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Allgemeinmedizin 28. Juni 2007

Arztsein ist schön, macht aber auch viel Arbeit

20 Jahre in der Niederlassung sind geschlagen. Nach zahlreichen Höhen und Tiefen läuft die Ordination von Peter Gungl eigentlich „rund“, als Belastung werden fehlende Kooperationsformen sowie die zunehmende Bürokratie empfunden. Einem generellen Dispensierrecht für niedergelassene Ärzte kann der erfahrene Hausapotheker nur Positives abgewinnen.

20 Jahre Ärzte Woche sind Geschichte. Ebenfalls Geschichte sind die ersten 20 Ordinationsjahre des Allgemeinmedizinerehepaares Dr. Peter Gungl und seiner Frau Christiana. „Vor 20 Jahren hatten wir die Vorstellung, dass der Beruf des Allgemeinmediziners mit der Familie sehr gut in Einklang gehen könnte“, beschreibt Gungl die Motivation für die Niederlassung am Land. Auch damals war es schon schwierig, an eine Kassenstelle heranzukommen. Ihm ist es schließlich gelungen, den Kassenvertrag samt ärztlicher Hausapotheke zu bekommen. Da es im kleinen Ort kein passendes Gebäude zur Einmiete gab, war der Kauf des bestehenden Arzthauses mit Wohnmöglichkeit die einzige Alternative. Für zwei Jungärzte ohne Eigenkapital eine nicht unbeträchtliche finanzielle Hürde.

Stress bei Vergabe

Der Stress begann auch bereits unmittelbar nach der Vergabe, mit einer Vorlaufzeit von fünf Wochen. In dieser Zeit musste alles geschehen, vom Vertragsabschluss mit dem Übergeber bis zum Umbau. Dieser Ordinationsumbau war vorrangig, in die Vorgängerordination war nicht einmal eine Toilette integriert. Die Patienten durften zum benachbarten Bauern, dieser wurde als Gegenleistung gratis behandelt. „Dieser Zeitdruck bei der Praxiseröffnung ist auch heute noch ein Manko für Neueinsteiger.“ Ein auf Ärzte spezialisierter Steuerberater, der mittlerweile selbst seinen wohl verdienten Ruhestand angetreten hat, hat sich der jungen Ärztefamilie angenommen und die Geschäfte in die richtige Bahn gelenkt. Mit seiner Hilfe ließ sich eine Parifizierung des bebauten Grundstücks herstellen, sodass die finanzielle und steuerliche Situation bald im Griff war. Damals war in manchen Bundesländern Usus, dass Arztehepaare unter einem Kassenvertrag gemeinsam arbeiten konnten. Nicht so in der Steiermark. Als nach dem zweiten Abrechnungsquartal mit der Steirischen Gebietskrankenkasse ein amikales Gespräch ins Haus stand, in dem diese Arbeitsweise kategorisch ausgeschlossen wurde, sah man sich dieser Illusion einer Praxisgemeinschaft beraubt. „Das war schon ein Schock, weil unsere ganze Arbeitsteilung über den Haufen geworfen wurde“, so Christiana Gungl, die aufgrund dieser Vorfälle beschlossen hat, ein neues medizinisches Tätigkeitsfeld im kassenfreien Raum zu erschließen und nun vor allem Homöopathie und psychotherapeutische Medizin anbietet. „Gerade die Psychotherapie gewinnt im ländlichen Raum zunehmende Akzeptanz, nicht zuletzt weil die Verrechnungsmöglichkeiten mit den Kassen gegeben sind.“ Vor einigen Jahren flackerte mit den gesetzlichen Rahmenbedingungen für Gruppenpraxen ein Lichtlein am Horizont, allerdings mit nach wie vor keiner befriedigenden Lösung in der Steiermark. Nach abermaligen amikalen Gesprächen bei der Gebietskrankenkasse, die eine beim besten Willen in bestimmten Zeiten nicht vermeidbare „Parallelarbeit“ bei Praxisvertretung beklagte, wird heute nur noch Vertretungstätigkeit von Christiana Gungl bei Abwesenheit des Kassenvertragsinhabers Peter Gungl ausgeübt. „Obwohl es durch Parallelarbeit zu keiner Leistungsexplosion, sondern nur zu einem verbesserten Service für die Patienten kommen würde, stellt sich die Kasse auf Stur“, beklagt er sich. „Was uns speziell am Anfang Probleme bereitet hat, war die Auswahl und die Führung des Personals“, so Christiana Gungl. Dies wird unter anderem damit begründet, dass in Österreich das Berufsbild der Arztassistentin fehlt. Hier wäre eine Orientierung an den europäischen Nachbarländern gefragt, denn die damals angebotenen Kurse der Ärztekammer waren keine wirkliche Hilfe. „Die Damen hatten großen Schulungsbedarf, und wenn sie dann eingelernt waren, kamen Ausfälle durch Schwangerschaft. Mittlerweile hat sich mit zwei Perlen alles zu unserer Zufriedenheit eingespielt.“

