zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 20. September 2007

Väter am Gehstock

Wenn in der Vergangenheit die Sprache auf das Thema Fertilität kam, wurde automatisch vorausgesetzt, dass bei Frauen eine „biologische Uhr“ tickt, die mit Eintritt in die Menopause ihre Funktion aufgibt. Männer jedoch blieben davon verschont und könnten bis ins hohe Alter ungehindert Nachwuchs zeugen.Dieser Mythos fiel jedoch vor kurzem.

Mehrere an prominenter Stelle erschienene Studien wiesen eindrucksvoll nach, dass diese „innere Uhr“ auch bei Männern existiert.

Kein Alterslimit bei Männern

Bei Frauen ab 35 gelten Schwangerschaften als Risikoschwangerschaften. Das wird auch im Mutter-Kind Pass vermerkt. Vorsorglich werden pränatalen, eventuell auch genetische Untersuchungen durchgeführt. Dem gegenüber schienen für Männer aus wissenschaftlicher Sicht bislang weder Alterslimits noch Risikofaktoren bezüglich Fertilität zu existierten. Studien aus den USA und Israel prüften jedoch kürzlich die angeblich unproblematische Zeugungsfähigkeit bis ins hohe Mannesalter. Und die Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Gesundheitsrisiko des Nachwuchses nicht nur mit dem maternalen, wie bisher angenommen, sondern auch mit dem paternalen Alter stark ansteigt.
Viele Experten betrachten diese Arbeiten mit großer Skepsis – was der Grund sein könnte, warum es keine offiziellen Richtlinien für potentielle Väter im fortgeschrittenen Alter gibt. Dennoch bestätigen die Studien in eindrucksvoller Weise, dass Männer, die in den mittleren und späten Vierzigern Väter werden, im Vergleich zu ihren jüngeren Altersgenossen, mehr Kinder zeugten, die genetische Schäden aufwiesen oder später unter Autismus und Schizophrenie (Arch Gen Psy 2001;58:361-367 und 2006;63:1026-1032) litten. Das Risiko für schizophrenen Nachwuchs ist bei älteren Vätern dreimal höher als bei jungen Vätern.

Genetische Schäden an Spermien

Ab einem Alter von 35 Jahren ist beim Mann eine Abnahme der Fertilität sowohl durch eine Reduktion der Spermienanzahl, als auch durch eine Vermehrung genetisch geschädigter Spermien zu beobachten. Mit steigendem Alter sinkt nicht nur die Zahl der Spermien, sondern auch die Zahl der funktionsfähigen Spermien nimmt ab. Die Spermienbeweglichkeit reduziert sich und das produzierte Samenvolumen wird insgesamt geringer. Somit sinkt mit zunehmendem Mannesalter die Chance grundsätzlich noch Nachwuchs zeugen zu können, während gleichzeitig das Risiko, genetisch geschädigten Nachwuchs zu produzieren, ansteigt. Samenproben, die von gesunden Männern genommen wurden, zeigten, dass mit zunehmendem Alter teils massive Veränderungen vorhanden waren. So wurde zum Beispiel durch US-amerikanischen Studien nachgewiesen, dass eine vermehrte Fragmentierung der DNA in Spermien von älteren Männern vorhanden war (Fertil Steril 2003;80:1420-1430). Genetiker warnen schon seit Jahrzehnten, dass einige, wenn auch seltene, Geburtsdefekte, mit einem hohen paternalen Alter assoziiert sind. Zu diesen zählen Achondroplasie (PNAS 2002;99:14952-14957), Neurofibromatose, das Marfan-Syndrom und das Apert-Syndrom (Am J Hum Genet 2003;73:939-947). Das Risiko von Punktmutationen bei Vätern über 45 Jahren ist vier bis fünfmal höher ist als bei Vätern in den Zwanzigern. .

Die Ursache: ein alternder Organismus

Jeder Organismus altert. Damit ist eine Funktionseinschränkung von Zellen, Organen und Organsystemen verbunden. Weshalb sollten Spermien diesem Alterungsprozess nicht unterworfen sein?
Tatsächlich konnte nachgewiesen werden, dass es im Rahmen des Alterungsprozesses zu Verminderung Leydigscher Zwischenzellen, vermehrter Ablagerung von Lipofuscin, Verdickung der Tubuli seminiferi und der Tunica albuginea sowie zu atherosklerotischen Veränderungen von testikulären Gefäßen kommt. Während bei Frauen bereits bei der Geburt sämtliche Eizellen für ein reproduktives Leben angelegt sind, produzieren Männer laufend neue Spermien. Spermatogonien replizieren sich laufend.
Das hat die Konsequenz, dass mit jeder neuen Sequenz Transkriptionsfehler unterlaufen können. Diese fehlerhaften Spermien dienen jedoch wiederum als Kopien für neue Spermien. Wenn man einkalkuliert, dass mit dem Alter auch die Kohabitationsfrequenz sinkt, können Mutagene länger auf die Spermien einwirken und diese weiter schädigen.
Als Gründe dafür, dass sich die Samenqualität des Mannes im Lauf der Zeit ändert, eahen die Forscher verschiedene Faktoren. Neben Umwelteinflüssen werden auch psychologische Faktoren angeschuldigt, die Spermienqualität zu verschlechtern.
In den Hoden werden bis zur Pubertät pro Jahr ca. 30 Mitosezyklen durchgeführt. Nach der Pubertät sind es circa 23 Replikationen pro Jahr. Wenn also ein Mann das fünfzigste Lebensjahr erreicht, hat er bereits 800 „Runden“ hinter sich. Dr. Reichenberg, Autor der oben genannten Schizophrenie-Studie, meint dazu: „ Man muss sich das wie eine Glühbirnenfabrik vorstellen. Man produziert eine Billion Glühbirnen. Aber nicht alle Serien werden immer dieselbe hochwertige Qualität besitzen. Wenn ein Produkt in einer solch großen Menge produziert wird, sind die Chancen, dass Fehler auftreten, sehr hoch“.

Planung von Nachwuchs nicht zu lange verschieben

Es gibt zwar keine Anzeichen, dass eine Andropause als Äquivalent der Menopause tatsächlich existiert, doch zeigen die Studien nachhaltig, dass auch Männer eine „biologische Uhr“ besitzen. Bei Frauen beendet die Menopause die reproduktive Phase, Männer jedoch sind grundsätzlich bis ins hohe Alter zeugungsfähig, auch wenn einzelne Samenparameter bereits massiv gestört sind.
Da noch keine anerkannten Richtlinien existieren, sollten „späte Väter“ sich zumindest bewusst sein, dass ihr Nachwuchs mit einem höherem Gesundheitsrisiko behaftet ist, als dies bei jungen Vätern der Fall ist. Und wie immer gilt natürlich auch in diesen Dingen, dass eine gesunde Lebensweise (regelmäßiger Sport, ausgewogene Ernährung, Nichtrauchen und keine Einnahme von Anabolika) die Fertilität und die Chance auf gesunden Nachwuchs steigert.

Maierhofer, Ärzte Woche 38/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben