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Allgemeinmedizin 15. Mai 2007

Durch Simulanten reden und zuhören lernen

Eine gute Arzt-Patienten-Beziehung wirkt sich unmittelbar auf die Gesundheit aus. Die Fähigkeit zur ärztlichen Gesprächsführung ist jedoch kein gegebenes Talent, sondern muss erlernt werden.

„Eva Schuster mein Name,“ stellt sich die 40-jährige Patientin vor. Die angehende Ärztin ermuntert sie, den Grund ihres Besuchs in der Praxis zu schildern. Sie weiß, Patienten sollten zu Beginn des Erstgesprächs nicht zu rasch unterbrochen werden. Aber der diffuse Redeschwall will nicht enden. Unentwegt redet Schuster weiter, wirr und unzusammenhängend, aus dem Gesagten lässt sich kaum Schlüssiges für eine erste Verdachtsdiagnose ableiten. Nach einigen zaghaften wie erfolglosen Versuchen, das Gespräch in eine sinnvolle Richtung zu lenken, endet die Konsultation abrupt. Die vermeintliche Patientin erlöst die Studentin und bricht das Übungsgespräch ab. Die 15 im Seminarraum der Psychiatrie am AKH Wien anwesenden angehenden Ärzte und Psychologen lachen mitfühlend mit ihrer Kollegin, die gerne die Gelegenheit ergriffen hatte, das schwierige Gespräch mit einer psychiatrisch Erkrankten zu erproben. Die Patientin heißt in Wahrheit Eva Linder und ist Schauspielerin. Vor mehr als zehn Jahren hat sie gemeinsam mit drei anderen Darstellern eine knapp einjährige Ausbildung zur simulierten Patienten absolviert. Die Idee dazu stammte von Prof. Dr. Gerhard Lenz von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien, nachdem er das Lehrkonzept in Schottland kennengelernt hatte. Unter seiner Anleitung lernte Linder also, wie Menschen mit Angststörungen, Schizophrenie oder Verwirrtheitszuständen agieren, ihr Kollege Hagnot Elischka setzte sich mit Patienten mit Alkoholabhängigkeit, somatoformen Störungen und Wahnerkrankungen auseinander. Vier ausgebildete simulierte Patienten arbeiten zur Zeit für das einzigartige Explorationspraktikum an der Psychiatrie. „Ich bin wie ein Klon von einem echten Kranken“, erzählt Elischka, „das hat mit Theater spielen nichts zu tun, sondern mit Simulieren von Situationen. Nach solchen Sitzungen fühle ich mich immer sehr aufgelöst, das geht ganz tief in die Psyche hinein.“ „Der große Vorteil ist“, sagt Lenz, „dass die Schauspieler den Studenten unmittelbar Rückmeldung über den Verlauf des Gesprächs geben können.“ Ohne Angst haben zu müssen, einem echten Patienten Schaden zuzufügen, können sich die Studenten typischen Situationen stellen und ihre ärztlichen Gesprächsfertigkeiten erproben. Die Notwendigkeit, das Training der ärztlichen Kommunikation in die Aus- und Fortbildung zu integrieren, ergaben Patientenbefragungen nur zu deutlich: Danach werden Patienten beim Erstgespräch bereits nach elf bis 18 Sekunden das erste Mal in ihrem Redefluss unterbrochen. Nur jeder fünfte Patient wird über Medikamentennebenwirkungen aufgeklärt. Ärzte vergewissern sich nur in fünf Prozent der Fälle, ob der Kranke die Therapie auch befolgen kann. Psychokardiologe Dr. Georg Titscher vom Wiener Hanuschkrankenhaus erklärt: „Patienten haben nach einem Gespräch höchstens 40 Prozent der Informationen, die der Arzt gibt, verstanden und nach 20 Minuten auch davon nur mehr die Hälfte im Gedächtnis behalten.“

Reden als Pflichtübung

Eine derart unzureichende Kommunikation bleibt nicht folgenlos: Noncompliance, Doctorshopping, explodierende Gesundheitskosten und die große Nachfrage von komplementärmedizinischen Methoden haben ihre Wurzeln unter anderem im unsensiblen Umgang vieler Ärzte mit ihren Patienten. Das soll besser werden: Heute sehen die Curricula an einigen österreichischen Medizinuniversitäten verpflichtende Übungen vor. Die Studenten lernen die Grundlagen der Kommunikation und üben ärztliche Gesprächsführung im Rollenspiel. An der Wiener Medizinuniversität (MUW) stellen sich höhersemestrige Studenten und Tutoren als simulierte Patienten zur Verfügung. Prof. Dr. Michael Schmidts ist dort Koordinator der so genannten „skills-line“, in der Studierende ärztliche Fertigkeiten üben – darunter auch die Gesprächsführung. Am Ende des Studienjahres werden die erlernten „Skills“ in einer Abschlussprüfung nach einer strukturierten Checkliste bewertet. „Dadurch verwandelte sich der Kurs ‚Ärztliche Gesprächsführung‘ vom klassischen ‚Diskussionsse-minar‘ in ein Übungspraktikum“, freut sich Schmidts, „das ist ein wichtiger erster Schritt zur Etablierung eines flächendeckenden Simulationspatientenprogramms an der MUW.“

80 Laiendarsteller für die Heidelberger Studenten

Vorbild ist das Modell, das seit fünf Jahren an der Neuen Medizinischen Klinik in Heidelberg eingeführt ist. Die Heidelberger Oberärztin Dr. Jana Jünger und ihr Team haben sich das Ausbildungsprogramm 1999 bei einem Training an der Harvard Medical School angesehen und daraus das Konzept Medi-KIT entwickelt, das heute verpflichtend für alle Studierenden an der Heidelberger Medizinuniversität ist. KIT steht für „Kommunikation und Interaktion“. 80 Simulationspatienten stehen dafür zur Verfügung. Es handelt sich jedoch nicht um professionelle Schauspieler oder höhersemestrige Studenten, sondern es sind interessierte Laiendarsteller – die Jüngste ist 13, der Älteste 75 –, die hier Patienten simulieren. Sie werden auf spezifische und auch in der Praxis häufig vorkommende ärztliche Gesprächssituationen trainiert, vom Erstgespräch bis zum Überbringen schlechter Nachrichten. Der Erfolg gibt dem Heidelberger Modell recht. Jünger verweist auf die positiven Ergebnisse der Evaluationsstudie: „Die Medi-KIT-Absolventen haben wesentlich bessere Gesprächsfertigkeiten als die herkömmlich ausgebildeten Studenten.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 20/2007

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