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Allgemeinmedizin 2. Mai 2007

Tückischer Mief

Jeder kennt ihn, keiner spricht darüber. Zumindest nicht in Gegenwart der Person, die den schlechten Atem verströmt. Mundgeruch oder Halitose stellt für die Betroffenen ein ernstes Problem dar, insbesondere wenn sie niemand darauf aufmerksam macht. Denn oft kann der eigene schlechte Atem selber gar nicht gerochen werden. Entgegen vorherrschender Volksmeinung entsteht schlechter Atem jedoch nicht im Magenbereich, die Ursache liegt zu 90 Prozent im Mundraum. Er ist das Ergebnis des mikrobiellen Stoffwechsels der Mundflora.

In unsere Mundhöhle wuselt es nur so von Bakterien verschiedenster Art, auf deren Speiseplan vornehmlich Proteine stehen. Unter den anfallenden Abbauprodukten finden sich solche klingenden Name wie Cadaverin, Schwefelwasserstoff, Methylmercaptan, Skatol oder Putresci. Zu finden sind diese Substanzen gleichermaßen in verwesenden Leichen, verdorbenem Fleisch, faulen Eiern oder anderen Dingen, um die man normalerweise einen weiten Bogen macht. Es bedarf nur geringer Vorstellungskraft, sich auszumalen, welche ideale Basis zurückgebliebene Speisereste in den Zahnzwischenräumen, entzündetes Zahnfleisch, Zahnbelag, unsaubere Zahnprothesen oder Abszesse für die Entstehung von Mundgeruch bieten. Beim Zahngesunden ist die Hauptquelle schlechten Atems der Zungenrücken. Durch die papilläre Oberflächenstruktur können sich die Geruchsverursacher gut ansiedeln und sich vom Nasensekret oder anderen Rückständen ernähren. Da ein ständiger Speichelfluss die Bakterien samt ihren chemischen Produkten fortspült, kann alles, was den Mund austrocknet, die Situation bezüglich der Atemqualität verschlimmern. Dazu zählen Faktoren wie Fasten, andauerndes Reden, Stress, aber auch so manche Arznei. Auch Rauchen wirkt sich nachteilig auf die Duftqualität aus.

Das Zahnfleisch leidet mit

Substanzen wie Methylmercaptan oder Schwefelwasserstoff riechen nicht nur unangenehm, sie schädigen auch das Zahnfleisch, indem sie dessen Regenerationsfähigkeit herabsetzen und somit die Entstehung von Parodontose begünstigen. In solchen Fällen kann ein Besuch beim Zahnarzt Abhilfe schaffen. Zu fünf bis zehn Prozent ist die Quelle des schlechten Geruches vornehmlich bei chronischen Entzündungen im Nasenraum und seinen Nebenhöhlen zu finden. Die Geruchsqualität ist hier jedoch eine andere. Wenn Kinder plötzlich unangenehm aus dem Mund bzw. Rachenraum riechen, sollte man sich zunächst auf der Suche nach einer Lampe und anschließend nach dem Fremdkörper in der Nase begeben. In raren Fällen liegt die Ursache auch bei den Tonsillen. Fazit: Bei idiopathischem Mundgeruch führt der zweite Weg zum HNO-Spezialisten. Noch seltener liegt die Quelle des Übels im Speiseröhren- und Magenbereich. Hier sollte der Diagnostiker in erster Linie an den gastroösophagealen Reflux oder Ösophagusdivertikel denken.

Objektive Nachweismethoden

Zum Nachweis von Halitose gibt es heute nach intensiven wissenschaftlichen Bemühungen mehrere Methoden. Die einfachste ist, sich in unterschiedlichen Abständen zum Patienten zu positionieren und ihn aufzufordern zu sprechen. Zur Objektivierung bietet sich unter anderem das „Halimeter“ an, das flüchtige Schwefelverbindungen in der Atemluft misst. Verfügbar ist dieses Gerät in vielen Zahnarztpraxen. Mit dem so genannten BANA Test (Benzoyl-DL-Arginin-Naphthylamid) gelingt der Nachweis von Parodontose verursachenden Bakterien. Mundhöhlenbewohner, wie Treponema dentiloca, Porphyromonas gingivalis oder Bacteroides forsythus produzieren ein Enzym, das mit BANA eine färbige Verbindung eingeht, was die betroffenen Stellen sichtbar macht. Parodontosebakterien verursachen per se zwar keinen Mundgeruch, zwischen positivem BANA Test und Halitose besteht jedoch ein statistischer Zusammenhang.

Den Gestank verjagen

Ist der Mundgeruch erst einmal bestimmt, will die Ursache bekämpft werden. Ein Besuch beim Zahnarzt hilft, kariöse Zähne, entzündete Zahntaschen und Parodontose zu erkennen. In weiterer Folge ist eine sorgfältige Mundhygiene notwendig. Die tägliche Verwendung von Zahnseide hilft nicht nur Speisereste zu entfernen, durch Riechen an der Seide kann übler Geruch auch erkannt werden.) Zusätzlich ist die mechanische Reinigung des Zungenrückens angeraten. Dafür bieten sich spezielle Zungenreiniger an, die in letzter Zeit in den meisten Drogeriemärkten zu finden sind. Aber auch kurzes Bürsten mit der Zahnbürste vor und nach dem Zähneputzen reicht aus, um den Bakterienrasen zu reduzieren. Bei Zahnfleischentzündung kann auf die lokale Anwendung von Chlorhexidin zurückgegriffen werden. Das führt jedoch zu einer Geschmacksbeeinträchtigung und bei längerer Anwendung zu Zahnverfärbungen. Auf eine antibiotische Behandlung sollte tunlichst verzichtet werden, denn eine Zerstörung der bakteriellen Mundflora kann zu starkem Pilzbefall führen.

Abhilfe aus dem Garten

Natürlich bieten sich seit vielen Jahrhunderten altbewährte Duftstoffe aus dem Kräutergarten an, die jedoch lediglich zur Übertünchung des Geruches dienen. So werden zum Beispiel Pfefferminze, Anis, Zimt, Petersilie, Guavaschalen oder Gewürznelken gekaut. Ihre Wirkung ist jedoch meist nur von kurzer Dauer. Nicht zu vernachlässigen ist freilich, dass jede Art des Kauens die Speichelproduktion anregt und alleine dadurch eine günstige Beeinflussung der oralen Besiedelung erzielt werden kann. Ungeklärt ist nach wie vor die Ursache, warum Menschen meist nicht in der Lage sind, ihren eigenen Mundgeruch wahrzunehmen. Wenn man sich und dem Betroffenen also einen Gefallen tun will, gilt es Tabus zu brechen.

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Höfler-Speckner, Ärzte Woche 18/2007

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