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Allgemeinmedizin 28. Juni 2007

Der ureigenen Aufgabe als Arzt nachkommen

Sein letzter Einsatz war bei einem Projekt während einer akuten Ernährungskrise in Niger im Jahr 2005. Eine Mischung aus Armut, wirtschaftspolitischen Entscheidungen, naturgemäßen Zyklen von Trockenheit und Heuschreckenschwärmen hatte zu einer außergewöhnlichen Hungersnot geführt. Betroffen: Vor allem Kleinkinder bis zu fünf Jahren.

Dr. Reinhard Dörflinger, in Wien in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis tätiger Allgemeinmediziner und Präsident von „Ärzte ohne Grenzen“ fuhr als einfacher „field doctor“ in das Gebiet, um zwei Monate lang seiner ureigenen Aufgabe als Arzt nachzukommen: Menschen zu helfen, die medizinischen Beistand benötigen. Die 1999 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete internationale Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ verfügt über umfangreiches Know-how, wie Unterernährung, die mit vermehrten Infektionskrankheiten und Problemen mit Lunge und Darm einher geht, mit einer Mischung aus medizinischen sowie Ernährungsmaßnahmen unter den lokalen Bedingungen beizukommen ist. Die Therapie unterernährter Kinder läuft genau kalkuliert in zwei Etappen ab. Einerseits schwärmen mobile Teams in der Region aus, um die Menschen vor Ort zu behandeln. Die besonders unterernährten Kinder werden zusammen mit ihrer Mutter in stationäre Behandlung aufgenommen und mit einer Mischung aus einer speziellen Milch und medizinischer Betreuung wieder aufgepäppelt. Mutter und Kind (die Mütter haben im Durchschnitt acht Kinder), die entlassen werden, bekommen Nahrung für die ganze Familie für einen Monat mit auf den Weg. Noch mehr Betroffene werden ambulant betreut. Sie erhalten hochkalorische Erdnusspaste (plumpynut“) als Zusatznahrung. Mit diesem„ready-to-use-food“ wurden sehr gute Ergebnisse erzielt.

Medizinische Nothilfe

„Unsere Aufgabe ist medizinische Nothilfe. Wir versuchen dort zu sein, wo lokale Strukturen von einer medizinischen Katastrophe überfordert sind. Oder wo sie zusammengebrochen sind auf Grund von politischen und sozialen Konflikten – oder dort, wo es einfach nichts gibt“, erzählt Dörflinger. Die unabhängige Nichtregierungsorganisation, die weltweit ein Budget von mehr als 500 Millionen Euro für die ärztliche Hilfe zur Verfügung hat, hat genaue Kriterien definiert, unter welchen Bedingungen interveniert wird. Die Organisation betreibt ein gezieltes Monitoring, wobei auch angewandte Katastrophenepidemiologie eine große Rolle spielt. „Die Entscheidungen sind nicht diktiert von Bildern oder medialer Aufmerksamkeit, sondern von Daten, die von so genannten „Emergency Desks“ beobachtet werden. Sterblichkeitsraten von mehr als einem Todesfall pro 10.000 Menschen pro Tag signalisieren eine medizinisch akute Notfallsituation. Sterben täglich mehr als fünf von 10.000 Menschen, gilt die Situation bereits als extrem. Gar nicht so selten sind dann „Ärzte ohne Grenzen“ die Einzigen, die ein Problem frühzeitig erkennen und eine Mission starten. Dörflinger: „Wir leiten unsere Einsätze aus der universellen medizinischen Ethik ab, dass wir als Ärzte verantwortlich sind für Menschen, die in Not sind. Und wir berufen uns auf das internationale humanitäre Recht, dass wir unparteiisch, unabhängig und ohne Diskriminierung Operationen durchführen.“ Gerade einmal ein Drittel der von „Ärzte ohne Grenzen“ auf 406 laufende Missionen entsendeten Helfer sind tatsächlich Ärzte – Allgemeinmediziner, Chirurgen, Kinderärzte, Anästhesisten und Psychiater. Neben Psychologen, Krankenschwestern, MTAs sind mehr als die Hälfte der Helfer Logistiker. Noch bevor die Ärzte ihr Stethoskop in die Hand nehmen können, um vor Ort zu helfen, müssen erst einmal die Strukturen aufgebaut sein. „Ärzte ohne Grenzen“ unterhält drei große Logistik­zentren in Europa und eines in Afrika, wo fertige Module, so genannte „Kits“, aufgebaut werden. Je nachdem, was benötigt wird für Naturkatastrophen, Flüchtlinge, Kindermedizin, Wasseraufbereitung oder alles, was für den Bau von Unterkünften benötigt wird.

Gut vorbereitet auf Einsatz

„Wenn man große Projekte hat, muss es ganz klare Linien geben, es muss eine gewisse Standardisierung vorgegeben werden“, erzählt der erfahrene Arzt ohne Grenzen Dörflinger. „Die Teamarbeit ist dabei eine wichtige Voraussetzung, um Erfolg zu haben. Die Medizinischen Koordinatoren sind verantwortlich für die Qualitätssicherung. Für die wichtigsten Pathologien werden stets aktuell gehaltene medizinische Leitlinien als Handbücher zur Verfügung gestellt. „Die Hilfsmittel sind einfach, witterungsbeständig, dem Klima angepasst und ermöglichen eine Medizin, die auch Qualität hat“, sagt Dörflinger.

Wissenschaft im Dienst der medizinischen Nothilfe

Das wissenschaftliche Zentrum Epicentre forscht für die Verbesserung der medizinischen Möglichkeiten vor Ort. Es werden epidemiologische Untersuchungen durchgeführt, etwa um in Kooperation mit der Universität in Uganda spezielle einfache Applikationsformen oder wirksamere Kombinationen von Medikamenten zu erarbeiten. Oder es wird an Therapien für schwangere Frauen geforscht, die an Malaria erkrankt sind. „Die Menschen haben ein Recht auf eine evidente Medizin, die angepasst ist, den Bedürfnissen entspricht und effizient ist.“ Neu sind Projekte, die mit sozialpsychiatrischen Elementen arbeiten. Vor allem in den lateinamerikanischen Ländern wie Guatemala und Honduras widmet sich die Organisation den Opfern urbaner Gewalt. Die Programme geben Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die aufgrund von Gewalt psychisch traumatisiert sind, psychosoziale Unterstützung mit Hilfe von Psychologen und Selbsthilfegruppen. „Das ist eine innovative Kraft“, freut sich der Präsident von „Ärzte ohne Grenzen“ Reinhard Dörflinger, „wenn wir merken, die Bedürfnisse und die Bandbreite der Pathologien haben sich geändert, und wir können medizinisch darauf reagieren.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 26/2007

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