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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2007

Von eleganten Fadenwürmern zum Jungbrunnen

Jung und gesund zu bleiben ist ein alter Menschheitstraum, den die Anti-Aging-Medizin zu erfüllen trachtet. Statt ewige Jugend zu versprechen, stellen Mediziner neuerdings eher den Begriff Prävention in den Vordergrund. Denn wer durch die Anti-Aging-Medizin Krankheiten vermeiden kann, kann sich auch im Alter einer besseren Lebensqualität erfreuen und fühlt sich jünger.

Prof. DDr. Johannes Huber, einer der drei Organisatoren der Wiener Anti-Aging-Tagung, im Gespräch mit der Ärzte Woche.

Herr Prof. Huber, Anti-Aging-Medizin ist schon lange ein Thema. Was ist Neues zu erwarten?
Huber: Im Juni haben die großen internationalen Zeitschriften wie Science und Nature große Assoziationsstudien vorgelegt über sieben Common Diseases, wie z. B. Rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn, Diabetes Typ 1 und 2 sowie bipolare Störungen. Diese sind mit bestimmten Genveränderungen verbunden, die eine Prävention in schlüssiger Weise erlauben. Während die Kenntnis dieser polymorphen Genstrukturen in der Vergangenheit nur auf einzelnen kleinen Arbeiten beruhte, sind jetzt zum ersten Mal wirklich hunderttausende Polymorphismen bei zehntausenden verschiedenen Probanden, Frauen und Männern, evaluiert worden. Da zeigt sich mit hoher statistischer Kraft, dass es Genveränderungen in unserem Körper gibt, oder Genmodule, spezifische Polymorphismen, die mit bestimmten Erkrankungen assoziiert sind. Diesen muss man vorbeugen, noch bevor sie ausbrechen. Ein Beispiel: Die Makuladegeneration, wenn die einmal da ist, ist es zu spät. Man muss alles tun, damit es gar nicht dazu kommt. Und mit genetischen Untersuchungen kann man das. Das größte Problem des Alterns ist neben dem Krebs der Morbus Alzheimer. Auch hier kann man Risikoprofile erstellen und vorbeugen.

Prävention ist doch etwas anderes als Anti-Aging. Wo ist die Trennlinie zwischen Anti-Aging-Medizin und Präventiv-Medizin?
Huber: Es geht der Anti-Aging-Medizin nicht darum, das Leben mit Gewalt zu prolongieren, sondern darum, dass man jene altersassoziierten Erkrankungen verhindert, die einem in der zweiten Lebenshälfte das Leben schwer machen: Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder auch die Neuro-Demenz. Man soll mit 90 auch noch Kreuzworträtsel lösen können, wenn einem danach ist. Das ist in meinen Augen Anti-Aging.

Gibt es da einen Paradigmenwechsel? Hieß es nicht, möglichst lange möglichst jung zu bleiben?
Huber: Im Prinzip ist es das Gleiche. Wenn Sie eine schwere Demenz haben oder kardiovaskuläre Erkrankungen, dann sterben Sie früher daran und die Lebensqualität ist extrem reduziert. Um das Leben in einem guten Zustand zu verlängern, müssen Sie relativ früh beginnen. Und zwar zu einem Zeitpunkt, wo das Problem noch nicht da ist. Die präventive Onkologie zum Beispiel ist auch etwas, was schon Anti-Aging beinhaltet. Denn das Karzinom ist das größte Altersproblem, das man hat. Wenn man alt genug wird, kriegt man sein Karzinom.

Das ist doch der Pferdefuß der Anti-Aging-Medizin, dass man diese Erkrankungen erlebt.
Huber: Völlig richtig. Und deswegen ist es meines Erachtens nach ganz wichtig, dass man das besser fokussiert. Und der Fokus lautet, jene altersassoziierten Erkrankungen frühzeitig zu verhindern, die einerseits das Leben verkürzen und andererseits Lebensqualität mindern. Und da gibt uns die Medizin schon eine Reihe von guten Instrumenten in die Hand, die neu sind: Denken Sie an die Polymorphismen oder auch an den epigenetischen Code. Wir wissen auch, dass man schon in der Jugend altert.

Einer Ihrer Vorträge beschäftigt sich mit dem Thema Determinierung des Alterns in der Jugend.
Huber: Zweifellos ist die Osteoporose etwas, was in der Jugend präjudiziert wird. Denn wenn Sie z. B. eine lange Amenorrhoe haben, dann merken sich das die Knochen. Im Alter von 50 oder 60 kommt dann die Rechnung.
Vor allem aber das Übergewicht, die Hyperphagie, präjudiziert die Stoffwechsellage des Metabolischen Syndroms für das spätere Leben. Also: Prävention ist nicht nur etwas für alte Leute. Anti-Aging beginnt schon in der Pubertät.

