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Allgemeinmedizin 11. Juli 2008

Moderner Ablasshandel

Ein Ärztekongress in München. Der Ort ist nicht weit entfernt, doch viele heimische Mediziner nehmen wie selbstverständlich den Flieger. Geht ja am schnellsten und kostet kaum mehr als eine Taxifahrt. Und das schlechte Umwelt-Gewissen, das lässt sich inzwischen mit dem Kauf von sogenannten Umwelttickets beruhigen.

Andere Branchen mögen von solchen Zahlen nur träumen. Um 120 Prozent hat der Flugverkehr in Österreich seit 1990 zugenommen, und ein Ende des Höhenflugs ist nicht in Sicht. Eine einzige Erfolgsgeschichte, könnte man meinen.
Ganz anders sieht die Sache freilich aus, wenn man sie unter Umweltschutzgesichtspunkten betrachtet. Flugzeuge gelten mit ihrem gewaltigen Kohlendioxid (CO2)-Ausstoß zu den großen Klimakillern, vor allem deswegen, weil „CO2 in der Atmosphäre 2,7-mal schädlicher ist als in Bodennähe“, wie Wolfgang Mehl, Geschäftsführer von Klimabündnis Österreich, betont.

Kraftstoff für Flugzeuge sind steuerfrei

Eisberge werden schmelzen, Länder im Wasser versinken, fruchtbare Böden veröden – dieses Horrorszenario droht uns, so warnen Wissenschaftler, wenn wir nicht umgehend den Ausstoß von Treibhausgasen drastisch einschränken.
Die Gefahr ist erkannt, und die Politik setzt Gegenmaßnahmen, doch just der Flugverkehr bleibt dabei ausgespart. Anders als für Auto oder Bahn wird der Kraftstoff für Flugzeuge im internationalen Verkehr nicht versteuert – ein entsprechendes Übereinkommen aus dem Jahr 1944 gilt immer noch und sichert dem Flieger einen kaum zu erklärenden Sonderstatus. Auch im Kyoto-Protokoll zum Umweltschutz findet sich kein Wort zum Flugverkehr. So kommt es, dass ein Flug von Wien nach München kaum teurer kommt als eine einfache Taxifahrt.
Das freut auch die fliegenden Ärzte, einerseits. Andererseits bereitet es vielen von ihnen auch ein schlechtes Gewissen, sind sie doch schon von Beruf wegen dem Ethos der Lebenserhaltung verpflichtet.
Nun offerieren Anbieter eine Möglichkeit, wie man Flug und reines Öko-Gewissen in Einklang bringen kann, nämlich mit einem Klimaticket. Das Konzept wurde erstmals 1997 von der Firma Carbo Neutral Company aus Großbritannien entwickelt: Der Passagier zahlt freiwillig einen Aufpreis für die während des Flugs verursachten Treibhausgase. Mit diesem Geld werden Projekte vornehmlich in Entwicklungsländern unterstützt, die just diese ausgestoßene CO2-Menge einzusparen helfen, etwa dadurch, dass in Indien umweltschädliche Dieselgeneratoren durch Biomasse-Kraftwerke ersetzt oder in Madagaskar Windparks errichtet werden. Im Kern handelt es sich hierbei um Kompensationsgeschäfte.
Was vor zehn Jahren begann, erfreut sich inzwischen ähnlich großer Zuwachsraten wie der Flugverkehr selbst: Immer mehr Organisationen, auch wenn sich darunter noch keine originär österreichischen befinden, drängen auf den Markt und bieten entsprechende Klimatickets oder Umweltschutz-Zertifikate an.

Wie funktioniert Klimaspende?

Die Klimaspende funktioniert recht einfach: Man geht auf die Internetseite von einem der Anbieter, gibt die Flugroute ein, mitunter mit einigen zusätzlichen Angaben, ob es sich nämlich um einen Linien- oder Charterflug, um die Economy- oder Business-Klasse handelt, und der Emissionsrechner ermittelt sodann den Umweltschaden und den daraus resultierenden „Kompensationsbetrag“, der mit Kreditkarte bezahlt werden kann.
Wo es nicht um einen verpflichtenden Aufpreis, sondern um eine freiwillige Leistung geht, machen einzelne Fluggesellschaften gerne mit, und es gibt bereits Kooperationen mit Umweltverbänden. So empfiehlt British Airways das Unternehmen Climate Care in Oxford. Zum Flugticket kann, ganz einfach, in diesem Fall auch gleich das Klimaticket gelöst werden. Diesen Service bieten inzwischen auch einige Reisebüros und -veranstalter an. Das Grazer Unternehmen „Weltweitwandern“ geht sogar so weit, dass es für jeden gebuchten Flug seiner Kunden freiwillig die Hälfte des Klimaschutzbeitrags an „Atmosfair“ überweist.
Der Klimaschutz-Aufpreis differiert je nach Anbieter. Für den Flug von Wien nach München sind bei Atmosfair 9,– Euro zu berappen, bei MyClimate 4,– Schweizer Franken (Economy Class). Die Abweichungen rühren nicht zuletzt daher, dass unterschiedlich strenge Kriterien für die Schadensberechnung zugrunde gelegt werden – es gibt noch kein Standard-Rechenprogramm.
So nützlich die freiwillige Leistung sein kann und so edel sie anmutet, sie ist nicht unumstritten. Macht sie doch letztlich aus dem Umweltverschmutzer einen Wohltäter. Kritiker sprechen daher auch von modernem „Ablasshandel“. Die Sünder von einst mussten ein reuevolles „Nie wieder“ zumindest vorgeben, das braucht der Flugpassagier von heute nicht mehr. Morgen steigt er wieder in den Flieger – und das, weil er ein Klima-Ticket gekauft hat, mit dem reinsten Umwelt-Gewissen. Die Klimaschädigung wird munter fortgesetzt, das Verhalten nicht geändert.

Vom Verzicht zur Bereicherung

Das persönliche Büßertum kann gar als kontraproduktiv interpretiert werden, insofern nämlich Druck von den politischen Stellen genommen wird, für notwendige und allgemein verbindliche Regelungen zu sorgen.
Der beste Beitrag für den Umweltschutz ist immer noch, ganz auf das Flugzeug zu verzichten. Das propagiert selbst Atmosfair. Der Verzicht muss gar nicht einmal Entsagung bedeuten, er kann im Gegenteil auch eine Bereicherung sein. Vielleicht lernt der Arzt, der sonst immer nur im Flieger unterwegs ist, auf der Bahnfahrt nach München plötzlich die Vorzüge des gemächlichen Reisens kennen: Statt Wolken sieht er blühende Landschaften und er findet das wieder, was ihm schon ganz abhanden gekommen schien: Zeit, um über sich und Gott und die Welt nachzudenken.

Wenzel Müller, Ärzte Woche 28/2008

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