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Allgemeinmedizin 13. September 2007

Bettgeflüster: Jugend und Sex

Da das „Erste Mal“ heutzutage immer früher stattfindet (im Schnitt mit 17,3 Jahren), gilt es nicht nur, die Jugend ausreichend über Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten aufzuklären, sondern auch eine geeignete Verhütungsmethode zu finden, die für Teenager maximal effektiv und am wenigsten belastend ist. Denn nicht jede der zahlreichen Methoden zur Empfängnisverhütung für Erwachsene eignet sich auch für Jugendliche.

 Kritzelei an der Tafel
Aller Anfang ist schwer: Das gilt nicht nur fürs ABC, sondern auch für die körperliche Liebe.

Foto: pixelio.de

„Aufgrund der Tatsache, dass Jugendliche meistens in keinen fixen Partnerschaften leben, empfehlen wir an erster Stelle das Kondom als Methode zur Empfängnisverhütung“, erklärt OA Dr. Christine Sam, Gynäkologin an der Universitätsfrauenklinik, AKH Wien. Zudem ist das Kondom bekanntermaßen der einzige sichere Schutz gegen sexuell übertragbare Krankheiten wie Gonorrhoe, Kondylome und natürlich auch gegen HIV und AIDS.
Bei fixen Partnerschaften komme vor allem die hormonelle Antikontrazeption, in den meisten Fällen die Pille, in Frage, so die Expertin weiter. Dabei werden vor allem Zweiphasenpräparate mit niedriger Dosierung des Östrogen- und Gestagenanteils oder Einphasenpräparate, wie das reine Gestagenpräparat Cerazette, verschrieben. Durch die geringe Hormondosis gelingt es, einerseits Nebenwirkungen auf geringem Niveau zu halten, andererseits aber auch, vorausgesetzt die Einnahme erfolgt regelmäßig, ein Maximum an sicherer Empfängnisverhütung zu gewährleisten. Unerwünschte Nebenwirkungen wie etwa Schmierblutungen, Gewichtszunahme, Chloasma und Ähnliches können rasch diagnostiziert und behandelt werden. Je nachdem, ob der Östrogen- oder der Gestagenanteil für die Nebenwirkung verantwortlich gemacht wird, erfolgt die Veränderung des jeweiligen Hormonanteils bzw. die jeweilige Pille wird durch ein anderes Präparat ersetzt. „Der Einnahmemodus wird von jungen Mädchen sehr gut toleriert, weshalb die Pille im Allgemeinen die erste Wahl bei der Verschreibung von Verhütungsmitteln junger Mädchen darstellt“, erklärt die Gynäkologin.
Auch das Hormonpflas­ter wird Jugendlichen immer öfter verschrieben. Erstens ist es leicht zu applizieren und zweitens kann es bei Auftreten von Nebenwirkungen ganz leicht entfernt werden.
„Unter der so genannten Dreimonatsspritze kommt es relativ häufig zu Schmierblutungen“, weiß Sam. Solchen Nebenwirkungen kann dann prinzipiell nur mehr schwer gegengesteuert werden, denn die gesamte Hormondosis wurde bereits appliziert und wird laufend weiter freigegeben. Folglich findet diese Art der Verhütung bei jungen Mädchen auch keine Anwendung. Aufgrund des oft noch unregelmäßigen Zyklus sind Voraussagen über Nebenwirkungen bei jungen Mädchen sehr schwierig zu treffen. Die Spirale kommt bei Teenagern ebenfalls nicht in Betracht. Sam: „Grund ist vor allem auch die Angst vor einer Infektion“. Beobachtet wurde eine erhöhte Inzidenz von Salpingitiden durch Keimaszension. Der Vaginalring wird von jungen Mädchen meist abgelehnt, weil er kompliziert in der Handhabung ist und einiges Geschick bei der Applikation durch die Anwenderin erfordert.
Ob die frühe Hormongabe Langzeitschäden hervorruft, ist nicht sicher geklärt. „Jedenfalls exis­tiert keine Literatur darüber, dass die Gabe der Pille vor dem 16. Lebensjahr Folgeschäden verursacht. Die Entwicklung der jungen Frau muss immer vor Ort angeschaut werden“, urteilt Sam. Regelmäßige Untersuchungen sind vor allem bei Erstverordnung der Pille in engeren Zeitabständen notwendig. Eine genaue Anamnese muss unbedingt erhoben werden und eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt werden. Später erfolgen die Kontrollen in jährlichen Abständen.
„Um ungewollte Schwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten zu vermeiden, kann auch einem noch sehr jungen Mädchen die Pille verschrieben werden“, so die Expertin. Jedoch befinde man sich als verschreibender Arzt in einer medizinischen Grauzone, da der Patient, in diesem Fall das junge Mädchen, ein gewisses Maß an körperlicher und geistiger Reife aufweisen müsse, um Hormonpräparate zur Empfängnisverhütung verschrieben zu bekommen. Risiko und Nutzen wären genau abzuwägen. Eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden, wäre aber in den meisten Fällen sicher die bessere Lösung.
Aufklärung liegt in der Verantwortung des Elternhauses. Aber auch die Schule nimmt ihre Funktion zu diesem Thema ernst. Allgemeine Fragen zum Thema Sexualität und Verhütung werden im Unterreich behandelt und teilweise auch „praktische Übungen“ durchgeführt, wie etwa das richtige Anlegen der Kondome.
„Wir sehen jährlich ca. zehn Teenagerschwangerschaften an der Klinik“, bedauert Dr. Sam. Oft wissen die Mädchen gar nicht, dass sie schwanger sind, und warten sehr lange, bevor sie sich Freundinnen, Eltern oder dem Hausarzt anvertrauen. Dabei verstreicht oft die Drei-Monats-Frist.
In jedem Fall bedeuten eine Schwangerschaft und ihre Folgen immer eine große Veränderung im Leben eines heranwachsenden Mädchens. Die physischen und psychischen Folgen einer Schwangerschaft in jungen Jahren sind oft beträchtlich und in ihrer Gesamtheit gar nicht vorauszusehen. Umso wichtiger ist eine Beziehung auf Vertrauensbasis zu den Eltern oder zu einem so genannten „Caring Adult“. Diese Vertrauensperson kann auch der Hausarzt sein.
Als letzte Möglichkeit existiert noch die „Babyklappe“ im Wilhelminenspital, wo Mütter in Not straffrei und anonym ihr Neugeborenes abgeben können. Dort wird das Baby medizinisch versorgt und liebevoll betreut.
Nach §211 ABGB ist das Baby dann einem „Findelkind“ gleichgestellt und das Amt für Jugend und Familie wird zum gesetzlichen Vormund des Kindes. Zudem gibt es viele telefonische Beratungsstellen für Mütter in Not (zum Beispiel die anonyme Schwangerenberatung Mag ELF).

Maierhofer, Ärzte Woche 37/2007

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