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Allgemeinmedizin 31. Mai 2007

Viele Asthmatiker bleiben unbehandelt

Asthma wird nach wie vor oft verharmlost und nicht rechtzeitig erkannt, was fatale Folgen haben kann. Experten setzen auf Früherkennung und eine integrierte Versorgung, die auch Schulungsprogramme für Ärzte und Patienten beinhaltet.

32 Millionen Menschen in Europa sind von Asthma betroffen – aber viele werden nicht adäquat betreut. Diese Aussage ist Teil der „Brüsseler Erklärung“, einem 10-Punkte-Maßnahmenplan, um den Status quo zu ändern und Asthma eine politische und medizinische Priorität zu verleihen. Die Erklärung enthält die wesentlichsten Punkte des „Summit for Change in Asthma Management“ (www.summitforchange.eu) im Oktober 2006 – ein Treffen führender Spezialisten auf Europaebene. Nun wurde nochmals eine Umsetzung dieser Punkte und damit eine deutliche Aufwertung der Asthmabehandlung gefordert.
Prim. Dr. Norbert Vetter, Leiter der 2. Internen Lungenabteilung des Sozialmedizinischen Zentrums Baumgartner Höhe in Wien, sieht diesen Plan als Chance und gleichzeitig Herausforderung auch für Österreich: „Viele Asthmapatienten werden überhaupt nicht oder viel zu spät diagnostiziert.“

Zusammenhang zwischen Allergien und Asthma

Ähnlich sieht das Otto Spranger, Sprecher der Österreichischen Lungenunion, der österreichweiten Selbsthilfegruppe für Atemwegs- und Lungenerkrankungen: „Worauf auch momentan zu wenig geachtet wird, ist der enge Zusammenhang zwischen der rasch wachsenden Zahl der Allergien und Asthma: Fast 40 Prozent aller Allergiker entwickeln auch Asthma.“ Er weist auch auf aktuelle Analysen hin, nach denen nur etwa ein Fünftel der Asthmatiker eine adäquate Behandlung bekommen – „dabei verursacht diese Krankheit hohe Kosten für das gesamte Gesundheits- und auch Sozialwesen“, so Spranger. Diese Kos­ten steigen, je später die Krankheit erkannt wird – und sind dann besonders hoch, wenn sie überhaupt nicht adäquat behandelt wird.
Einen Grund für die aktuellen Mankos in der Asthmaversorgung ortet Prof. Dr. Günter Forche, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, darin, „dass es erst in den letzten Jahren große Studien zu dieser Erkrankung gegeben hat.“ Auch diese Studien würden deutlich zeigen, dass ein großer Teil der Menschen mit Asthma nicht ausreichend behandelt oder deren Krankheit überhaupt nicht diagnostiziert wird.
Sowohl bei der Forschung wie auch der Behandlung wird erst seit kurzem der Fokus auf die Lebensqualität von Asthmapatienten gelegt. „Es geht eben nicht nur um einen Lungenfunktionstest, auch wenn dieser etwa als Beitrag zur Früh­erkennung von COPD Teil der Vorsorgeuntersuchung sein sollte.“ Aus Forches Sicht müsste es genauso um Faktoren wie Kurzatmigkeit oder Probleme beim Nachtschlaf gehen sowie um die gesamte Lebensqualität. Ein gutes Instrument zur frühen Diagnose von Asthma ist für Forche dabei der Asthma-Kontrolltest (ACT – auch online verfügbar unter www.asthmatest.at). Dieser würde auch darauf Rücksicht nehmen, dass Phänomene wie Kurzatmigkeit teils in Schüben auftreten und dazwischen eine Besserung eintritt – dieser Verlauf führt aus Sprangers Erfahrung auch immer wieder dazu, dass Medikamente und therapeutische Maßnahmen viel zu früh abgesetzt werden.
Für Forche ist nun die Sensibilisierung der Öffentlichkeit wichtig: Also auch eine Achtsamkeit von Ärzten gegenüber Symptomen wie eben Kurzatmigkeit, Engegefühle in der Brust und allergische Reaktionen.

Zusätzliche Fortbildung für Allgemeinmediziner

Auch aus Vetters Sicht wäre eine zusätzliche Fortbildung für Allgemeinmediziner wichtig, die meist die erste Anlaufstelle sind. Besonders liegt ihm die bessere Etablierung der Patientenschulung am Herzen: „Das müsste natürlich auch entsprechend honoriert werden. Hier ist also ganz klar die Gesundheitspolitik gefragt bzw. die Sozialversicherungen.“ Vorstellbar wäre eine ähnliche Vorgangsweise wie etwa bei der Betreuung von Menschen mit Diabetes. Also eine Einstellung durch Facharzt oder ein spezialisiertes Zentrum sowie eine weitere Betreuung durch niedergelassene Ärzte, wobei es auch Einzel- und Gruppenschulungen gibt. Die Erfahrungen bei Diabetes seien bei diesem integrierten Vorgehen ja sehr gut, „es geht neben dem optimalen Einsatz der Medikamente und Therapien auch sehr stark um die konkrete Gestaltung des Lebensstils“, betont Vetter. Daher müsse auch die Beratung in diesem Bereich intensiviert werden, die Investitionen würden sich aber sehr schnell bezahlt machen.

Manko in der Rehabilitation

Für Spranger würden Gruppenschulungen auch den wichtigen Aspekt des Erfahrungsaustausches fördern – er wünscht sich dabei eine enge Vernetzung mit den Selbsthilfegruppen und eine Einbindung ihrer Erfahrungen.
Mankos in der Versorgung von Asthmapatienten ortet Spranger in Hinblick auf die Rehabilitation: „Es gibt zwar einige spezialisierte Zentren, zu diesen wird aber oft sehr spät zugewiesen und der Effekt – das zeigen auch einige aktuelle Studien – der Kuren verpufft oft nach viel zu kurzer Zeit.“ Spranger wünscht sich daher Maßnahmen zur ambulanten Rehabilitation, die viel früher ansetzen könnte und stärker auf die konkreten Lebensumstände der Betroffenen abgestimmt sein könnte.
Mankos in der Rehabilitation ortet Forche insofern. „als es in den Anstalten der Sozialversicherungen zwar viele renommierte Spezialisten für Kardiologie, aber viel zu wenige für Pulmologie gibt – hier müsste ebenso ein Schwerpunkt gesetzt werden, der auch entsprechend personelles und strukturelles Gewicht bräuchte.“

 10 Punkte gegen Asthma

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 22/2007

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