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Allgemeinmedizin 3. Juli 2007

Alkopops für die Lunge, süßer Rauch aus der Flasche

Eigentlich führten Kaffee und Wasserpfeife ihren Siegeszug durch Persien, Arabien und das Osmanische Reich Hand in Hand durch. An den Toren Wiens scheiterten schließlich nicht nur die Osmanen, sondern auch die Partnerschaft von Kaffee und Wasserpfeife. Während der Kaffee seine Erfolgsgeschichte fortsetzte, blieb die Verbreitung des blubbernden Rauchgeräts auf zumeist islamische Länder beschränkt. Zumindest bis heute, denn es scheint, als ob die Wasserpfeife, international auch unter den Synonymen Shisha, Nargileh, Hookah oder Hubble Bubble bekannt, einen zweiten Ansturm auf die westlichen Länder unternimmt.

Als vermeintlich harmloser Rauchgenuss kommt die Wasserpfeife weltweit immer mehr in Mode. Pikanterweise just zu einer Zeit, in dem Rauchwaren stärker geächtet werden als je zuvor. Aber vielleicht auch gerade deshalb. Besonders alarmierend sei, dass sich der Trend zur Wasserpfeife vor allem in der Jugendszene etabliere, sagt Dr. Ali Zoghlami, Facharzt für Psychiatrie. Einer der es wissen muss, schließlich ist er für das Raucherentwöhnungsprogramm im Wiener Anton Proksch-Institut, zuständig, zudem kennt der gebürtige Tunesier die Anziehungskraft der Wasserpfeife seit seiner Kindheit. „Es ist vielen Faktoren zuzuschreiben, warum die Shisha aus dem Migrantenumfeld ausgebrochen ist und ausgerechnet Einzug in die jugendliche Partyszene hält. Früher stolperte man im Urlaub zufällig über die Wasserpfeife, nahm sie mit nach Hause, wo sie schließlich im Regal verstaubte, da essenzielle Zutaten wie Kohle und Tabak nicht nachgekauft werden konnten.“

Hürdenloser Tabakerwerb

Das ist dank Internet nun anders, finden sich online doch viele Anbieter, die von der schicken Wasserpfeife aus böhmischem Kristallglas bis zur verchromten Party-Shisha mit mehreren Anschlüssen alles offerieren. Auch Tabak und Edelkohle aus ägyptischem Orangenholz können binnen weniger Tage ins Haus geliefert werden. Der Zugang zu Wasserpfeifenzubehör wird aber noch einfacher: Konnte man den Spezialtabak früher nur mit vorgehaltener Hand am Wiener Naschmarkt erwerben, so ist der Anteil jener Trafiken, die den Tabak offiziell verkaufen, schier explodiert. Ein weiterer Promotor für die Verbreitung der Pfeife ist die Entwicklung einer selbstentzündenden Spezialkohle, die das aufwändige Erhitzen der Holzkohle erspart.

Blubbern für die soziale Stellung

„Der einfache Zugriff auf das exotische Rauchgerät bewirkt, dass die Wasserpfeife bei uns zu einem sozialen Phänomen wird“, bestätigt Zoghlami, „hinzu kommt der in der Jugend allgegenwärtige Zwang zum Dabeisein“. Ein typisches Indiz für den Blubber-Trend innerhalb der Jugendszene sind Party-Accessoires, wie etwa farbige Kugeln, die anfangen zu leuchten, sobald am Mundstück angezogen wird und das Wasser in Bewegung kommt. Außerdem tauschen die Jugendlichen auf Internetforen Rezepte über Tabakmixturen aus und geben Tipps zur Wirkungsweise von Alkoholika im Filterwasser.

Berlin übernimmt Vorreiterrolle

In Deutschland wird bereits Alarm geschlagen. Im Mai dieses Jahres veröffentlichte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eigentlich erfreuliche Zahlen. So erreichte der Anteil jugendlicher Raucher mit 18 Prozent einen historischen Tiefstand. Nachdenklich stimmte jedoch der Anteil von 14 Prozent der 12- bis 17-Jährigen, die Wasserpfeife rauchen. Bemerkenswert eine weitere, im deutschsprachigen Raum wohl einmalige Feldstudie des Berliner Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg. „Uns fiel zunächst auf, dass in den letzten Jahren in unserem Bezirk die Shisha-Lokale wie die Pilze aus dem Boden schossen. Dabei handelt es sich keineswegs ausschließlich um Migranten-Lokale, sondern auch um Herbergen, in denen der durchschnittliche Gast zwischen 14 und 24 Jahren jung und Schüler bzw. Student ist“, erklärte Projektleiter Johannes Spatz gegenüber der Ärzte Woche. Sein Team befragte 1.147 Schüler ob ihrer Rauchgewohnheiten. Das Ergebnis: Doppelt so viele Kinder im Alter von zehn bis 15 Jahren greifen eher zur Wasserpfeife als zur Zigarette. Erst bei den 18- bis 25-Jährigen gleichen sich die Rauchgewohnheiten an. Psychiater Zoghlami kennt den Mechanismus: „In frühen Jahren wird die Shisha noch mäßig genossen. Der wassergekühlte, aromatisierte Rauch kratzt in jungen Lungen weniger als andere Tabakwaren. Doch ist der Nikotinappetit erst einmal geweckt, muss er gestillt werden, spätestens dann ist das Tor zum Zigaretten-Abusus weit geöffnet.“ Die Falle in welche die Jugendlichen tappen, lässt sich insbesondere durch Unkenntnis erklären. Spatz: „Unsere Befragungen verdeutlichen, dass sich Wirte und junge Konsumenten die blanke Ahnungslosigkeit hinsichtlich gesundheitlicher Gefahren durch Wasserpfeifen teilen.“ Tatsächlich präsentiert sich der Shisha-Tabak als sprichwörtlicher Wolf im Schafspelz. Klebrig, aromatisiert, sogar mit Fruchtstücken vermengt, gleicht die Masse eher einem vitaminreichen Fruchtcocktail als Tabak. Das erinnert frappant an die Alkopops, die fruchtigen alkoholhaltigen Limonaden, die vor allem bei den jungen Verbrauchern Beifall finden und sie frühzeitig an den regelmäßigen Alkoholkonsum gewöhnen. Doch was in der Alkohol-Branche gezielt passiert, geschieht hier wohl eher zufällig. Womöglich ist es aber kein Zufall, dass die Tabakindustrie dem Neuankömmling aus dem Orient so viel Spielraum lässt. Denn obwohl einige importierte Tabaksorten (z.B. die beliebte ägyptische Sorte „Two Apples“) aufgrund ihres 20-prozentigen Glyzeringehaltes gegen die geltende Tabakverordnung verstößt (erlaubt sind fünf Prozent), kann sie in österreichischen und deutschen Verkaufsstellen problemlos erworben werden. Dabei bildet gerade das Feuchthaltemittel Glyzerin im erhitzten Zustand das toxische Acrylaldehyd, das die Flimmerhaare der Atemwege schädigt und die Lungenfunktion mindert.Nur eines der vielen Gifte, von denen die meisten Shisha-Raucher nichts ahnen. Das Wasser sei ein hervorragender Filter, so eines ihrer häufigen Argumente. „Das ist glatter Unsinn“, entgegnet Psychiater Zoghlami und wedelt mit einem ganzen Packen von internationalen Studien. Ein Großteil der Untersuchungen offenbart dieselbe, in einigen Bereichen sogar größere Gesundheitsgefährdung durch toxische Stoffe gegenüber den herkömmlichen Zigaretten. Offizielle Stellen in Österreich sehen derzeit noch keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Es werden aufgrund des von Experten als eher mäßig eingestuften Konsums weder auf Bundes- noch auf Lokalebene Untersuchungen als dringlich erachtet, um Jugendliche auf die Gefahren der Shisha aufmerksam zu machen. Mag. Dr. Franz Pietsch, seines Zeichens nationaler Drogenkoordinator, kann derzeit keinen übermäßigen Wasserpfeifenkonsum österreichischer Jugendlicher ausmachen:

„Zunächst wird die Wasserpfeife noch mäßig genossen. Der gekühlte, aromatisierte Rauch kratzt in jungen Lungen kaum. Doch ist der Nikotinappetit geweckt, muss er gestillt werden, und dann ist das Tor zum Zigaretten-Abusus geöffnet.“

„Es mag durchaus sein, dass vereinzelt junge Menschen dem exotischen Rauchgenuss frönen, aber das kann nicht als breiter Missbrauch gewertet werden.“ Das hieße aber nicht, dass man nicht wachsam sei, vermerkt der Ministerialrat, schließlich bewege sich auch die Kooperation mit Deutschland auf ausgezeichnetem Niveau: „Wird diese Problematik in den deutschen Städten besonders auffällig, so werden wir sicher von unseren Kollegen informiert.“ Die in Deutschland erhobenen Daten will Pietsch nicht eins zu eins auf die heimische Szene umlegen, schließlich sei der Migrationshintergrund in Berlin-Kreuzberg stärker ausgeprägt als in Wien. „Freilich lassen sich viele Trends zunächst in Deutschland beobachten, bevor sie zu uns schwappen. Dass dies nicht sein muss, ist beispielsweise beim Cannabis-Missbrauch ersichtlich. Diese Problematik ist bei unseren deutschen Nachbarn dramatisch wichtiger.“ Ob der Trend zur Wasserpfeife tatsächlich vor der österreichischen Grenze verebbt, wird wohl die nächste Zeit zeigen. Die Ärzte Woche wird sich in der nächsten Ausgabe detailliert dem Gesundheitsrisiko bei Wasserpfeifenkonsum im Vergleich zu jenem bei Zigaretten widmen.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 26/2007

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