zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 10. Jänner 2008

Die Kunst aus Fehlern zu lernen

Zur Kunst werden Fehler wohl nur in der Medizin erhoben, auch wenn etwas anderes gemeint ist, wenn vom – heute eher verpönten Begriff – Kunstfehler die Rede ist. Der Ausdruck leitet sich aus der Sicht ab, dass ärztliche Behandlung nach allen Regeln der Kunst (lat. de lege artis, engl. state of the art) erfolgt. Verwendet wird heute allerdings der (juristische) Terminus Behandlungsfehler.

Regelmäßig, ja fast genüsslich werden ärztliche Fehlleistungen von der Öffentlichkeit aufgegriffen und meist polemisch zerpflückt. So titelten etwa in Deutschland vor etwa zwei Jahren selbst seriöse Zeitungen und Magazine, dass es „mehr Tote durch Ärztepfusch als im Straßenverkehr gebe“. Die Ärzte fühlen sich durch solche undifferenzierten Meldungen freilich an den Pranger gestellt und missverstanden. Gerade dieses sensible Thema sollte in ruhiger Atmosphäre nüchtern analysiert werden.
Einen Beitrag liefert die im Herbst 2007 ins Leben gerufene Kooperation der Medizinischen Universität Wien mit dem Spin-Off Medexter Healthcare, die Forschungsergebnisse für die klinische Anwendung nutzbar machen möchte. In einer Presseaussendung betonte die MedUni Wien vor allem die Möglichkeiten computerunterstützter Informationssysteme: Die Entwicklung von Systemen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (Artificial Intelligence) soll Ärzten helfen, sichere Entscheidungen im klinischen Alltag zu treffen sowie Ressourcen möglichst effizient einzusetzen. Dazu Prof. Klaus-Peter Adlassnig vom Institut für Medizinische Experten- und Wissensbasierte Systeme: „Unsere Systeme vollziehen den Denkprozess eines Arztes im klinischen Alltag sozusagen schrittweise nach. Das simple Vergessen einer möglichen Diagnose oder das Übersehen einer möglichen Therapie soll dadurch ausgeschlossen werden.“

Mensch bleibt oberste Instanz

Erfahrungsgemäß werden in diesem Zusammenhang auf Seiten der Mediziner Ängste wach, ihre diagnostischen und therapeutischen Freiheiten im Zuge einer automatisierten Medizin einzubüßen. Eine Befürchtung, die Adlassnig freilich nicht teilt: „Es ist klar, dass ein Computer gerade im Bereich der Medizin niemals einen Menschen ersetzen kann. Aber der Computer kann dem Menschen helfen, so wie es Roboter in anderen medizinischen Bereichen schon lange tun.“
Als eine weitere Möglichkeit zur Vermeidung von Fehlern werden wiederholt Checklisten genannt, die eine gewisse Struktur sowie eine Standardisierung in den Arbeitsprozess bringen. Allerdings wird allgemein das Führen von Listen in der Praxis als lästig und bürokratisch empfunden.
Aber wieso nur aus eigenen Fehlern lernen, wenn man dies auch aus denen der Kollegen tun kann?, fragt die Internetplattform www.­jeder-fehler-zaehlt.de und setzt auf kollektives Lernen und präventive Diskussionen. Die vom Institut für Allgemeinmedizin der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt betriebene Seite beinhaltet mittlerweile über 300 Fehlerberichte mit fast 1.100 Kommentaren. Das Lernsystem richtet sich insbesondere an Hausärzte und wird auch von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM) empfohlen.

Anmerkung: Wie gut hat man es da als Journalist. Hier provoziert ein Druckfehler zwar so viele Leserbriefe, wie es selbst der beste Artikel kaum vermag, doch bleibt das Leserwohl davon unbeeinträchtigt. Aber das ist eine andere Geschichte – eine, die Sie hier lesen können.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 1/2008

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben