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Allgemeinmedizin 22. Mai 2007

Säuren und Basen, die streitbaren Cousinen

„Schlacken“ sind im Frühling in aller Munde, oder zumindest im Bindegewebe. Basenprodukte gegen Übersäuerung werden allerorten angeboten. Die naturwissenschaftliche Medizin wendet ein, dass weder Schlacken noch Säuren im Bindegewebe nachweisbar sind. Prof. Dr. Wolfgang Marktl, seines Zeichens Physiologe an der MedUni Wien und gleichzeitig Präsident der Österreichischen Akademie für Ganzheitsmedizin GAMED, hat vor kurzem ein Buch zum Thema herausgegeben. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit ihm über Säuren, Basen und Schlacken.

Die Menge freier Wasserstoffionen in den Flüssigkeitsräumen des Organismus muss innerhalb enger Grenzen konstant gehalten werden, die Konstanz der pH-Werte ist lebenswichtig. Und deshalb gibt es die verschiedenen Regulationssysteme wie den Bicarbonatpuffer. Wie verträgt sich das mit der Idee einer Übersäuerung?
Marktl: Die Anhänger der Übersäuerungshypothese beziehen sich darauf, dass man die Übersäuerung im Plasma nicht messen kann, was ja auch tatsächlich der Fall ist, sondern dass dieses Geschehen im Interstitium stattfindet. Dort können wir allerdings keine Messung durchführen.

Das Interstitium spielt ja in der Organ-zentrierten Medizin eher eine Nebenrolle.
Marktl: Tatsächlich ist das Interstitium so etwas wie eine Terra incognita, die sich Anatomen, Histologen und Elektronenoptiker – lapidar gesagt – unter den Nagel gerissen haben. Diese Disziplinen können dort morphologisch wirklich sehr viel beschreiben. Was bedeuten nun deren Erkenntnisse für praktisch-klinische Fragestellungen wie die des Säure-Basen-Haushaltes? Vereinfachend gesagt hat die Komplementärmedizin eingeräumt, dass man die Übersäuerung im Plasma nicht sieht, jedoch im Interstitium. Die diagnostischen Methoden, auf denen Aussagen zur Übersäuerung des Interzellularraumes beruhen, beziehen sich meist auf den pH-Wert des Harnes.

Zum Beispiel die Bestimmung des Basenflutens nach Dr. Sander?
Marktl: Für mich als wertneutralen Physiologen ist die Tatsache, dass Harn sauer oder alkalisch ist, erst einmal eine Banalität. Zu sagen, der Harn ist basisch, also auch der Körper, oder umgekehrt; das ist zu einfach. Wenn wir Protonen im Harn messen, so sind diese Produkt renaler Regulationsmechanismen. Und nur diese werden abgebildet. Das Interstitium ist eine Sache, die Niere eine andere. Das kann man nicht so ohne weiteres in einen Topf schmeißen!

ÄWO: Saure Valenzen im Harn weisen vielleicht einfach auf reguläre Nierenfunktion hin?
Marktl: Der pH-Wert des Harnes kann in wesentlich größeren Breiten schwanken als der des Plasmas oder des intrazellulären pH-Wertes. Im Harn finde ich unter durchaus physiologischen Umständen pH-Werte, die im Inneren des Organismus zu schweren Schädigungen – wenn nicht zum Tod – führen könnten.

Der Schluss aus dem Harn-pH auf den interstitiellen pH ist also ein gewagter?
Marktl: Genau. Weiters macht die Menge freier Wasserstoffionen im Harn maximal ein Prozent – und das ist hoch gegriffen – der gesamten Säureausscheidung aus. Titrierbare Säuren und der Ammoniakmechanismus machen einen wesentlich größeren Teil aus.
Dieser Anteil ist nicht allein durch pH-Messung zu bestimmen.
Die Anhänger der Übersäuerung­hypothese berichten nichtsdestotrotz von den guten klinischen Erfahrungen, die sie mit entsprechenden Therapien machen. Und ich will keinen Kollegen desavouieren oder Erfahrungswerte vom Tisch wischen. Der Wert der Erfahrungsheilkunde ist unbestritten, aber dort wollen wir nicht stehen bleiben.

Sie sind ja Präsident der Wiener Internationalen Akademie für Ganzheitsmedizin und wollen Erfahrungsheilkunde mit Wissenschaftlichkeit verbinden.
Marktl: Mir fällt hier ein zu großer Zwiespalt zwischen praktischer Erfahrung und klinischer Fundierung auf – es sind zu viele Fragen offen. Auch deshalb, weil die Frage nach den Regulationskapazitäten nicht gestellt wird. Ist denn wirklich durch die zugeführten sauren Valenzen eine Überforderung der Regulationsmechanismen gegeben? Diese Frage wird nicht gestellt. Weiter: Was über die Nahrung aufgenommen wird, kommt zuerst ins Plasma. Und dort ändert sich der pH nur in sehr engen Grenzen. Im Interstitium soll dann plötzlich die Säure sein. Wie soll man sich das vorstellen? Solange es nicht möglich ist, im Interstitium zu messen, kann gar keine Aussage über den dortigen pH-Wert getroffen werden. Die Übersäuerung selbst wird von ihren Apologeten a priori nicht in Frage gestellt. Vielleicht liegen da ganz andere Mechanismen zugrunde. Es gibt viele Vermutungen, mir fehlen jedoch Experimente und tragfähige Hypothesen.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 21/2007

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