Wobei es oft schwierig ist, herauszufinden, welchen Effekt etwa die Substitution von Vitaminen hat. Ob nicht negative Effekte überwiegen, wenn die Substanz von einer sehr großen Anzahl von Konsumenten eingenommen wird.
Huber: Was die Vitamine betrifft, so muss man sich auf prospektiv randomisierte Studien zurückziehen. Und da gibt es z. B. für das Prostatakarzinom sehr gute Daten, dass Tocopherol und Selen sehr wohl eine präventive Kraft haben. Wenn es für das Prostatakarzinom diese Studien gibt, dann müsste man sie eigentlich stärker publik machen. Und hier hat es ein Indikationsgebiet.

Vieles wird erst sichtbar, wenn sehr viele Menschen diese Präparate täglich einnehmen.
Huber: Das ist schon richtig, nur, das Selen hat eine biologische Aufgabe in unserem Körper, und dass es einen Selenmangel gibt, das weiß man. Was Karzinome betrifft, so ist meine persönliche These ja immer gewesen, dass ein wirksames Mittel darin besteht, dass man 14 Stunden lang den Glukose- und Insulinspiegel absenkt. Es ist nachvollziehbar, dass ich das immer schon gesagt habe, und dass es ein Jungbrunnen ist und gegen den Krebs und gegen viele Erkrankungen wirkt. Wenn man das über Nacht macht, ist es das Dinner cancelling. Zwei Dinge kann man mit gutem Gewissen empfehlen: ab und zu fasten und Exercise betreiben.

Wie ist es mit der Hormonersatztherapie (HRT)? Sie ist in Misskredit geraten, nun hat man den Eindruck, dass sie wieder forciert wird für spezielle Fälle.
Huber: Die Östrogene sind 800 Millionen Jahre alt und im Rahmen der Evolution haben sie unterschiedliche Aufgaben erfüllt bei den Pflanzen. Vor 40 Millionen Jahren hat die Evolution diese Hormone mit der Erhaltung der Art betraut. Etwas Wichtigeres gibt es nicht als die Reproduktion und die Erhaltung der Art. Wenn das ein Gift wäre, dann würde das die Evolution nicht verwenden.

Aber sie setzt sie ab in einem gewissen Alter! Und wir verlängern das künstlich!
Huber: Wenn Sie die Hormonersatztherapie machen, müssen Sie fragen, braucht der Mann oder die Frau überhaupt ein Hormon? Wenn ja, welches? Und in welcher Dosierung?
Bei der Million Women Study, kann ich Ihnen sagen, wurden diese Fragen sicher nicht gestellt, denn die Hormonersatztherapie wird in England nicht einmal von praktischen Ärzten gemacht, sondern lediglich von Nurses. Das ist nicht vergleichbar mit der europäischen Szene. Und es wundert mich, dass man nicht die Intellektualität aufbringt, dieses Bias zu rekogniszieren.
Wenn Sie sich die WHI-Studie (Women‘s Health Initiative) ansehen, dann ist da eine Substitution an Frauen gemacht worden, wo die Einschlusskriterien waren, dass sie keine Menopausen-Beschwerden haben dürfen. Diese Frauen wurden mit Hormonen behandelt, wo der beste Parameter, der uns anzeigt, ob das Hormon fehlt, nämlich die eigene Befindlichkeit, eigentlich keine HRT notwendig gemacht hätte. Das war ein Inclusion-Kriterium, und menopausale Beschwerden waren ein Exclusion-Kriterium. Leid tun mir die Frauen. Weil die Frauen sind verunsichert und haben furchtbare Probleme.

Ein neues Thema ist die Altersprävention durch Sirtuine. Was versteht man darunter?
Huber: Das gehört zum Themenkreis Resveratrol, dem antioxidativen Wirkstoff in Rotwein, der im Labor Fruchtfliegen, Fadenwürmer und Fische fit gemacht und deren Leben verlängert hat. Das sind die Studien, die Dr. David Sinclair von der Harvard Medical School in Science veröffentlicht hat. Erste Resultate mit Sirtuinen gibt es nur vom eleganten Fadenwurm (C. elegans). Man weiß aber noch wenig über die Wirkstoffspiegel und Resorptionsraten.

Das Gespräch führte Inge Smolek

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