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Allgemeinmedizin 5. Juni 2007

Europäische Synergien nutzen

Auf Ebene der EU geht es nicht nur um den Austausch von Waren, sondern auch von medizinischem Fachwissen und Erfahrungen bzw. Spezialwissen aus den jeweiligen Ländern.

„Ungleiche Verfügbarkeit von Gesundheitsdiensten in der EU muss ein Ende haben“, betont EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou. EU-Bürger sollen künftig leichter in ein Krankenhaus oder zu einem Arzt in anderen Mitgliedstaaten gehen können. Weiters geht es um die Schaffung einheitlicher Qualitätsstandards. Diese Ziele haben die EU-Gesundheitsminister und die Europäische Kommission kürzlich in Aachen diskutiert. „Wir wollen Patienten und Ärzten für die Gesundheitsversorgung in anderen Mitgliedstaaten mehr Rechtssicherheit verschaffen“, so Kyprianou, der konkrete Vorschläge bis Jahres­ende ankündigte.
„Es ist sicher ein wichtiges Thema, sollte aber nicht überbewertet werden“, meint Dr. Jörg Pruckner, der derzeitige Präsident der E.A.N.A, der europaweiten Organisation der niedergelassenen Ärzte. „Durch ihre Lebensgeschichte und ihren Wohnort ist die Mehrzahl der Menschen auch bei der gesundheitlichen Betreuung an eine Region gebunden.“ Besonderen Stellenwert hätte dabei die Sprache und das Vertrauensverhältnis, das gerade bei den Hausärzten über Jahre aufgebaut wird.
Dr. Reiner Brettenthaler, Vertreter der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) im Ständigen Ausschuss Europäischer Ärzte (CPME), der Dachorganisation europäischer Ärzte in Brüssel, sieht das prinzipiell ähnlich. „Es gibt Regionen wie etwa Wien oder Nieder- und Ober­österreich, wo etwa bei der Zahnmedizin Patientenmigration zu beobachten ist. Aber letztlich geht es immer um planbare gesundheitliche Maßnahmen bzw. um eher kurzfristige Behandlungen.“
Mag. Renate Burger weist darauf hin, dass einige medizinische Behandlungen in Nachbarländern um bis zum Faktor acht billiger sind und damit zusätzliche Defizite bei den heimischen Krankenkassen bewirken könnten. Besonders betroffen wären etwa die östlichen Regionen Österreichs, und nicht nur im Bereich der Zahnmedizin, denn sie teilen lange Grenzen mit Mitgliedstaaten, in denen das Preis- und Lohnniveau sehr viel niedriger ist.

Wohnortnahe Versorgung

Burger ist Geschäftsführerin der Firma „Gesundheitsmanagement“, die das Projekt „healthregio“ (www.healthtregio.net) entwickelte. Ziel des unter anderem mit EU-Mitteln geförderten Projekts ist eine Institutionalisierung grenz­überschreitender Zusammenarbeit in Zentraleuropa zur Optimierung der Versorgungsstruktur. Schwerpunkt dabei ist eine möglichst rasche, qualitativ hochwertige und wohnortnahe Versorgung der Bürger. „Es ist viel die Rede davon, dass alle Bürger der EU gleiches Recht auf adäquate Gesundheitsbehandlung haben – die Realität sieht oft anders aus, da eine EU-weite Gesundheitsversorgung derzeit noch nicht für alle leistbar bzw. finanzierbar ist“, so Burger. Auch die wirtschaftlichen Konsequenzen von Patientenmigration in Europa würden viel zu wenig ernst genommen.
„Es geht auch um die Potenziale, die eine engere Zusammenarbeit bringen würden“, betont Burger. Gerade in Grenzregionen ginge es darum zu erarbeiten, wie vorhandene Ressourcen besser gemeinsam genutzt werden können. Insgesamt gezielter gefördert werden müsste auch der Erfahrungs- und Informationsaustausch. Durch die Arbeit der CPME ortet Brettenthaler zumindest in diesem Bereich immer wieder Akzente. Burger verweist auf Pilotprojekte im Grenzraum Niederösterreich und Südböhmen, wo derzeit Möglichkeiten der intensiveren Kooperation im stationären Bereich geprüft werden.
Im Stadium der Mittelaufbringung gibt es ein weiteres durch „healthregio“ initiiertes Projekt: eine Stelle, die sich der Fragen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit auch aus wissenschaftlicher Sicht annimmt bzw. Kooperationen in allen Bereichen des Gesundheitswesens gezielt unterstützt. „Dabei geht es auch um die Überwindung rechtlicher Hürden“, so Burger.

Heimische Patienten – heimisches Personal

Die Brisanz dieser Problematik verdeutlicht auch ein Projekt in Simbach, wo eine Spitalskooperation im psychosomatischen Bereich geplant ist, es derzeit aber insofern Probleme gibt, als nach aktuellem österreichischen Recht heimische Patienten nur durch heimisches Personal betreut werden dürften.
„Grenzüberschreitende Projekte können ein wichtiger Beitrag zur Lösung spezifischer rechtlicher Fragestellungen sein, zum effizienten Einsatz vorhandener finanzieller, struktureller sowie personeller Mittel der Nationalstaaten und zur Nutzung von Erfahrungen sowie Fachwissen beitragen“, betont Burger.

Verantwortung der Staaten

„Die ÖÄK begrüßt grenzüberschreitende Zusammenarbeit und europäische Projekte – aber das darf nicht bedeuten, dass die einzelnen Staaten aus ihrer Verantwortung entlassen werden, substantielle Beiträge zu einer qualitativ hochwertigen medizinischen Versorgung zu leisten“, unter­streicht Brettenthaler. Schon jetzt gäbe es Kooperationen etwa im Bereich der Weiterbildung bzw. bei Bestrebungen, dass Aus- und Fortbildungen gegenseitig anerkannt werden. „Dazu leistet auch das CPME immer wieder Beiträge, so wird es unter anderem 2008 bei der Europäischen Gesundheitstagung in Bad Gastein einen Tag zum Thema Präventivmedizin in Europa geben“, so Brettenthaler. Er verweist auch auf gemeinsame Forschungsaktivitäten, die durchaus intensivierbar wären.
Auch Pruckner sieht viele Potenziale in verstärkten Kooperationen auf europäischer Ebene: „So könnte eine Stelle geschaffen werden, die wissenschaftliche Erkenntnisse aus verschiedenen Ländern zusammenführt oder deren Evidence based Guidlines.“ Von Kyprianous Vorstellung europäischer Behandlungsleitlinien hält er wenig: „Sie können in gewisser Weise eine Orientierung bringen, aber das individuelle Eingehen auf den ganz konkreten Patienten in seinen Lebensumständen vor Ort und seinen spezifischen Symptomen muss im Vordergrund stehen.“ Von Seiten der E.A.N.A. wird das Ziel verfolgt, niedergelassene Ärzte bei ihrem eigenständigen Handeln zu unterstützen, „diese Freiberuflichkeit muss durch gesundheitspolitische Rahmenbedingungen gefördert und nicht ständig behindert oder in zu enge Korsette von Reglementierungen gepresst werden“, betont Pruckner.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 23/2007

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