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Allgemeinmedizin 5. Juli 2007

Wasserpfeife: Tutti palletti mit tutti frutti?

Die Mechanismen, welche die Jugend der Wasserpfeife (Shisha, Hubble Bubble, Nargileh) zutreiben, definierte die Ärzte Woche in ihrer letzten Ausgabe. Im zweiten Teil soll ein Überblick über die einzelnen Gesundheitsrisiken gegeben werden.

 Wasserpfeife mit viel Rauch
Besinnlicher Rauch? Oder benebelt der Rauch die Sinne? Auf jeden Fall ist die Wasserpfeife ein Fall für Gesundheits- und Jugendschutz.

Foto: Mag. Reinhard Gattinger

„Was um Himmels Willen rauchst du da?“ „Tutti Frutti, absolut ungefährlich!“ Ein prüfender Blick und eine gekräuselte Nase später und Mama trollt sich beruhigt von dannen. Die süßlich riechende Wasserpfeife mit dem einschläfernden Blubbern jagt selbst skeptische Eltern ins Bockshorn.
Eine übertriebene Darstellung? Ganz und gar nicht, sagt der Psychiater Dr. Ali Zoghlami, Experte für Rauchentwöhnung aus dem Anton Proksch-Institut, Wien: „Vom gesundheitlichen Standpunkt könnten die Kinder ebenso gut Zigarren rauchen. Das zeigen zumindest, die in den letzten Jahren deutlich zunehmenden Untersuchungen. Aber nicht nur die Menge, auch die Internationalität der Studien zeigt den globalen Vormarsch der Wasserpfeife. Während ältere Untersuchungen vor allem aus der Türkei, Nahost, Persien und Nordafrika stammen, werden neuerdings auch Analysen in Ländern wie Schweden, Portugal, USA oder China durchgeführt.“

Keine Shisha gleicht der anderen

Das größte Problem bei allen Studien sei allerdings die fehlende Standardisierung, erklärt Prof. Dr. Helmut Sinzinger, Uniklinik für Nuklearmedizin am AKH Wien: „Die Wasserpfeifen unterscheiden sich deutlich voneinander. Da gibt es große Abweichungen, etwa in der Größe, Wassermenge, Tabaksorte oder in der Art der verwendeten Kohle. Auch Rauchdauer und Zugfrequenz müssen berücksichtigt werden. Bislang fehlen allgemein gültige standardisierte Testmethoden für die Wasserpfeife.“
2003 untersuchte Sinzinger mit seinem Team in der ersten österreichischen Wasserpfeifenstudie1 die Oxidationsschädigung auf die Hämostase und das Eicosanoid-System: Schon eine einzige Rauchsitzung erhöht den oxidativen Schaden signifikant, häufiges Rauchen provoziert in weiterer Folge lang anhaltenden oxidativen Stress.
„Bislang wurden im Rauch mehr als 4.000 Substanzen identifiziert, darunter Schwermetalle, radioaktive Stoffe, aromatische Kohlenwasserstoffe und Kohlenmonoxid“, erklärt Zoghlami und rückt einem weit verbreiteten Irrglauben auf die Pelle: „Es kann keine Rede davon sein, dass diese Stoffe durch das Wasser gefiltert werden. Beispielsweise ist Nikotin, ein wichtiger Promotor in der Kanzerogenese, fettlöslich und kann daher durch das Wasser gar nicht abgefangen werden.“
Eine Studie (Feyerabend et al.2) untersuchte den Nikotinspiegel im Plasma nach Konsum von 20 Zigaretten innerhalb von sieben Stunden mit dem Ergebnis: 49 ng Nikotin/ml Plasma. Laut Messungen von Shafagoj3 bei 14 Probanden stieg hingegen der Plasmawert nach 45 Minuten Wasserpfeifenrauchen bereits auf 60 ng Nikotin/ml Plasma.
Shihadeh4 stellte in seiner Analyse filterlose Zigaretten und Wasserpfeifen gegenüber: Schon bei der Rauchmenge gibt es erhebliche Unterschiede. Während beim Qualmen von Zigaretten 35 ml Zugvolumen inhaliert werden, sind es bei dem orientalischen Rauchgerät rund 0,5 bis ein Liter. Das große Rauchvolumen wird unter anderem durch das kühlende Wasser ermöglicht, da der Rauch tiefer in die Lungen gesogen wird und dort länger verweilt. Dies ist von besonderem Nachteil, denn Schadstoffe im Shisha-Rauch imponieren mit besonders hohen Werten (siehe Tabelle). Dazu zählen etwa Kohlenmonoxid und Schwermetalle wie Cobalt, Chrom, Nickel und Blei. Auch Teer findet sich im Wasserpfeifenrauch in beträchtlicher Konzentration. Und das obwohl Verharmloser stets darauf verweisen, dass Teer gar kein Bestandteil des Shisha-Tabaks sei. Dies ist freilich eine Täuschung, da die kanzerogene Substanz erst während der Erhitzung entsteht.

 Inhaltsstoffe im Rauch von Wasserpfeifen und Zigaretten

Prädikat: stark unterschätzt

Eine Untersuchung aus Saudi-Arabien zeigte eine eingeschränkte Lungenfunktion bei 595 Shisha-Rauchern, die schlechtere Lungenfunktionen als Zigaretten-Raucher5 aufwiesen. Bemerkenswert sei, so Zoghlami, dass selbst in Ländern, die schon seit Jahrhunderten Erfahrungen mit der Wasserpfeife sammeln konnten, die Risiken unterschätzt werden. Er verweist auf eine libanesische Studie von Nuwayhid et al.6, in der Schwangere aus Rücksicht auf das ungeborene Leben das „Rauchen aufgaben“, aber als Ersatz weiter an der Wasserpfeife sogen. Deren Neugeborene zeigten im Durchschnitt ein signifikant geringeres Geburtsgewicht.
Johannes Spatz, Projektleiter aus dem Berliner Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, kämpft gegen dieses Unwissen an und initiierte die Studie „Vorsicht Wasserpfeife“7. Die Untersuchung soll Gesundheitspolitiker, Lehrer, Eltern und Jugendliche für die Gefahren aus der Rauchflasche sensibilisieren. Spatz: „Die Shisha ist eine Einstiegsdroge und ein lohnendes Objekt für den Gesundheits- und Jugendschutz, denn deren Konsum findet zu einem Großteil im rechtsfreien Raum statt. Die entstehenden Substanzen liegen partiell weit über den gesetzlichen Vorgaben.“

Feinstaubschleuder Wasserpfeife

Die Ärzte Woche widmete sich bereits in ihrer letzten Ausgabe dem epidemiologischen Teil der Berliner Studie, der die These unterstrich, dass Jugendliche den Einstieg in den Zigarettenkonsum über die Shisha vollziehen. Darüber hinaus ließ Spatz Feinstaubmessungen in acht Shisha-Lokalen durchführen. Dabei wurden Partikel unter 2,5 µg Gewicht gemessen. Teilchen von dieser Größe, die beim Verglimmen (Zigaretten-Nebenstromrauch) oder Verschwelen (Wasserpfeife) entstehen, stellen eine erhebliche Gesundheitsbelastung dar, da sie tief in die Lunge und weiter ins Blut vordringen. Den Spitzenwert von 4.253 µg/m3 wurde in einem Lokal gemessen, in dem gleichzeitig sechs Wasserpfeifen in Betrieb waren. Der Durchschnitt aller Shisha-Lokale in der Berliner Untersuchung lag bei 780 µg/m3. Zum Vergleich: Eine Messreihe des Deutschen Krebsforschungszentrums8 kam auf Durchschnittswerte von 233 µg/m3 (Restaurants), 543 µg/m3 (Bars) und 638 µg/m3 (Diskotheken).
Aber nicht nur die Tabaksub-stanzen sind schädlich. Denn was die Shisha besonders beliebt macht, ist das gesellige Zusammenrauchen. Dabei wird eine Pfeife häufig von mehreren Personen geteilt. Hier sitzt das Gesundheitsrisiko schon am äußersten Zipfel des Rauchgerätes, nämlich am Mundstück: Eine Zunahme der Tuberkulose-Inzidenz in Dänemark ließ ein Team um Johnna Steentoft auf eine „Biowaffe“ der besonderen Art stoßen. Die Betroffenen teilten sich Shishas mit Tuberkulosekranken – das Übertragungsrisiko steigerte sich dadurch signifikant9. Darüber hinaus erhöhe sich aber auch das Infektionsrisiko durch Helicobacter Pylori10 und Viren, etwa Hepatitis oder Herpes, mahnt Zoghlami. Schließlich warnt er, sei die Wasserpfeife auf mehreren Ebenen ein Gesundheitsrisiko und eine epidemiologische Zeitbombe, die unsere Jugend in die Nikotinabhängigkeit führe. „Die Wasserpfeife verdient daher unsere volle Aufmerksamkeit!“

1. Life Sci Nov 2003; 74(1):47-53
2. Br J Clin Pharmacol Feb 1985; 19(2):239-47
3. Int J Clin Pharmacol Ther 2002; 40(6):249-55
4. Food Chem Toxicol 2005. 43: 655-661
5. Trop Geogr Med Apr 1988; 40(2):115-23
6. Am J Epidemiol Aug 1998
7. Vorsicht Wasserpfeife“; Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg; 2007
8. Deutsches Krebsforschungszentrum: Tabakrauchbelastung in deutschen Gastronomiebetrieben und in Fernreisezügen; Heidelberg, 2006
9. Ugeskr Laeger Feb 2006; 168(9):904-7
10. El-Barrawy et al; East Mediterr health J., 1997, 3, 316-321

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 27/2007

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