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Allgemeinmedizin 7. März 2008

Keine Nebensache

Eine der Erkenntnisse des Kongresses Sucht, Komorbidität und Behandlung ist die Ablöse von strikten Therapieschienen bei Abhängigkeitserkrankungen durch ein individuelles modulares Behandlungsprinzip. Dabei wird die Sucht im Kontext mit ihren Komorbiditäten behandelt.

Der Gesundheitszustand ist, wie so vieles im Leben, nicht als Schwarz-Weiß-Bildnis darstellbar. „Man ist halt immer ein bisschen krank, denn die vollkommene Gesundheit gibt es nicht. Das ist ein ja bekanntermaßen ein dynamischer Prozess“, zeigte sich Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Institutes (API) in Wien als Kenner der Salutogenese, als er in einer Pressekonferenz Ende Jänner die wichtigsten Erkenntnisse des Kongresses Sucht, Komorbidität und Behandlung zusammenfasste. Schließlich war Musaleks Anton-Proksch-Institut Gastgeber des Expertentreffens im Wiener Palais Ferstl, in dem neue Wege in der Behandlung von Suchtkranken diskutiert wurden.
Eine Erkenntnis des Kongresses: Die erst kürzlich neu eingeschlagene Therapierichtung führt weg vom eindimensionalen Schubladendenken, wie es von den klassischen Diagnoseinstrumenten ICD-10 und DSM-4/DSM-5 repräsentiert wird; denn gerade die Abhängigkeit – egal, ob stofflich oder nicht-stofflich – ist nicht autonom. Es geht also in Richtung individueller Modulbehandlung, dessen Voraussetzung es ist, den Patienten „dort abzuholen, wo er sich gerade befindet“. Das heißt, dass nicht nur die Krankheit verstanden wird, sondern auch der Mensch dahinter, räumte Musalek ein und verwies auf einen weiteren Punkt, der den Therapeuten wichtiger werden müsse: der psychodynamische Prozess bei Suchterkrankungen. Musalek: „An einem Tag glauben die Betroffenen, der Abhängigkeit entkommen zu können, und kurze Zeit später ist die Welt plötzlich ein anderer Ort und sie werden von schlimmsten Entzugserscheinungen geplagt.“

Erste Erfahrungen bereits gesammelt

Im API habe man in den letzten fünf Jahren punktuell bereits auf diese neue Therapieform gesetzt und gute Ergebnisse erzielen können. Je nach Krankheitsstadium und Bedürfnis werden die stationären Patienten auf ein bestimmtes Modul angesetzt. Die Schwerpunkte liegen dabei zwischen Entzugs- und Depressionsbehandlung, kognitivem Aufbau oder Interaktionstraining. In der Praxis sind die Patienten dann beim Gärtnern oder Philosophieren zu finden. Auf das Modul Rehabilitation ist man im API ganz besonders stolz: Denn in der Wiener Schleifmühlgasse befindet sich die Gabarage, in der Menschen mit Suchtvergangenheit lernen, sich im Arbeitsprozess wieder einzugliedern, und aus Altmaterialien kreative Designerstücke fertigen.
Beim modularen Behandlungsprinzip spielt ein weiterer, in den letzten Jahren oft sträflich vernachlässigter Faktor eine wichtige Rolle: die Komorbidität. Diese neben der Grunderkrankung laufenden Störungen sind aber „keine Nebensächlichkeit, sondern mit der Suchterkrankung eng verwoben“. Darüber hinaus sind sie laut Musalek nachhaltige Ressourcenfresser, die unbedingt mitbehandelt werden müssen: „Und ob sie vorher da waren und die Haupterkrankung bedingt haben, oder von ihr verursacht wurden, ist völlig irrelevant und eine rein akademische Diskussion.“
In den nächsten Jahren will Musalek im API die Umstellung auf eine vollmodulare Behandlung einleiten.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 9/2002

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