Dispensierrecht gewünscht

Die Hausapotheken stehen bei vielen Ärzten in seiner Umgebung auf wackeligen Beinen. „Man weiß nie genau, welche Gesetzesänderungen in den kommenden Jahren kommen werden.“ Seit Gungls Niederlassung hat sich nämlich die Lage einige Male geändert. Derzeit gibt es ein Ansuchen für eine öffentliche Apotheke in Kirchberg, durch die gesetzlichen Übergangsbestimmungen ruht jedoch dieses Verfahren derzeit. Einem Dispen­sierrecht für Ärzte steht er jedenfalls positiv gegenüber: „Für Ärzte, Patienten und Sozialversicherung wäre das eine sehr gute Sache, mir persönlich gefällt beispielsweise das im vergangenen Herbst vorgestellte Konzept Medikamentenmanagement ausgezeichnet.“ Mit der Betreuung des Steuerberaters war die Familie Gungl sehr zufrieden. Man hat sich durch seine Tipps auch das gefürchtete Steuerloch erspart, da er immer stark auf die Finanzbremse getreten ist und die Familie über den wirklichen Verdienst am Laufenden gehalten hat. Das war auch einer der Gründe, warum man nur über Jahre verteilt und schrittweise investiert hat. Die Belastung am Anfang durch Hauskauf und Vorfinanzierung der Hausapotheke war ohnehin groß genug. So konnte man zunächst auf den Einsatz einer EDV-Anlage verzichten. Der Umbau der Ordination war vorrangig. Mit der Zeit hat man auch gelernt, wie man mit Geschäftspartnern umgehen muss. Allein bei der Hausapotheke im Einkauf liegt viel Geld. „Man muss nur ständig dahinter sein und die ausgemachten Bedingungen auch überprüfen.“ Bei der Auswahl der EDV, die Anfang der Neunzigerjahre etabliert wurde, hat man auch wenig dem Zufall überlassen. Zahlreiche Besuche bei Kollegen zum Studium von deren Software gaben den Ausschlag für ein System, das nun bereits über 15 Jahre zufriedenstellend läuft. „Da es ein System ist, welches auch von einigen Nachbarkollegen verwendet wird, ergaben sich nicht selten Synergien und Kosteneinsparungen bei Updates, Firmenservice oder problemloser Austausch fehlerhafter Update-Disketten. Mittlerweile sind die Schulden der großen Anfangsinvestitionen aufgrund der vorsichtigen und soliden Finanzierungen beglichen.“ Was Peter Gungl Kopfzerbrechen bereitet und die Arbeitsbedingungen von Ärzten und Angestellten empfindlich belastet, ist die in den vergangenen Jahren rasant angestiegene Bürokratiebelastung. Auch er hat zwischen drei und fünf ABS-Fälle pro Tag, die er selbst bearbeitet. Was er auch für „gerade noch im Rahmen“ hält. Doch auch er braucht jeweils mehrere Minuten pro Fall, was sich an einem Tag leicht auf eine halbe Stunde aufsummieren kann. „Gerade die ABS-Fälle sind eher komplex aus Sicht der Krankheitsbilder. Oft kommen Patienten mit langen Listen von Vormedikation, die ein Medikament wirklich brauchen, was einen erheblichen Dokumentationsaufwand bedeutet.“ Er wünscht sich jedenfalls mehr Druck seiner Standesvertretung bei der Durchsetzung von Wünschen der Ärzteschaft im Sinne ihrer Patienten. „Gerade im Bereich von Jobsharing gibt es Modelle, die sicherlich der Sozialversicherung nicht schaden, für den Patienten aber große Vorteile bringen würden.“ So denkt er auch bereits wie viele seiner Kollegen an den Antritt des Ruhestandes in etwa einem Jahrzehnt, der mit Hilfe von geeigneten Übergabemodellen sicherlich einfacher anzugehen wäre. Nachdem sich die finanzielle Situation entspannt hat, kann man auch etwas mehr über die Zukunft nachdenken. Im Bereich der Pensionsvorsorge verlässt man sich nur teilweise auf die Zusatzleistung der Ärztekammer. Einige umwandelbare Lebensversicherungen sind auch am Laufen, von Aktien oder Investmentfonds hält er aus ethischen Erwägungen wenig. „Wenn man in seiner Lebensführung nicht den Boden unter den Füßen verliert“, kann mit einer Hausapotheke wirtschaftlich auch nicht viel schief gehen. „Es ist uns bewusst, dass es uns dadurch besser geht als vielen gleich hart arbeitenden KollegInnen im städtischen Bereich.“ Selbst für die mittlerweile im Studium befindlichen Kinder wurde bereits vor Jahren rechtzeitig vorgesorgt. Obwohl beide Ärzte voll arbeiten und eine Hausapotheke am Land betrieben wird, schätzt man heute eine Lebensqualität, die speziell zu Beginn nicht immer selbstverständlich war. „Nach den ersten Jahren war ich am Rande des Burn-out“, berichtet Gungl. Drei Dinge haben ihm bei der Vermeidung geholfen. Zum einen die Selbsterfahrung im Rahmen der Psychosomatikausbildung, dann die kollegiale Supervision im Rahmen einer langjährigen Balintgruppe und schließlich das Freihalten von Zeit, „was fast nur durch konsequentes Nein-Sagen zu vielen öffentlichen Anforderungen zu erreichen ist“. Dies nützt er für ein Hobby, welches fast schon zu einem „zweiten Leben“ geworden ist.

Ausgleich gefunden

Er hat sich ein kleines Atelier in seinem Haus eingerichtet und die anfänglich sporadischen Malversuche mittlerweile derart ausgebaut, dass er bereits mehrfach Ausstellungen durchführte. „Mit zunehmendem Alter der Kinder wurde es auch immer leichter, mir den zeitlichen Freiraum zu schaffen.“ Seine „Kritiker“ bescheinigen ihm eine interessante künstlerische Entwicklung. Für ihn ist die bildende Kunst ein geeigneter Weg, den Stress des Ordinationsalltags abzubauen und dadurch gerne Arzt zu sein.

Michael Dihlmann, Ärzte Woche 26/2007

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