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Allgemeinmedizin 28. Juni 2007

Ordination für Obdachlose

Das Team neunerHAUSARZT betreut ehemalige Obdachlose mit gesundheitlichen Problemen. 90 Prozent von ihnen benötigen dringend ärztliche Versorgung. Zahlreiche Betroffene scheuen sich aber, von sich aus einen Arzt aufzusuchen.

„Es ist kaum zu glauben, wie groß der Leidensdruck bei manchen Menschen werden muss, bevor sie eine Arztpraxis aufsuchen“, sagt Dr. Walter Löffler, Arzt für Allgemeinmedizin und Notarzt. Dass ehemalige Obdachlose auch bei gravierenden Problemen wie schwerer Atemnot von sich aus keinen Mediziner aufsuchen, weiß der medizinische Leiter des Teams neunerHAUSARZT aus Erfahrung: „Wer jahrelang auf der Straße gelebt hat, ist meist körperlich und psychisch polytraumatisiert. Die eigene Gesundheit ist dann oft das Letzte, dem Aufmerksamkeit geschenkt wird. Das Bewusstsein dafür ist einfach nicht mehr vorhanden“, so Löffler. Seit März 2006 versucht der Leiter des Teams neunerHAUSARZT in Zusammenarbeit mit drei Kolleginnen, das zu ändern. Das Ärztequartett ordiniert regelmäßig in den betreuten Häusern für Obdachlose der Wiener Wohnungshilfe.

Die Mehrheit ist krankenversichert

„Der wesentliche Grund dafür, dass die Bewohner keinen Arzt aufsuchen, ist nicht, dass die Betroffenen keine Krankenversicherung hätten. Mehr als 90 Prozent sind entweder gesetzlich krankenversichert oder erhalten Krankenhilfe von der MA 15, der Magistratsabteilung für Gesundheitswesen und Soziales der Stadt Wien“, betont Löffler. Die wahren Ursachen bestünden darin, dass die Betroffenen das Vertrauen in sich selbst, aber oft auch in ihre Umgebung verloren hätten. In den Häusern der Wiener Wohnungshilfe, in denen das Team neunerHAUSARZT tätig ist, steht jeweils ein Zimmer für Behandlungen zur Verfügung. Dem Ärzteteam ist es in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen, zu vielen ehemaligen Obdachlosen eine Vertrauensbasis herzustellen. „Sie wissen, dass wir wirklich für sie da sind, und das hat letztlich auch zu einer guten Compliance geführt. Das heißt, unsere Patienten nehmen unsere Therapieempfehlungen ernst – und ihre Medikamente regelmäßig ein“, freut sich Löffler.

Ein Projekt der Initiative neunerHAUS

Die Idee für das Projekt zur medizinischen Betreuung Obdachloser ist im Rahmen der Initiative neunerHAUS entstanden, die auf das Engagement von Bürgern des neunten Wiener Gemeindebezirks zurückgeht. Diese wollten 1998 Wohnplätze für obdachlose Mitbürger schaffen. Das ist gelungen: Im Wohnhaus Hagenmüllergasse in Neu-Erdberg stehen Einzelpersonen und Paaren 60 Dauerwohnplätze ohne zeitliche Befristung zur Verfügung. Und das Wohnhaus Billrothstraße bietet Männern 35 befristete Einzelwohnplätze zur kurzfristigen Überbrückung akuter Wohnungsnot. „Wir mussten jedoch von Beginn an erleben, dass es zahlreichen Menschen, denen wir nun ein Dach über dem Kopf anbieten können, gesundheitlich schon sehr schlecht geht. Sie würden eigentlich kontinuierliche ärztliche Betreuung benö tigen. Schamgefühl und Angst vor Abweisung halten sie davon ab, die regulären ambulanten und stationären Versorgungsangebote zu nutzen“, weiß Mag. Markus Reiter, Geschäftsführer des Vereins neunerHAUS.

Ausreichend Zeit für alle Patienten haben

Durch das Team neunerHAUSARZT wurde eine niederschwellige Versorgungsstruktur geschaffen, innerhalb derer ehemalige Obdachlose regelmäßig betreut werden und für jeden einzelnen oder jede einzelne ausreichend Zeit zur Verfügung steht. Das Projekt wird vom Verein neunerHAUS in Kooperation mit dem Gesundheitszentrum F.E.M. für Frauen, Eltern, Mädchen organisiert und von der Wiener Gebietskrankenkasse, dem Fonds Soziales Wien, der MA 15 der Stadt Wien und dem Verein neunerHAUS finanziert. „Unser Motto lautet: Kommt der Patient nicht zum Arzt, kommt der Arzt zum Patienten. Letztlich ist das Ziel dann aber, die ehemaligen Obdachlosen wieder zurück in das vorhandene Gesundheitsversorgungssystem zu führen“, fasst Reiter das Konzept zusammen.

Bis zu 15 Diagnosen gleichzeitig

Auch Walter Löffler hebt hervor, dass umso mehr Zeit für das Arztgespräch notwendig sei, je länger die Obdachlosigkeit des Patienten gedauert habe. „Geschätzte 90 Prozent der wohnungslosen Menschen in Wien sind krank. Davon sind viele körperlich und geistig multimorbid, sodass bis zu 15 Diagnosen gleichzeitig keine Seltenheit sind“, berichtet der Allgemeinmediziner. Erste dauerhafte Erfolge bestärken das Team neunerHAUSARZT darin, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. „Bei einem meiner Patienten habe ich zuerst dessen Bluthochdruck behandelt“, erzählt Löffler. „Wie viele Obdachlose und ehemalige Obdachlose war er jedoch auch alkoholkrank und seine Leber bereits dekompensiert. Ich konnte ihn schließlich von einer stationären Behandlung überzeugen. Seit er diese hinter sich hat, trinkt er keinen Schluck Alkohol mehr und bemüht sich jetzt auch um eine eigene Wohnung.“

Information:
www.neunerhaus.at/neunerhausarzt.htm

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 26/2007

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