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Allgemeinmedizin 5. Dezember 2007

Eine im Großen und Ganzen stabile Situation

Die Zahl der Drogentoten ist dieses Jahr erneut angestiegen, von 191 Opfern im Vorjahr auf 197 im Jahr 2007. Dies geht aus dem neuen Österreichischen Drogenbericht des Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) hervor.

Dr. Alexander David ist als Drogenbeauftragter zusammen mit dem Drogenkoordinator Michael Dressel für die Umsetzung des Wiener Drogenkonzeptes verantwortlich. Eine Tätigkeit, die pure Überzeugungsarbeit darstellt. Mit der Ärzte Woche sprach der Allgemeinmediziner David über den Drogen­bericht 2007 und die gegenwärtige Situation Drogenkranker.

Was waren die Kernpunkte des Drogenberichts 2007?
David: Im Großen und Ganzen haben wir in Österreich eine stabile Situation, Veränderungen finden im Drogenbereich eher langsam statt. Wir haben eine weitgehend stabile Situation bei Heroin und Cannabis, weltweit – so auch in Österreich – beobachten wir aber eine Zunahme des Kokainkonsums. Und wir haben einen Anstieg bei den Drogentoten, der zwar nicht gravierend erscheint, gegen den wir aber etwas unternehmen müssen.

In welcher Lage befinden sich Österreichs Drogenkranke?
David: Österreich hat im Vergleich zu vielen anderen Ländern eine besonders gute ökonomische und soziale Situation. Daher sind Drogenprobleme bei uns nie so gravid geworden wie in vielen anderen Ländern. Hauptfaktoren dabei sind die geringe Arbeitslosigkeit (insbesondere Jugendarbeitslosigkeit) und fast keine Wohnungslosigkeit. Und Wohnungslose haben über Hilfsorganisationen die Möglichkeit, eine Unterkunft zu finden. Insgesamt ein sehr dichtes soziales Netz, welches auch Menschen zur Verfügung steht, die beispielsweise noch nie gearbeitet haben oder anderweitig psychisch, physisch und sozial stark belastet sind. Bei uns kann praktisch jeder Mann und jede Frau Unterstützung auf hohem Niveau in Anspruch nehmen.

Also sind sie mit der medizinischen Versorgung und sozialen Situation Drogenkranker in Österreich zufrieden?
David: Ich glaube, dass es immer etwas gibt, was man besser machen kann. Der gegenwärtige Zustand der österreichschen Drogenpolitik schreit aber nicht nach sofortigen, dringenden Maßnahmen.

In ganz Österreich sind im letzten Jahr sechs Menschen mehr an Überdosen gestorben als im Vorjahr. Was könnten die Ursachen für diesen Anstieg sein?
David: Bei so geringen Zahlen kann das nur eine Spekulation sein. Tatsache ist aber, dass es einen Anstieg gibt, und das sollte uns zu denken geben. Zusätzlich sinkt ja das Durchschnittsalter der Toten, ein Hinweis darauf, dass eine größere Anzahl immer jüngerer Menschen riskant Drogen konsumieren.

Welche Drogen sind für die Todesfälle verantworlich?
David: Was wir sehen, ist, dass die Drogentoten vielfach mehr als eine Substanz konsumiert haben, bevor sie gestorben sind. Alkohol, Opiate und Benzodiazepine zusammen, also Mischkonsum, das findet man sehr häufig. Der größte Teil der Betroffenen war nicht in einem Betreuungsverhältnis. Wir müssen alle Anstrengungen unternehmen, auch jene in ein Betreuungsverhältnis zu bringen, die derzeit noch nicht behandelt werden. Diese Personen erwerben Drogen auf dem Schwarzmarkt und stehen dadurch unter einem viel höheren Beschaffungsdruck. Häufig konsumieren diese Personen riskanter und sind rücksichtsloser gegen sich und andere.

Was kann getan werden, um die Ursachen des Anstiegs zu klären?
David: Wir müssen die Risikoprofile der Drogentoten bestimmen, das ist in Wien und bundesweit unsere unmittelbare Aufgabe. Aus diesem Grund müssen wir zu besseren Daten kommen, wir benötigen die Obduktionsdaten genauso wie die psychosozialen Daten der Drogentoten. Welche Gemeinsamkeiten haben diese, aus welchen besonderen Risikogruppen stammen sie? Und wie kann man mehr Hochrisikopatienten in geordnete Betreuungsverhätnisse bekommen? Zwar werden hohe Ansprüche an das bestehende Betreuungssystem gestellt, aber was geschieht mit jenen, die aus dem Betreuungssystem herausfallen? Wir wissen, dass jene, die aus der Betreuung fallen, das höchste Risiko haben. Das geht gleich in Richtung „Missbrauch von Substitutionsmitteln“. Eine sehr seriöse und schwierige Frage: Wollen wir mit Missbrauch von Substitutionsmitteln lieber innerhalb des Systems umgehen, oder wollen wir den Missbrauch lieber außerhalb des Betreuungssystems haben?
Ich glaube, wir sollten mit Missbrauch besser im System umgehen und zögern, jemanden aus unserem Behandlungssystem hinauszuschmeißen. Wir sollten keine Aufgaben und Bedingungen stellen, die der Betroffene nicht erfüllen oder einhalten kann. Diese verzweifelten Personen sind außerhalb des Systems wesentlich gefährdeter. Auf der anderen Seite müssen wir noch mehr dazu tun, den Missbrauch von Substitutionsmitteln zu verhindern.

Gibt es so etwas wie Einstiegsdrogen – beispielsweise Cannabis?
David: Die Hypothese, dass es so etwas wie eine Einstiegsdroge gibt, ist eindeutig obsolet. Es gibt verschiedene Einstiege in den Gebrauch von Suchtmitteln. Die häufigsten Suchtmittel sind legale Substanzen wie Nikotin oder Alkohol. Viele Österreicherinnen und Österreicher konsumieren diese Substanzen ja bereits in einem Alter, in dem sie gesetzlich dazu noch gar nicht berechtigt wären. Nikotin und Alkohol sind auch die Substanzen, die in Österreich die meisten Erkrankungen und Todesfälle auslösen. Das sind die großen Krankmacher und Killer.

Wie legitimiert man denn die unterschiedliche gesetzliche Handhabung der verschiedenen Suchtmittel?
David: Gesetze sind nicht nur Ausdruck rationaler Entscheidungen, Gesetze spiegeln auch Haltungen und Wertungen einer Gesellschaft wieder. Sie sind Ausdruck gesellschaftspolitischer Situationen. In Österreich haben wir eine solide Mehrheit, die der Meinung ist, dass wir Alkohol nicht verbieten sollten, Heroin aber sehr wohl. In anderen Ländern – ich denke da beispielsweise an den islamischen Kulturkreis, ist Alkohol sowohl verboten als auch verpönt. Das ist also in erster Linie ein kulturelles Phänomen.

Das Gespräch führte Dr. Rainer Schröckenfuchs

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