zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 3. Oktober 2007

Sissi-Syndrom & Tanorexie

Lifestyle-Krankheiten können aus ärztlicher Sicht ein moderner Ausdruck für eine depressive oder somatoforme Störung oder andere seelische Unpässlichkeiten sein. Zur Förderung gesundheitsbewussteren Verhaltens sind bei allen Lifestyle-Krankheiten eine konsequente Gesundheitsaufklärung und Präventionsmaßnahmen erforderlich.

Der Begriff Lifestyle-Krankheiten bezeichnet alle durch einen ungesunden Lebensstil bedingten Zivilisationserkrankungen sowie krankheitswertige Phänomene, die durch die mit der Zivilisation verbundene Lebensweise beeinflusst oder ausgelöst werden. Die Skala potenziell negativer Einflüsse und Auswirkungen auf die Gesundheit ist außerordentlich weit. Sie reicht von schlechten materiellen Lebensbedingungen bis hin zu Wohlstands­erkrankungen der Überflussgesellschaft. Überernährung und Bewegungsmangel gehören ebenso dazu wie schlechte Hygiene, belastende Arbeitsbedingungen und schädigende Lebensgewohnheiten durch Genussmittelmissbrauch oder ungeschützte Promiskuität.
Eine sozialmedizinisch relevante Gruppe sind Lifestyle-Erkrankungen, die psychosomatische Beschwerden und Störungen beinhalten, bei denen die Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft, insbesondere permanente berufliche Belastungen und Reizüberflutung, als wesentliche auslösende bzw. aufrechterhaltende Bedingungen zum Tragen kommen. In den westlichen (Post-) Industrienationen sind dies insbesondere die negativen Auswirkungen der Technisierung, einhergehend mit unphysiologischen einseitigen körperlichen und/oder psychischen Belastungen, zunehmender Stressbelastung des Individuums bei gleichzeitig sich verringernden sozialen Bindungen und zunehmender sozialer Unsicherheit und Existenzangst.
Die populäre, nichtmedizinische Namensgebung biopsychosozialer Phänomene erfolgt oftmals durch die Medien, wobei dies vielfach anhand des Schicksals bzw. der Person prominenter Zeitgenossen expliziert wird. Tragische Persönlichkeiten aus Film, Kultur, Sport, Mode und Glamour verleihen dann ansonsten abstrakten Symptomkonstellationen im öffentlichen Bewusstsein ihr Gesicht.

„Stressfolgen“

Burnout- (auch Deisler- oder Sven-Hannawald-) Syndrom: Nach allgemeinen Vorstellungen, angesichts medizinisch-psychologischer Daten aber nicht haltbar, entwickelt sich Burnout über einen längeren Zeitraum, wobei anfänglich hoher Enthusiasmus und Ideenreichtum bestehen. Der Burnout-Begriff wurde nicht zuletzt durch sich diesbezüglich als betroffen „outende“ Prominente wie den deutschen Fußballnationalspieler Sebastian Deisler populär. Während die klinische Diagnose einer Depression der Arzt- und Therapeutenperspektive entspricht und zudem mit dem Stigma einer psychischen Erkrankung behaftet ist, geht das Burnout-Modell primär von der Sicht Betroffener bzw. sich betroffen fühlender Menschen aus. Klinisch nicht abgrenzbar hat der als Diagnose verstandene Burnout-Begriff den Vorteil, neben der Symptomatik auch die Ursache zu beschreiben und die Betroffenen zudem als besonders engagierte Menschen auszuzeichnen.
Sissi-Syndrom: Dieses Syndrom wurde erstmals 1998 beschrieben und ist benannt nach der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Sissi 1837–1898), die an einer depressiven Störung litt, gleichzeitig jedoch auch einen übermäßigen Schönheitskult (Haare und Figur) und sportliche Aktivitäten (Gymnastik, Reiten, Fechten, Wandern) sowie Reiseaktivitäten (Flucht aus dem Umfeld) betrieb.
Sissi ist demnach der Prototyp eines modernen depressiven Patiententypus, der seiner depressiven/dysthymen Störung und inneren Leere durch hektische Aktivität zu entfliehen versucht und nach außen hin nicht eine antriebsarme und leidende, sondern dynamische Persönlichkeit darstellt. Die Merkmale des Sissi-Syndroms sind: Sportliche Aktivitäten im Fitnessstudio oder Joggen zum Abbau von Unruhezuständen, Sinnsuche in Freizeitaktivitäten, besonders Reisen, einschließlich der Flucht vor einer inneren Leere und Streben nach idealem Äußeren.
Stellen sich die Patienten mit diesem Syndrom einem Arzt vor, geben sie meistens multiple Beschwerden wie Unruhe, Rückenschmerzen, Herzrasen und Appetitlosigkeit an. Aufgrund der mit Aktivismus überspielten Depression, wobei Kernsymptome (Niedergeschlagenheit, Interessensverlust, Antriebsstörung) zu fehlen scheinen, ist das Leiden der Betroffenen in der Regel von außen oft nicht oder aber erst spät zu erkennen.
Leisure-Sickness, Weekend-Krankheit: Überdurchschnittlich intensiv Berufstätige, auch Work­aholics genannt, liegen regelmäßig am Wochenende oder die ersten Urlaubstage krank im Bett, z. B. mit Abgeschlagenheit, Gliederschmerzen (Rücken) und Kopfweh, einhergehend mit depressiver Stimmungslage. Diese „Leisure-Sickness“ ist auf eine dauernde Überbelastung zurückzuführen, wobei der Körper auch Entspannungsphasen nicht mehr für Reparaturvorgänge nutzen kann.
Paradies-Depression: Die wachsenden Freizeitangebote mit vielseitigen Unterhaltungs- und Ablenkungsmöglichkeiten machen es immer schwieriger, noch neue stimulierende und emotional bewegende Eindrücke zu bekommen. Bei einer anhaltenden Überstimulation mit ständig neuen Reizen von außen können jedoch Abstumpfung und Langeweile auftreten, die keine neuen Reize mehr zulassen und letztendlich bei völliger Interesselosigkeit und Antriebsschwäche zu einer sog. Paradies-Depression führen. Die Aktivität von innen heraus – sowohl mit sich selbst und im engen Familien- oder kleinen Freundeskreis – ist dabei zum großen Teil verloren gegangen. Die Bezeichnung „Paradies-Depression“ geht ursprünglich von Menschen im Ruhestand aus, die ihren Wohnsitz an die Mittelmeerküste oder auf eine Urlaubs­insel verlagert haben. Sie sehen ihr weiteres Leben als ewig währenden Urlaub, wobei sie dann aber eben alles andere als Glück empfinden können, sondern psychosomatische Erkrankungen und vorwiegend Suchtprobleme entwickeln.

Nebenwirkungen von Schönheitsidealen

Im ersten interpersonellen Kontakt nimmt der Eindruck der äußeren Erscheinung eine Schlüsselfunktion ein. Spezielle psychosomatische Symptome treten dabei meist im Zusammenhang mit Minderwertigkeitsproblemen und Selbstwertstörungen auf. Hinzu kommt eine Fokussierung der Medien auf meist unerreichbare Schönheitsideale, die eine Generierung psychischer Störungen beim Vergleich von Selbstbild und Idealbild verstärken.
Dorian-Gray-Syndrom: Als Dorian-Gray-Syndrom (Romanfigur von Oscar Wilde) wird eine körperdysmorphe Störung mit narzisstischer Regression, Soziophobie und starkem Wunsch nach Bewahrung der Jugendlichkeit definiert. Die drei Originalkriterien von Brosig et al. lauten: Eine übermäßige Beschäftigung mit der äußeren Erscheinung (körperdysmorphe Störung); eingebildete oder minimale Fehler der äußeren Morphe werden mit Scham und sozialem Rückzug (narzisstische Regression) beantwortet; neben der überwertigen Sorge um das äußere Erscheinungsbild besteht ein starker Wunsch, die Jugendlichkeit zu bewahren, somit nicht zu altern und gleichsam sich gegen den Strom der Zeit zu stemmen (Verleugnung der Reifungsprozesse).
Botulinophilie: Seit der Einführung und Anwendung von Botulinumtoxin bei der Hyperhidrose wurde quasi als Nebeneffekt diese Therapieform auch von Gesunden entdeckt und trotz normaler körperlicher Funktion als Lifestyle-Therapie gewünscht. Für die neue Lifestyle-Venenophilie nach Botulinumtoxin, insbesondere bei körperdysmorphen Störungen mit normwertigem, physiologischem Schwitzen und hartnäckiger Forderung nach Botulinumtoxintherapie, wurde die Diagnose „Botulinophilie“ vorgeschlagen. Auch eine Gravimetrie mit normwertigem Ergebnis kann die Betroffenen nicht immer von der falschen Beurteilung als Krankheit abbringen. Ein typisches Patientenzitat ist: „Aber ich schwitze doch.“
Tanorexie: Tanorexie (Bräunungssucht) bezeichnet das krankhafte und übertriebene Verlangen und Streben nach ständiger Hautbräune, die durch häufige Solariumsbesuche erzielt werden soll. Der Begriff leitet sich aus dem englischen „to tan“ (bräunen) und der Anorexie (Magersucht) ab. Die psychische Konstellation ist vergleichbar mit Substanzabhängigkeit (Drogen, Medikamente, Alkohol, Nikotin) und zeigt Parallelen zu gestörten und verzerrten Körperschemastörungen von Magersüchtigen.

Diskussion

Ausgehend von den Grundlagen des ICD-10, können aus der Arztperspektive Lifestyle-Krankheiten differenzialdiagnostisch nur nach der im Vordergrund stehenden psychischen Hauptdiagnose des Syndroms z. B. als Depression oder somatoforme Störung klassifiziert werden. Als anfängliches Ziel stehen ein Ernstnehmen und das Verständnis der Beschwerden im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung im Vordergrund. Dabei geht die Gesprächsführung weg vom Symptom in Richtung psychosozialer Aspekte. Grundlage ist die Vermittlung des biopsychosozialen Krankheitsmodells.

Von PD Dr. Wolfgang Harth und PD DDr. Andreas Hillert

Langfassung des Artikels: Hautarzt 2007 DOI 10.1007/s00105-007-1373-2 © Springer Medizin Verlag

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben