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Allgemeinmedizin 19. Juli 2007

Vom Leben auf dem Lande

Die Gemeinde Mönchhof – übrigens die älteste Weinbaugemeinde Österreichs – am Rande des Nationalparks Neusiedlersee-See­winkel lockt Besucher nicht nur mit hochwertigen Spitzenweinen, sondern auch mit einem ebenso hochwertigen wie einzigartigen Museum. Einem lebendigen Museum der etwas anderen Art, prall gefüllt mit Kultur – im wahrsten Sinn des Wortes – zum Anfassen.

 Dorfmuseum

Foto: Dr. Wolfgang Regal

Die Mönchhofer Familie Christl und Josef Haubenwallner haben das heute vielbeachtete und mehrfach ausgezeichnete Freilichtmuseum – es umfasst zur Zeit Objekte auf etwa 10.000 Quadratmetern – aufgebaut und betreiben es heute mit zahlreichen Freunden und Hilfskräften. Das nach wie vor im Ausbau befindliche Museum wird seit 1994 auch vom Universitäts­institut für europäische Ethnologie in Wien betreut und regelmäßig im Rahmen von Seminaren und Projektwochen „beackert“.
Mögen andere Gemeinden versuchen, mit echter oder eingebildeter Hochkultur zu beeindrucken, Mönchhof punktet mit Alltagskultur. Mit dörflicher Volkskultur, die in vielen Museen meist nur sehr stiefmütterlich vertreten ist. Im liebevoll gestalteten Dorfmuseum kann der Besucher in die Welt seiner Vorfahren, möglicherweise auch seiner Kindheit eintauchen, sich intensiv mit ihr beschäftigen, darin versinken und die meisten Objekte auch wirklich „begreifen“ – Geschichte wird hier tatsächlich begreifbar.

Leben im Hoadboden

Das früher recht harte Leben im „Hoadboden“ – Heideboden, so nannte man früher diesen Teil des Seewinkels – lässt sich in den alten Häusern, Werkstätten, Möbeln, Einrichtungsgegenständen, Werkzeugen und Gerätschaften mehr als erahnen. Hier spürt man förmlich, wie die Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelebt, gewohnt, gearbeitet, aber auch genossen und gefeiert haben.
Das seit 1990 bestehende Freilichtmuseum ist in drei Bereiche gegliedert. Der erste und zweite Teil informieren über die Grundlagen der bäuerlichen Existenzsicherung – Anbau und Ernte von Getreide, Mais, Kukuruz, wie er hier genannt wird, Rüben und Wein – und die Vorratshaltung und Konservierung der Nahrungsmittel. Im dritten, dem weitaus interessantesten Teil des Museums, ist ein typisches Dorf des Seewinkels mit allen vorhandenen Betrieben und öffentlichen Einrichtungen in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut und liebevoll mit Gegenständen des täglichen Lebens – die man meist auch anfassen und ausprobieren kann – ausgestattet. Von der Amtsstube über die Bäckerei, den Besenbinder, Sargtischler, Maurer und Schmied bis zur Schule, zum Kino, Postamt und natürlich Weinkeller und Wirtshaus mit Kegelbahn ist hier alles in Originalgröße vorhanden. Man kann in die Werkstätten, Häuser, Weinkeller und Schupfen eintreten und den einstigen dörflichen Alltag förmlich einatmen und sich beim Betrachten der Dinge 50 Jahre oder mehr zurückversetzt fühlen. Sogar eine neu gebaute Kirche thront auf einem kleinen Hügel über diesem künstlichen, typischen, aber zum Glück nicht makellosen Dorf im Seewinkel.
Medizinisch interessierten Besuchern wird die Ordination des Gemeindearztes von Mönchhof im Gemeindeamt – hier ordinierte und wohnte der Arzt bis in die späten 1960er Jahre – gefallen. Die Ordinationseinrichtung schenkte der ehemalige Gemeindearzt Dr. Otto Rosenauer dem Museum.
Der Tag und Nacht erreichbare Allgemeinmediziner – der „Herr Doktor“ – musste damals oft drei bis vier Ortschaften betreuen. Als Chirurg für kleine Eingriffe, Internist, Geburtshelfer, Gynäkologe und Zahnarzt war er meist gut beschäftigt. Die in der Ordination vorhandenen zahlreichen Instrumente und Apparate – von der Schimmelbuschmaske für die Äther-Tropfnarkose und gynäkologischen Instrumenten bis zum Röntgenapparat und Geräten zur physikalischen Therapie – zeigen die vielfältigen ärztlichen Tätigkeiten, die ein Allgemeinmediziner damals beherrschen musste. Jedoch wurde der Arzt nur in wirklich dringenden Fällen aufgesucht oder um einen Hausbesuch gebeten. Zu seinen Hausbesuchen ging er zu Fuß oder er wurde mit dem Fuhrwerk abgeholt.
Erst in den 1950er Jahren kam er dann mit dem Motorrad und etwas später schon im eigenen Auto. Da passierte es dann schon manchmal, dass in dringenden Fällen der Herr Doktor persönlich seine Patienten ins Spital nach Kittsee brachte. Bezahlt wurde er üblicherweise erst am Jahresende. Das Jahr über ließ man „anschreiben“, wie in der Greißlerei. Die Zahlungsmoral scheint beim Arzt aber wesentlich besser gewesen zu sein als beim Gemischtwarenhändler. Während viele Dorfgreißler wegen Zahlungsunfähigkeit ihrer Kundschaft zugrunde gingen, ordinierte Rosenauer als Gemeindearzt von 1950 bis 1984, immerhin 34 Jahre.
Eine Apotheke gab es nicht und Arztbesuche waren sehr teuer. Bauern und Handwerker hatten ja noch keine Krankenkasse. So kannte man in jedem Haushalt einfache Hausmittel gegen verschiedene Krankheiten und wendete diese auch an, ehe man zum Arzt ging. Mit selbst gemachten Salben, verschiedenen Kräutertees zum Gurgeln und Trinken, Schweineschmalz mit Zwiebeln für Umschläge und als Zugsalbe bei Abszessen, Rizinusöl bei Verstopfung und Schnaps zur innerlichen und äußerlichen Desinfektion fühlte man sich gegen die meisten Krankheiten gewappnet. Auch der „Herr Doktor“ hatte damals nur ein recht bescheidenes therapeutisches Repertoire zur Verfügung. So gab es Penicillin ja erst ab den 1950er Jahren.

Beten gegen die Warzen

Viele Rezepte dieser alten Hausmittel sind bis heute überliefert und erfreuen sich zum Teil wieder großer Beliebtheit. Auch kuriose Mittel zwischen Glauben und Aberglauben kamen zur Anwendung: das „Vater-unser-Beten“ gegen Warzen etwa oder das seltsame „Kohlenwerfen“ gegen „verschrieene“ Menschen oder Tiere. Zu diesem Zweck nahm man fünf glühende Holzkohlen, warf sie in einen Häfen mit Wasser und machte darüber drei Kreuze. Wenn die Kohlen schwammen, dann war der Kranke „beschrieen“. Gab man ihm von diesem Wasser zu trinken, war er gerettet und sollte bald genesen. Die Wirksamkeit dieser Methode ist bis heute allerdings durch keine randomisierte Doppelblindstudie bewiesen, sie kann daher nicht wirklich empfohlen werden. Viel geschadet dürfte sie allerdings auch nicht haben.

Dorfmuseum Mönchhof
Familie Josef Haubenwallner
Bahngasse 62, 7123 Mönchhof
Tel.: 02173 / 80642,
www.dorfmuseum.at
1. April – 31. Oktober: Dienstag bis Sonntag und Feiertag 10 – 18.30 Uhr, Juni, Juli und August auch Montag geöffnet. Besichtigung auch außerhalb der Öffnungszeiten nach Vereinbarung möglich.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 28/2007

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