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Allgemeinmedizin 14. Juni 2007

„Kennen Sie Ihren DAI?“

Die häufigste entzündliche Erkrankung der Gelenke führt, wenn sie nicht kunst­gerecht behandelt wird, zur fortschreitenden Zerstörung der Gelenksstrukturen. Um Invalidität zu verhindern, bedarf es eines komplexen Managements der Multisystemerkrankung. Neben einer individuell angepassten medikamentösen Therapie ist die Kontrolle der Krankheitsaktivität mit Hilfe von Aktivitätsscores die Grundlage für eine erfolgreiche Patientenführung und Behandlung.

Frauen erkranken dreimal häufiger an chronischer Polyarthritis wie Männer. Im Durchschnitt erkrankt einer von hundert Einwohnern. Die häufigste entzündliche Erkrankung der Gelenke führt, wenn sie nicht kunstgerecht behandelt wird, zur zunehmenden Zerstörung der Gelenksstrukturen. Die Folgen können für die Betroffenen dramatisch sein, wenn die Behandlung nicht ausreichend ist: Die Gelenke schmerzen und verlieren zunehmend ihre Funktionstüchtigkeit, in der Folge muss die berufliche Tätigkeit aufgegeben werden, Invalidität und Pflegebedürftigkeit drohen.
Damit es erst gar nicht dazu kommt, bedarf es eines komplexen Managements der Multisystemerkrankung. Mehrere Spezialisten müssen für eine optimale Versorgung zusammenwirken. Zum Team gehören Allgemeinmediziner, ebenso wie Rheumatologen, Orthopäden, Ergotherapeuten, Physio­therapeuten, Psychologen und die Mitarbeiter von sozialen Einrichtungen.
„Wir Rheumatologen fokussieren uns immer mehr auf die medikamentöse Therapie und übersehen manchmal die Multimorbidität unserer Patienten, die trotz unbestrittener Erfolge der Rheumatherapie oft zum limitierenden Faktor wird“, meinte Dr. Stephan Pflugbeil von der II. Medizinischen Klinik am Krankenhaus Hietzing in Wien beim 3. Kongress für Allgemeinmedizin & Integrierte Versorgung, der von der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und dem Verein „Altern mit Zukunft“ Anfang Juni durchgeführt wurde. In diesem Rahmen betonte auch Dr. Ingrid Pichler, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin in Poysdorf, die wichtige Rolle des Hausarztes als kundiger, mitfühlender Begleiter bei der Bewältigung der chronischen Krankheit und als Mittler zwischen den Betreuungsspezialisten.

Frühe Diagnose

Die möglichst frühzeitige Erkennung der Erkrankung ist schwierig, aber grundlegend für den langfristigen Erfolg der Behandlung. Die meisten Schäden passieren während der ersten Monate der Erkrankung: 40 Prozent der Patienten haben erste Gelenksschäden nach sechs Monaten ab Symptombeginn der Krankheit. 60 Prozent innerhalb eines Jahres und 70 Prozent binnen zwei Jahren. Die Schäden sind irreparabel – daher sollte die Krankheit in ihrem Frühstadium erkannt werden.
Aber die Diagnostik hat ihre Tücken: Sieben Kriterien müssen erfüllt sein, um eine Diagnose stellen zu können – darunter sichtbare Veränderungen der Gelenke im Röntgenbild. Günstiger wäre es, schon behandeln zu können, bevor die Gelenke sichtbare Schäden zeigen. Auch das Kriterium Rheumafaktor fehlt im Frühstadium häufig, ebenso wie Rheumaknoten, die erst nach schwerem Erkrankungsverlauf mit hoher Entzündungsaktivität vorkommen. Ist es einmal dazu gekommen, kann von einer frühzeitigen Diagnose keine Rede mehr sein. Ein Dilemma.
Sind vier der sieben Kriterien erfüllt, sollte diese „Früharthritis“ binnen zwei bis drei Wochen in einer Rheumaambulanz abgeklärt werden.
Die Möglichkeiten einer medikamentösen Behandlung haben sich in den letzten Jahren entscheidend verbessert. Neben Schmerz- und Kortisonbehandlung stehen die Basistherapeutika an erster Stelle, besonders bewährt hat sich Methotrexat. Seit dem Jahr 2000 sind Biologika hinzugekommen, die den entzündlichen Prozessen entgegenwirken können.

Krankheitsaktivitäts-Index

Die Basis des Managements von Chronische-Polyarthritis-Patienten ist jedoch die Kontrolle der Krankheitsaktivität mit Hilfe von Aktivitätsscores. Einer der einfachsten und zugleich verlässlichsten ist der Klinische Krankheitsaktivitäts-Index (Clinical Disease Activity Index oder CDAI), einfach DAI genannt.
Mehrere klinische Parameter, wie Anzahl der geschwollenen Gelenke, Anzahl der auf Druck schmerzhaften Gelenke, Befindlichkeitseinschätzung des Patienten und des Arztes und zum Teil auch Entzündungsparameter, fließen in einen validierten Summenscore ein. Der Wert wird in einem Patientenpass eingetragen – die Betroffenen können selbst am DAI-Thermometer erkennen, wie ihre Krankheitsaktivität verläuft und wie gut die Therapie wirkt, die auf Basis des Scores angepasst werden kann.
Die gemeinsamen Vereinbarungen und die Transparenz der Behandlung schaffen Vertrauen. Pflugbeil: „Es ist heute anerkannt, dass Patienten, die mittels Aktivitätsscores geführt werden, einen milderen Verlauf nehmen.“ So wird die Krankheit nicht nur kon­trolliert, sondern Remission oder zumindest Nahe-Remission erreicht, mit einem Stillstand der Gelenkszerstörung über einen bestimmten Zeitraum.

Inge Smolek, Ärzte Woche 24/2007

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