zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 31. Mai 2007

Eine verschwiegene Krankheit kehrt zurück

Bis in die Neunzigerjahre wurden die Symptome der „Franzosenkrankheit“ in heimischen Praxen so gut wie gar nicht mehr gesehen. Doch seit einiger Zeit steigen die Fallzahlen der Syphilis wie auch anderer sexuell übertragbarer Infektionen wieder an. Diese Tatsache könnte sich zu einem veritablen Gesundheitsproblem in Europa auswachsen.

 Collage
Berühmte Syphiliskranke (im Uhrzeigersinn): Al Capone, Franz Schubert, Niccolò Paganini, Friedrich Nietzsche.

Foto: Wikipedia, Montage: Ärzte Woche

In einer ihrer letzten Sitzungen befasste sich die Gesellschaft der Ärzte in Wien mit einem Gesundheitsproblem, von dem man angenommen hatte, dass es in der ärztlichen Praxis kaum mehr von Bedeutung ist: die Syphilis. Der Frühdiagnose kommt wegen der Übertragung an den Partner sowohl durch Geschlechtsverkehr als auch durch intensives Küssen eine entscheidende Bedeutung zu.

Primäreffekt an der Eintrittsstelle besonders ansteckend

Der Primäraffekt an der Eintrittsstelle sowie die Haut- und Schleimhautmanifestationen des Sekundärstadiums sind am erregerreichsten und die häufigsten Ansteckungsquellen. Wichtig für den Arzt ist es, sich der Vielfalt der klinischen Erscheinungen im Sekundärstadium bewusst zu sein und diese gegebenenfalls auch zu erkennen und die Diagnose stellen zu können.
Die WHO schätzt, dass es jährlich zu zwölf Millionen Neuinfektionen mit Treponema pallidum kommt, wobei die Entwicklungsländer vor allem betroffen sind. In Österreich ist es 2006 neuerlich, nach einem Peak 2002, zu einem deutlichen Anstieg der gemeldeten Fälle gekommen. Nach Angaben des Gesundheitsamtes wurden 2006 in Österreich insgesamt 416 neue Fälle von Syphilis gemeldet, 314 davon in Wien. Ähnliche Zahlen gab es schon im Jahr 2002, in dem es im Vergleich zu 1999 zu einem Anstieg um 128 Prozent gekommen war. In den folgenden Jahren zeigte sich wieder ein Rückgang der Neuinfektionen auf Werte vergleichbar mit denen vor diesem Anstieg.
„Bei der Analyse der Patienten mit infektiöser Frühsyphilis im Jahr 2002 zeigte sich sogar ein noch höherer Anstieg um 200 Prozent. Diese Gruppe ist epidemiologisch relevant, da in erster Linie Patienten mit infektiöse Frühsyphilis Infektionsquelle für ihre Sexualpartner sind“, berichtete Prof. Dr. Alexandra Geusau von der Wiener Universitäts-Hautklinik, Abteilung für Immundermatologie. Von besonderem Interesse war für sie die Frage, ob es sich im Jahr 2006 um dieselbe Population wie 2002 handelte. Nicht leicht festzustellen, da das derzeitige Meldesys­tem keine weiteren Analysen in Bezug auf Geschlecht, Alter, Herkunftsland, HIV Status oder sexuelle Orientierung enthält. „In der Auswertung unserer eigenen Daten konnten wir allerdings deutliche Unterschiede feststellen. 2002 waren in erster Linie junge Heterosexuelle betroffen, die HIV-positive Population machte diesen Peak nicht mit, während 2006 der Anstieg der Gesamtzahlen durch deutlich vermehrte, frische Infektionen bei den HIV-positiven homosexuellen Patienten bedingt ist“, erläuterte Geusau.
Das korreliert auch mit den Beobachtungen und Analysen aus dem restlichen Europa und den Vereinigten Staaten, wo in erster Linie homosexuelle Männer von Neuinfektionen, sprich infektiöser Frühsysphilis, betroffen sind. In Deutschland zeichnete sich dieser Trend schon seit 2004 ab. Das größte Risiko, an Syphilis zu erkranken, haben der Statistik in Deutschland zufolge Männer im Alter zwischen 30 und 40 Jahren. Bei zwei Drittel der Neuerkrankungen sind homosexuelle Kontakte die Ursache.

Keine Immunität

Jeder dritte Mann mit Syphilis hat in dieser Analyse des Robert-Koch-Instituts auch eine HIV-Infektion. Für das Ansteigen der Syphilis unter Heterosexuellen wird im Bericht des Robert-Koch-Instituts hauptsächlich der steigende Anteil ausländischer Prostituierter verantwortlich gemacht, die einen schlechteren Zugang zum Gesundheitssystem haben. In Österreich dürften die Verhältnisse ähnlich sein.
Syphilis kann zwar mit Penicillin erfolgreich behandelt werden, es folgt daraus jedoch keine Immunität, das heißt, der Patient kann sich nach einer Behandlung neuerlich infizieren. Geschlechtsverkehr mit Kondom schützt leider nur bedingt, da alle Haut- und Schleimhautläsionen im treponemenreichen Sekundärstadium infektiös sind und somit zum Beispiel auch ein intensiver Kuss zur Infektion führen kann.
Dermatologen und Venerologen schlagen Alarm: Die Zahl der HIV-Infizierten unter den Patienten mit Syphilis ist explosionsartig angestiegen, und das ist auch umgekehrt der Fall. Zwischen HIV-Infektion und Syphilis gibt es zahlreiche Interaktionen. „Die Kombination von HIV und Syphilis ist aus mehreren Gründen bedrohlich. Einerseits kann aus den Ergebnissen verschiedener Studien geschlossen werden, dass der Verlauf der HIV-Erkrankung durch die Syphilis beschleunigt wird.

Lokalbarriere gestört

Anderseits kann die Syphilis einen aggressiveren Verlauf nehmen als bei nicht HIV-infizierten Immungesunden“, berichtete Dr. Norbert Kohrgruber, Abteilung für Immundermatologie am Wiener AKH. Man geht davon aus, dass die Syphilis – wie andere ulzeröse Genitalinfektionen auch – sowohl die Infektiosität des HIV-Infizierten als auch die Suszeptibilität einer exponierten HIV-negativen Person erhöht. Das erklärt sich einerseits aus einer Störung lokaler Barrieren und anderseits aus einer Ansammlung von Entzündungszellen, die sowohl eine Quelle als auch ein Ziel für HIV darstellen können.
Nach einem vorübergehenden Absinken der Syphilis-Neuinfektionen in den Jahren 2003 bis 2005 wird nun eine noch anhaltende zweite Epidemie beobachtet, die überwiegend homosexuelle Männer betrifft. Kohrgruber ging auf die von Geusau gezeigten Daten über den Zunahme der Syphilis-Patienten im Jahr 2006 noch näher ein: Rund 65 Prozent der Patienten mit einer frischen Syphilis-Infektion waren auch HIV-infiziert.

 Stichwort: Franzosenkrankheit

Ungeschützter Oralverkehr als wahrscheinliche Ursache

Bei der Analyse von Risikofaktoren für eine mögliche HIV-Ko-Übertragung bei den betroffenen Patienten zeigte sich, dass die meis­ten Patienten bei Sexualpraktiken, die hinsichtlich einer HIV-Infektion als hochriskant gelten, Kondome verwendeten. Da sie dies aber nicht vor einer Infektion mit Treponema pallidum geschützt hatte, dürfte in den meisten Fällen die Syphilis über ungeschützten oralen Verkehr übertragen worden sein; bei diesem ist das Risiko einer Übertragung von HIV bekanntermaßen gering.
Die Entwicklung löse laut Kohrgruber die Besorgnis aus, dass es sekundär zu einem Anstieg der HIV-Neuinfektionsrate kommen könnte. Die Zahlen von Syphilis- und HIV-Infizierten können sich gegenseitig in die Höhe schaukeln und bergen, so Kohrgruber, das Risiko in sich, eine HIV-Epidemie zu verstärken. Präventionsmaßnahmen und Informationskampagnen sind jedenfalls im Gange. Einen hohen präventiven Wert hat dabei das engmaschige Screening von Risikogruppen in Sentinel-Institutionen, um einen möglichst hohen Anteil der Betroffenen im infektiösen Frühstadium diagnostizieren und behandeln zu können.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben