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Allgemeinmedizin 28. Juni 2007

Der selbstbestimmte Patient

Dass der Patient den Behandlungsvorschlägen seines Arztes blind vertraut, ohne nachzufragen, ist Vergangenheit. Der ideale Patient von heute ist souverän, entscheidungsstark, informiert und zeichnet sich durch konsistente Behandlungs- und konsequente Medikamenten-Compliance aus. Aber: Wer entspricht schon einem Ideal?

Das paternalistische System, bei dem Patienten den Behandlungsvorschlägen ihres Arztes blind Vertrauen entgegenbringen, ist längst durch ein partnerschaftliches ersetzt.

„Bei uns Allgemeinmedizinern läuft alles zusammen.“

Dabei soll ein gleichberechtigter Dialog zwischen Arzt und Patient stattfinden. Der mündige Patient hinterfragt häufig Arztentscheidungen und verlangt ein Mitspracherecht in Behandlungsbelangen. Die Gesundheitspolitik der letzten Jahre hat dem Patienten viele Rechte eingeräumt, aber ihn teilweise auch in ein Entscheidungsdilemma hineinmanövriert, denn nicht jeder möchte Selbstverantwortung übernehmen, wo Experten entscheiden könnten. „Das Gesundheitssystem hat sich in den letzten Jahren massiv verändert“, stellt auch Dr. Barbara Weiß-Degn, Ärztin für Allgemeinmedizin und Präsidentin der Wiener Gesellschaft für Allgemeinmedizin, fest. Das altbekannte Bild des Hausarztes, der für alles zuständig war, hat einen beträchtlichen Wandel durchgemacht. Der Hausarzt von heute ist zumeist besser organisiert und verwaltet Praxis und Patienten einem Manager gleich. Wenn früher Hausärzte als Alleskönner idealisiert wurden, wird heute frühzeitig ein fachärztliches Konsilium eingeholt, auch um rechtlich abgesichert zu sein. Der Hausarzt sammelt Befunde von Fachärzten und Spezialambulanzen, um zu einer sicheren Diagnostik und damit zur richtigen Behandlung seiner Patienten zu kommen. „Bei uns Allgemeinmedizinern läuft alles zusammen, aber auch wieder auseinander“, fährt Weiß-Degn fort. Die Patienten werden kritischer, auch aufgrund der medialen Berichterstattung, welche Einzelfälle von ärztlichen Kunstfehlern stark hochspielt, um diese dementsprechend auszuschlachten. Dadurch wird oft durch einzelne schwarze Schafe, die es auch durchaus unter Ärzten geben mag, ein ganzer Berufsstand verteufelt.

Der Patient als Experte

Die globale Vernetzung durch das Internet macht den Zugang zu medizinischem Wissen (und Halbwissen) auch für den Nichtmediziner leicht. Fernsehen, Radio, aber auch die Printmedien dienen dem Wissenserwerb und der Wissensvertiefung, wobei nicht selten der Fall eintritt, dass der Patient mehr Informationen (auch falsche) über seine Erkrankung hat als der behandelnde Arzt. Leider müssen oft irrationale Hoffnungen auf angeblich neue Behandlungsmethoden und Medikamente vom Arzt relativiert werden, denn nicht immer stammen diese Informationen aus verlässlichen, wissenschaftlichen Quellen. Die Patienten sind selbstsicherer geworden und zumeist sehr gut über ihre Krankheit informiert. „Das macht das Arbeiten einerseits leichter, andererseits schwerer. Ich arbeite jedoch gerne mit aufgeklärten Patienten“, resümiert Weiß-Degn. Mit dem Patienten zusammen ein Behandlungsziel und eine geeignete Therapie zu formulieren kann durchaus positiv sein. Für den Patienten bedeutet es erstens, als mündiges Gegenüber in medizinische Entscheidungen einbezogen und akzeptiert zu werden, und zweitens wird der Patient dadurch in eine Eigenverantwortung genommen, die absolut hilfreich für den Genesungsprozess ist.

Jedem Patienten seinen Anwalt

Kärnten war das Bundesland mit der ersten Patientenanwaltschaft; schrittweise erfolgte dann deren Einrichtung in allen anderen Bundesländern. „Was Patientenrechte betrifft, können wir mit Stolz sagen, dass wir innerhalb Europas eine führende Position einnehmen“, freut sich Dr. Gerald Bachinger, Präsident der Patientenanwaltschaft Niederösterreich. Drei Meilensteine begründen diese Vorrangstellung: „Patientencharta, die Patientenanwaltschaft und der Patienten-Entschädigungsfonds.“ Der Patientenanwalt ist ex lege für die in seinen Wirkungsbereich fallenden Krankenanstalten zuständig, ist weisungsfrei und kann kostenlos von jedem Bürger in Anspruch genommen werden. Seine Hauptaufgabe liegt in der Rechtsvertretung des Patienten in allen medizinisch-rechtlichen Belangen. Er fungiert als Vermittler zwischen Arzt und Patient, hat dabei aber keinerlei Kontrollfunktion inne. Meist wird die außergerichtliche Lösung angestrebt, wenn dies nicht möglich ist, kommt es durch das Haftungsrecht zu gerichtlichen Entscheidungen. Besondere Beachtung verdienen Maßnahmen in Zusammenhang mit dem Unterbringungsgesetz. Wird einem psychisch kranken Menschen von zwei unabhängigen Fachärzten für Psychiatrie das Vorhandensein einer psychischen Erkrankung attestiert, liegen gleichzeitig Eigen- und/oder Fremdgefährdung vor und existiert keine andere Möglichkeit als die stationäre Behandlung, so erfolgt eine Unterbringung ohne eigenes Verlangen. Dies bedeutet Beschränkungen für den Patienten. Gleichzeitig mit der Unterbringung hat eine Meldung an das zuständige Bezirksgericht und den Patientenanwalt, der dann von Gesetzes wegen der gerichtlich vorgesehene Vertreter des Untergebrachten ist, zu erfolgen. Eine Gerichtskommission entscheidet binnen vier Tagen nach erfolgter Unterbringung im Rahmen einer persönlichen Anhörung vor Ort über den Fortbestand der Unterbringung. Wird diese vorläufig für zulässig erklärt, wird innerhalb der nächsten 14 Tage eine mündliche Verhandlung anberaumt, der auch ein unabhängiger Gutachter beisitzt. Liegen keine Gründe für eine weitere Unterbringung vor, wird sie sofort aufgehoben, außer der Abteilungsleiter erhebt gegen den Gerichtsbeschluss Rekurs.

Rekurs möglich

Wird bei der mündlichen Verhandlung die Zulässigkeit der Unterbringung entschieden, muss dies im Beisein des Kranken verkündet und auch begründet und erklärt werden. Innerhalb von 14 Tagen kann der Kranke oder sein Vertreter gegen den Beschluss Rekurs erheben. In zweiter Instanz entscheidet dann das Gericht innerhalb von 14 Tagen ab Einlangen der Akten. Fehlen die Voraussetzungen für die Unterbringung, so wird diese sofort aufgehoben. Auch Beschränkungen der Bewegungsfreiheit, wie Netzbett und Punktfixierung, müssen genau dokumentiert werden. So müssen die Zeiten des Aufhebens der Bewegungsfreiheit und das Wiederfixieren minutiös notiert werden.

Bewusstsein für Patientenrechte schaffen

Viele idealisieren trotzdem noch die Zeit, als der Arzt die alleinige Wissensinstanz bei der Behandlung von Patienten war. Das viel zitierte Partizipationsmodell wird nicht immer in die Praxis umgesetzt. Bacher: „Der Widerstand der Ärzte gegen die Patientenverfügung zum Beispiel war sehr groß. Dabei konnte man den Ärzten schwer klarmachen, dass es sich dabei um kein Kampfmittel gegen sie handelt, sondern lediglich um eine Verfügung, die den Willen des Menschen respektiert“. Durch Gesetze allein ist noch lange kein Bewusstsein geschaffen und es bedarf noch einiger Zeit, bis der Patient wirklich als gleichberechtigter Partner angesehen wird.

 detail

Maierhofer, Ärzte Woche 26/2007

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