Peripherie werden viele Praxen wohl schließen müssen, was bei anderen Kollegen zu massiven Überlastungen führen wird.

Dr. Katharina Bannmüller, Ärztin für Allgemeinmedizin, Hörbranz


Als Ganzheitsmediziner und Wahlarzt beäuge ich das Ganze mit einer gewissen Distanz. Auch deshalb, weil bei sämtlichen Diskussionen über eine Gesundheitsreform nie ein Ganzheitsmediziner eingeladen wird. Dabei arbeiten wir sehr billig, gerade was chronische Patienten anlangt. Ich verstehe, dass die Ärzte eine massive Beschneidung ihrer Kompetenz fürchten. Dass die Aut-idem-Regelung eine Rieseneinsparung bringt, glaube ich nicht. In Deutschland beispielsweise hat man diverse Schlupflöcher gefunden. Dieser Teil der Gesundheitsreform betrifft ja nur den extramuralen Bereich, dass solche Spitalstürme wie das Wiener AKH wahre Geldvernichtungsanlagen sind, wird nicht berücksichtigt.

Dr. Ronny Tekal-Teutscher,
Ganzheitsmediziner, Mauerbach


Es wird behauptet, dass die Reform die Ärztekammer entmachtet. Es ist aber schlimmer: Die Ärzte werden als Stand wehrlos gemacht. Denn der Plan, dass jeder Arzt seinen Kassenvertrag einzeln verhandelt, schiebt jeden Kollegen in eine so schwache Position, dass er schutzlos verbleibt.
Es sind aber auch vordergründig harmlose Ideen, wie die Patientenquittung, die uns ein Dorn im Auge sind. So habe ich versucht, meine Praxis so patientenfreundlich wie möglich zu gestalten, etwa durch ein Patientenvormerksystem. Die Verwaltung des Terminplanes ist natürlich zeitaufwändig. Zeit, die aber sinnvoll investiert ist. Kommt die Patientenquittung, so müssen wir das den Patienten zugute kommende Vormerksystem unter Umständen aufgrund einer völlig nutzlosen Einrichtung kippen.

Medizinalrat Dr. Karl Scherz, Allgemeinmediziner, Bad Vöslau


 Dr. Christian Husek

Die Befristung der Kassenverträge bringt die Frage, welcher Arzt diese künftig noch anstreben wird. Mit dem Beschluss dieser „Reform“ wird das soziale Gesundheitssystem zu Grabe getragen und der Startschuss zu einer brutalen Zwei-Klassen-Medizin gegeben. Die Leidtragenden sind vor allem arme und alte Mitbürger. Statt dem gut etablierten Institut zur ärztlichen Qualitätssicherung soll es durch das Gesundheitsministerium festgelegte und überwachte „Qualitätsauflagen“ geben, unter dem überwiegenden Aspekt von Kosteneinsparungen bzw.
-effizienz. Völlig unklar ist, wie dies durchgeführt werden soll. Medizin ist Heilkunst, nicht Heilstatistik – das wird immer wieder vergessen.
Was die Patientenquittung betrifft, scheint das Motto wohl „Lachen ist gesund“ zu sein: für das Honorar, das Wiener GKK-Ärzte beim ersten Besuch im Quartal erhalten, greift kaum ein Friseur zur Schere, und ein Rechtsanwalt oder Steuerberater hebt dafür nicht einmal das Telefon ab. Sollen wir dem Patienten ab dem zweiten Besuch eine 0-Euro-Bestätigung ausdrucken? Das könnte für die Patienten gefährlich werden: Die lachen sich unter Umständen zu Tode.
Wir gründeten die Initiative ELGA, da wir uns von den damaligen Funktionären der österreichischen Ärztekammer nicht effizient vertreten fühlten. Seit den letzten Kammerwahlen hat sich die Gesamtstrategie deutlich verbessert, leider sind immer noch einige „alte“ Funktionäre in wichtigen Positionen.


Beschämend, wie rote Gewerkschaftler sich dem Druck des größten Feindes des freien Berufes Arzt, nämlich der schwarzen Wirtschaftskammer, beugen und sogar der Einzelvertragsmöglichkeit nach Kündigung eines Gesamtvertrages zustimmten. Es wird zu einem weiteren Ausufern der Bürokratie, einer Verunsicherung der Ärzte und Patienten, zu längeren Wartezeiten für die Patienten und schlussendlich zu einer Verlagerung der Patientenversorgung vom niedergelassenen Arzt hin zur Spitalsambulanz kommen. Ich fühle mich von der Kammer gut vertreten, allerdings müsste sie auch jedes ihrer Mitglieder davor warnen, jemals noch ÖVP oder SPÖ zu wählen, um nicht wegen sadomasochistischer Neigungen Berufsverbot zu erhalten.

MR Dr. Erwin Zanier, Arzt für Allgemeinmedizin, Kufstein


 Dr. Brigitte Hübner

Die Möglichkeit von Einzelverträgen ist eine Katastrophe, als einzelne Ärztin habe ich doch keine Verhandlungsposition. Viel sinnvoller wäre, die bestehende Honorarordnung zu durchforsten und eine neue, den aktuellen Gegebenheiten angepasste zu schaffen. Über eine Zusammenlegung der Kassen wurde oft gesprochen, aber die findet jetzt wieder nicht statt. Dabei wäre das eine wirklich sinnvolle Maßnahme, denn es ist irritierend für die Patienten, dass sie, je nach Kasse, unterschiedliche Leistungen beanspruchen können.
Die Aut-idem-Regelung sehe ich nicht als ein so großes Problem, wir verschreiben ja schon das billigste Medikament. Deshalb erwarte ich mir auch kein besonderes Sparpotenzial, aber die Patienten werden verunsichert sein. Über die emotionale Diskussion in den letzten Wochen bin ich nicht glücklich. Jetzt ist es jedenfalls wichtig, dass wir Ärzte zusammenhalten.

Elisabeth Tschachler-Roth, Ärzte Woche 22/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben