zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 10. Mai 2007

Kommentar: Den Feldherrnhügel endlich beziehen

Schmerz ist ein Freund! Schließlich ist er ein untrügliches Zeichen, dass etwas in unserem Organismus gehörig schief läuft. Ist der Leidende (und sein Arzt) klug genug, die ersten Signale richtig zu deuten, so kann unter günstigen Umständen das Schlimmste verhindert werden. Aber wehe, die erste Pein wird ignoriert, dann kann sich der Schmerz rasch zum schlimmsten Feind entwickeln. So kann lang anhaltender oder starker Schmerz tiefe Spuren ins Rückenmark graben und für nachfolgende Alarmsignale den Weg bahnen – letztlich eine Hyperalgesie aus­lösen. Erkenntnisse aus dem Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien brachten mehr Licht in diesen Mechanismus: Gerade von
jenen, die jahrelang die Zähne zusammenbeißen, müssen dann etliche von einem Tag auf den anderen kaum erträgliche Schmerzen dulden. Das ist nur eine der vielen Facetten des Schmerzes, denn dieser hinterlässt auch psychische Wunden. Die Spirale dreht sich über das Leiden in die Depression. Letztere kann Schmerzen chronifizieren und so weitere somatische Symptome induzieren. Kurzum, der Schmerz ist kein eindimensionales Geschehen und benötigt daher ein multimodales Therapiekonzept. Es ist demgemäß eine begrüßenswerte Entwicklung, wenn sich möglichst viele Fachvertreter berufen fühlen, Schmerzpatienten zu helfen. Andererseits gibt es da ein Sprichwort von den vielen Köchen und dem verdorbenen Brei. Das soll freilich nicht heißen, dass nicht mehrere an den Herd dürfen, es sollte allerdings nur einen Chefkoch geben. Der Grundstein zur Ausbildung so eines Koordinators wurde nun von der Österreichischen Ärztekammer gelegt: Das „Diplom für spezielle Schmerzmedizin“ soll ab Herbst dieses Jahres den Vertretern aller Fachrichtungen offen
stehen. Absolventen dieser Ausbildung, die für rund 240 Stunden anberaumt ist, sollen dann den Feldherrnhügel im Kampf gegen die Schmerzen beziehen und dafür sorgen, dass die „gemeinsame Vorgangsweise“ gezielt und koordiniert vonstatten geht. Wir werden viele dieser Spezialisten brauchen, denn hierzulande leiden bereits heute 85 Prozent zumindest einmal in ihrem Leben an quälenden Rückenschmerzen. Die demografische Entwicklung wird diese Zahl wohl weiter steigen lassen. Und schon Freud merkte an: „Wir streben mehr danach, Schmerz zu vermeiden als Freude zu gewinnen.“

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 8/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben