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Allgemeinmedizin 22. Mai 2007

Gefährlicher Wagemut im Dienst der Medizin

Besonders gefährliche medizinische Versuche sind freiwilligen Probanden nicht zumutbar. So mancher Arzt schreckt deshalb nicht davor zurück, Experimente an sich selbst durchzuführen. Einige dieser Forscher wurden später mit dem Nobelpreis geehrt. Andere haben ihr Wagnis mit Krankheit oder sogar mit dem Tod bezahlt.

Der Mitentdecker der Typhusimpfung Sir Almroth Wright stach sich etwa 20.000 Mal in den Finger, um Blut für seine Untersuchungen zu gewinnen. Andere Forscher gingen mit ihrem eigenen Körper noch weit weniger zimperlich um: Im Jahr 1929 führte Werner Forßmann in einer Mittagspause einen Blasenkatheter in seine linke Armvene ein und schob ihn bis zum rechten Herzen vor. Ein Kollege fertigte ein Röntgenbild an, das die Lage des Katheters im rechten Vorhof dokumentierte. Das war eine Sensation! Zunächst allerdings wurde Forßmann zu seinem Chef zitiert, der ihm eine heftige Standpauke hielt. Noch schlimmer erging es ihm wenige Monate später als Assistent bei Prof. Sauerbruch. Der schimpfte über die Selbstversuche (insgesamt waren es acht Selbstkatheterisierungen) und bezeichnete sie als „Zirkusnummern, die eines Arztes unwürdig“ seien. Jahrzehnte später erhielt Forßmann allerdings für seine bahnbrechende Arbeit den Nobelpreis für Medizin.
Ebenso erfolgreich war der kanadische Arzt Frederick Banting. Schon zwei Jahre nach seinem Selbsttest, in dem er nachwies, dass ein aus den Langerhans-Inseln isoliertes Hormon (Insulin) auch beim Menschen wirksam ist, wurde auch er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Zwei statt nur einer Infektion

Über Jahrhunderte verwendeten Forscher Selbstinfektionen, um unbekannte Erreger aufzuspüren, die Infektionswege herauszufinden und die Wirksamkeit von Impfungen zu testen. So ist belegt, dass 1767 der Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie, John Hunter, sich wagemutig selbst mit der Geschlechtskrankheit Gonorrhö infizierte. Hunter inokulierte sich Eiter eines Patienten an zwei Stellen seines eigenen Penis. Wie erwartet zeigten sich die typischen Symptome der Gonorrhö nach einer Woche. Was Hunter zuvor nicht wusste: Sein Patient war auch Träger der Syphilis und auch diese hatte er durch sein Experiment akquiriert. Nach einigen Wochen kam es zum Primäraffekt am Penis. Die damaligen Behandlungen mit Quecksilber halfen nur wenig.
1885 infizierte sich der peruanische Medizinstudent Daniel Carron vorsätzlich an einer endemischen Krankheit, dem Oroyafieber. Er entwickelte Fieber, starke Gelenkschmerzen, eine progrediente Anämie und Erbrechen und starb nach 39 Tagen.

Experimente am eigenen Leib

Die Selbstversuche sind vielfältig:
• Untersuchung eigener Körperteile oder -substanzen,
• Einnahme unbekannter oder bekannter Substanzen: Gifte, Radionuklide, Hypnotika, Analgetika, bewusstseinsverändernde Substanzen
• Selbstinfektionen (oral, kutan, subkutan, intravenös),
• extreme Nahrungsveränderung
• Veränderungen physikalischer Umgebungsvariablen wie Temperatur, Lichteinstrahlung, Be-/ Entschleunigung, Luftdruck, Luftzusammensetzung, Geschwindigkeit im Raum
• Einbringen von Instrumenten/ Gegenständen in den Körper oder an seine Oberfläche
• Veränderung physiologischer Zyklen wie Schlaf, Nahrung und Ausscheidung.
Eine lange Tradition haben Selbstversuche mit Hypnotika, Analgetika und Narkotika: 1846 erzeugte der Zahnarzt William Morton eine kurze Analgesie, indem er Äther inhalierte. Er wurde berühmt als Entdecker der Äthernarkose. 1898 experimentierte August Bier als Oberarzt in Kiel zusammen mit einem Assistenten mit Kokain. Nach einer Serie von Selbstversuchen mit Lumbalpunktionen (mit z.T. unerträglichen Kopfschmerzen in den Tagen danach) entstand die Rückenmarksbetäubung mit Kokain. Zahlreiche weitere Kollegen machten Selbstexperimente mit Kokain. Nicht wenige davon wurden süchtig. 1944 führte Dr. Frederick Prescott, Arzt einer pharmazeutischen Firma in England, einen Selbstversuch mit d-Tubocurarin durch. Zwar gelang das Experiment, die muskelrelaxierende Wirkung des Curare konnte nachgewiesen werden, aber Prescott selbst, der ja über die ganze Dauer der vollständigen Lähmung bei Bewusstsein blieb, stand Todesängste aus.
Selbstversuche mit bewusstseinsverändernden Substanzen sind wichtig, weil die Schilderung veränderten Erlebens beim Tierexperiment ausscheidet und nur vom Menschen möglich ist. So gibt es Selbstversuche für Opium, Pilzextrakte, Cannabis, Heroin, Kokain oder LSD. Teilweise waren es Chemiker wie Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, oder Apotheker wie Friedrich Sertürner, der erstmals Morphium aus dem Opiumsaft gewann.

 Finger
20.000 Mal in den Finger gestochen, um an das begehrte Forschungsobjekt Blut heranzukommen. Damit trug Sir Almroth Wright zur Entwicklung der Typhusimpfung bei.

Foto: PhotoDisc

Meskalin, Curare, LSD und Kokain im Selbsttest

Der psychiatrische Oberarzt Kurt Behringer unternahm in den Zwanzigerjahren zusammen mit über dreißig weiteren Ärzten Studien mit Meskalin an der Universität Heidelberg. Der damalige Assistenzarzt Hans Bürger-Prinz schreibt: „Nachdem mir das Meskalin injiziert worden war, passierte zunächst gar nichts. Bei der Morgenvisite setzte die Wirkung schlagartig ein ... die uns begleitende Schwester sah plötzlich wie skelettiert aus ... die Patienten waren in ihren Betten zu riesigen Würmern angeschwollen, die sich drehten und wanden.“
Mit Kokain experimentierte auch Sigmund Freud um 1884 in Wien. Er beschrieb die Wirkung sehr positiv und schickte sogar seiner Verlobten Martha Bernays eine kleine Menge Kokain.
LSD wurde von zahlreichen Psychiatern eingenommen, u.a. um an sich selbst psychoseähnliche Symptome zu studieren und im eigenen Bewusstsein Halluzinationen zu erleben. Zu den Pionieren gehörte 1965 Prof. Günther Hole, als er unter laufender EEG-Kontrolle LSD einnahm. Er erzählt: „Schlimm war, dass ich mich nicht bewegen durfte, um keine Muskelartefakte zu produzieren. Mein Ich hatte sich aufgelöst und war in Einzelteilen hinausgeschossen ins Weltall. Der Versuch brachte mir fast eine psychosenahe Angst.“ Die EEG-Ergebnisse des Selbstversuchs waren enttäuschend gewesen. Dennoch bereut der Psychiater seinen Selbstversuch nicht: „Ich habe dadurch mein Verständnis für das Erleben psychisch ­kranker Menschen enorm vertieft. Speziell bei meinem Selbstversuch mit LSD25 habe ich kapiert, was psychotische Angst wohl ist.“

 Raktenauto Selbstversuch
Dr. John Stepp 1954 auf dem Raketenschlitten. Bei seinen riskanten Selbstversuchen hielt der US-Militärforscher bis zum 46-fachen der Erdanziehungskraft aus.

Foto: U.S. Air Force (wikipedia)

Tests mit dem Raketenschlitten

Um die Auswirkungen großer Beschleunigungen zu testen, führte der Luftfahrt-Mediziner John Stapp zahlreiche Selbstversuche auf dem Raketenschlitten durch. Im Dezember 1954 erreichte er dabei kurzzeitig eine Geschwindigkeit von 1.017 Stundenkilometer. Er erlitt massive retinale Blutungen, beschädigte seinen Gleichgewichtssinn permanent, hinzu kamen diverse Knochenbrüche. Aufgrund seiner Experimente war es ihm möglich, Sicherheitsgurte und andere Schutzvorrichtungen zu perfektionieren.
1892 wollte der damals 73-jährige Geheimrat Prof. Max Pettenkofer, der Begründer des Faches Hygiene, einen wissenschaftlichen Streit klären. Robert Koch hatte kurz zuvor die Choleravibrionen als Ursache der Krankheit nachgewiesen. Pettenkofer hielt dagegen seine Theorie eines Bodenfaktors. Es ging ihm um seine Reputation. So schluckte er eine mit Choleraerregern hoch angereicherte Bouillon. Bis auf einen leichten Durchfall passierte ihm nichts, und auch nicht den Menschen in der Umgebung. Doch leicht hätte er über seine Ausscheidung eine Epidemie in München auslösen können!

Masochistisches Todesspiel

Der ärztliche Selbstversuch wird meist als Ausdruck hoher ethischer Gesinnung bewertet, das Wohl der Menschheit und die Verringerung des Leids sollen im Vordergrund des Handelns stehen. Bei genauerer Betrachtung sind jedoch auch weniger heroische Motive vorhanden. Analysiert man die Motive von Kollegen, die sich immer wieder über Jahre schmerzhaften und gefährlichen Selbstversuchen unterzogen, so sind neben masochis­tischen auch latent suizidale Motivanteile erkennbar. Als ob durch das Aufs-Spiel-Setzen des eigenen Lebens, durch das Zurückkehren aus der Todeszone eine Bestätigung des eigenen Lebenswillens nötig ist.
Noch offener erscheint das Suizidmotiv bei dem Hygieniker Prof. Pettenkofer, der seinen Choleraversuch angeblich so begründete: „Man muss den Versuch an einem wertlosen Körper durchführen.“ Einige Jahre später erschoss er sich tatsächlich. Selbstzerstörerisch wirken auch die Versuche von Dr. Thomas Brittingham, einem US-Hämatologen. Immer wieder injizierte er sich Leukozyten von Leukämiepatienten, hatte lebensbedrohliche Komplikationen, behielt bleibende Schäden, bekam durch die Versuche eine schwere infektiöse Hepatitis und machte doch weiter. Ein Kollege sagte: „Ich glaube, Tom versucht sich durch seine Experimente umzubringen.“

Die Familie ist mitbetroffen

Selbstversuche von Ärzten haben Einfluss auf ihre Familie. Dennoch werden sie selten in die Entscheidung mit einbezogen. Justinus Kerner heiratete 1813 und führte vier Jahre später seinen Selbstversuch mit vergifteter Wurst durch. In der Tat gelang ihm die Erstbeschreibung der Botulismusvergiftung. Noch bedenklicher erscheint es, wenn Ärzte ihre eigenen Angehörigen mit in den Selbstversuch einbinden. So führte Simpson die Experimente mit Chloroform an sich selbst und seinen Angehörigen durch. Haldane nahm seinen Sohn zu vielen Experimenten hinzu, Dr. Jonas Salk, der 1955 die Polioimpfung in den USA einführte, testete die Ungefährlichkeit erst an sich, dann an seiner Frau und schließlich an den beiden kleinen Söhnen. Freud experimentierte nicht nur selbst mit Kokain, sondern gab es auch seiner Verlobten. Nicht bekannt ist, ob John Hunter, der sich mit Gonorrhö und Syphilis infiziert hatte, seiner späteren Frau vor der Hochzeit eine entsprechende Mitteilung machte.

Bernhard Mäulen /MMW

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