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Allgemeinmedizin 23. Oktober 2007

Amalgam aus der Sicht der Umweltmedizin

Eine weitere Minimierung der zahnärztlichen Amalgamverwendung hält die Kommission „Methoden und Qualitätssicherung in der Umweltmedizin“ für wünschenswert. In Anbetracht der nachweislich mit der Zahl der Amalgamfüllungen korrelierten Hg-Exposition ist eine größere Zahl von Amalgamrestitutionen bei ein und derselben Person zu vermeiden. Darüber hinaus sollen unter bestimmten Bedingungen keine neuen Amalgamfüllungen gelegt oder sogar bestehende entfernt werden. Die Gründe dafür liegen im Wissen um die zahlreichen diskutierten Wirkungen von Quecksilber auf sehr unterschiedliche Organsysteme, die vereinzelt auftretenden klinisch relevanten Unverträglichkeiten, die berufliche Exposition des zahnärztlichen Personals und die Umweltbelastung.

 Amalgam
Auch beim „Herausbohren“ der Amalgamplombe wird Quecksilber frei.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Aus Amalgamfüllungen wird Quecksilber in geringen Mengen freigesetzt. Dentalamalgam ist neben dem Fischverzehr die Hauptquelle für die Quecksilberaufnahme beim Menschen. Von der zahnmedizinischen Anwendung von Amalgam gehen gesundheitliche Risiken aus, die wie bei jedem Medizinprodukt gegen den Nutzen abgewogen werden müssen. Während die mit Amalgam verbundenen gesundheitlichen Risiken von den meisten Experten als gering und von der Nutzen-Risiko-Abschätzung her eher als vernachlässigbar eingeschätzt werden, gibt es auch abweichende Auffassungen. Demnach bestehen schon bei den sehr niedrigen amalgambedingten Quecksilberexpositionen nicht tolerierbare Gefährdungen der Gesundheit der Patienten.

Verzicht auf Amalgamfüllungen

Amalgamfüllungen sollen aus Gründen des vorbeugenden Gesundheitsschutzes nicht mehr gelegt werden bei Sanierungsmaßnahmen am Milchgebiss (hier ist zeitlich begrenzte Haltbarkeit ausreichend, deshalb ist auch die Verwendung von Kompositen, Glas-Ionomeren und Kompomeren möglich).
Auch bei Frauen während einer Schwangerschaft und während der Stillzeit (Amalgamfüllungen wie auch Fischverzehr führen zu einer transplazentaren Quecksilberexposition der Leibesfrucht; obwohl es keine wissenschaftlichen Belege für eine pränatale Schädigung durch Quecksilber aus Amalgamfüllungen der Mutter gibt, sollte die Hg-Exposition, angesichts der für höhere Hg-Belastungen belegten Quecksilbertoxizität, für Embryo und Fetus aus Vorsorgegründen so niedrig wie möglich gehalten werden; beim Legen und Entfernen von Amalgamfüllungen entstehen Expositionsspitzen, die besonders während einer Schwangerschaft und in der Stillzeit zum Schutz des Kindes vermieden werden sollen).
Zudem sollten keine Füllungen gelegt werden bei Vorhandensein anderer metallischer Restaurationen mit direktem approximalem oder okklusalem Kontakt, bei der Diagnose oraler lichenoider Reaktionen, bei Patienten mit Niereninsuffizienz (wegen der Hinweise auf mögliche Niereneffekte von Amalgam, deren klinische Relevanz nicht beurteilt werden kann) sowie bei festgestellter Allergie (Typ IV) gegenüber Amalgam.

Entfernung von Amalgam

Bestehende Amalgamfüllungen müssen entfernt werden bei festgestellter Typ-IV-Allergie gegenüber Amalgam, also bei positiver Reaktion im Epikutantest und einem mit einer „Amalgamallergie“ kompatiblen klinischen Bild; ein positives Testergebnis oder ein positiver Lymphozytentransformationstest allein genügt nicht zur Diagnose einer Kontaktallergie.
Füllungen aus Amalgam sollen bei der Diagnose oraler lichenoider Reaktionen entfernt werden. Während der Schwangerschaft und Stillzeit sollen sie jedoch nicht entfernt werden, sofern keine dringende zahnärztliche Indikation dazu besteht.

Abklärung der Belastung

Im Rahmen der umweltmedizinischen Anamneseerhebung sind einige Fragen zu Amalgamfüllungen angezeigt: wann gelegt? Wie viele? Wann entfernt? Hinweise auf erhöhte Quecksilberfreisetzung geben folgende Befunde: viele Füllungen, große Oberflächen, korrodierter Zustand, andere Legierungsarten mit direktem Kontakt zu Amalgamfüllungen.
Zur Abschätzung der amalgambedingten internen Quecksilberexposition ist die Hg-Bestimmung im Urin eine praktikable, gut standardisierte und geeignete Methode. Die Quecksilberkonzentration im Urin korreliert mit der Zahl sowie der Qualität der vorhandenen Amalgamfüllungen.
Zur Erfassung einer internen Quecksilberbelastung aus Amalgamfüllungen ist die Hg-Bestimmung im Vollblut nicht geeignet, da Vollblut neben anorganischem Quecksilber (vorwiegend im Blutplasma) auch organisches Quecksilber (vorwiegend in den Erythrozyten) in für die Gesamt-Quecksilberbestimmung relevanten Anteilen enthält. Eine Hg-Bestimmung in Blutplasma oder -serum wäre dagegen durchaus geeignet.
Der „Kaugummitest“ mit Quecksilberbestimmung im Speichel ist zur Überprüfung einer Hg-Belas­tung aus Amalgamfüllungen nicht geeignet: dabei wird auch nicht resorbierbares Quecksilber, z. B. aus Legierungspartikeln, erfasst.

Bei Verdacht auf „Amalgamkrankheit“

Bei Vorstellung von Patienten mit selbstvermuteter „Amalgamkrankheit“ sind zunächst eingehende differenzialdiagnostische Überlegungen und Untersuchungen anzustellen. Vom Patienten berichtete unspezifische Symptome, z. B. Konzentrationsschwäche, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen, können vielfältige Ursachen haben. Dass sich solche nicht zum typischen Spektrum der Quecksilbervergiftung gehörende Symptome nach Amalgamentfernung bessern, wird aus umweltmedizinischen Praxen berichtet; hierzu wären Belege (insbesondere in Form wissenschaftlicher Veröffentlichungen) wünschenswert.
Mit dem Patienten ist zu besprechen, dass es hinsichtlich der Vermutungen über Zusammenhänge zwischen Amalgam und bestimmten Krankheiten (wie z. B. Morbus Alzheimer, Morbus Parkinson, amyotrophe Lateralsklerose, Autismus, multiple Sklerose) oder Hormonstörungen keine überzeugenden wissenschaftlichen Belege gibt.
Die Wirksamkeit von Maßnahmen, wie Quecksilber-„Ausleitungen“ mit Chelatbildnern oder die Entfernung amalgamhaltiger Zahnfüllungen, ist in solchen Fällen in der Regel nicht belegt. n

Langfassung des Artikels:
Bundesgesundheitsbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2007 • 50:1304–1307
DOI 10.1007/s00103-007-0338-z
© Springer Medizin Verlag 2007

Empfehlung des Robert-Koch-Instituts

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