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Allgemeinmedizin 22. Mai 2007

Komatrinken ist kein neuer Trend

In der medialen Hysterie um Jugendliche, die sich ‚ins Koma saufen’, drohen seriöse Ansätze zur Prävention von Alkoholmissbrauch unterzugehen.

„Schon aus der Vorkriegszeit gibt es Berichte über Jugendliche, die sich bei Volksfesten gezielt an die Grenze der Bewusstlosigkeit gesoffen haben und für heftigste Raufereien und Vandalenakte verantwortlich waren“, blickt Dr. Alfred Uhl, Leiter der AlkoholKoordinations- und InformationsStelle (www.api.or.at/akis) am Wiener Anton-Proksch-Institut und Forscher am Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung zurück.
„Kinder kommen deutlich früher in die Pubertät, sowohl körperlich gesehen als auch auf der sozialen Ebene – unter anderem gehen sie deutlich früher alleine weg“, so Uhl weiter. Heute 14-Jährige würde in vielen Bereichen 17-Jährigen vor 20 Jahren entsprechen.

Früherer Beginn, veränderte Frequenz

Entsprechend früher erfolgt der Erstkontakt mit legalen und illegalen Drogen: „Heute beginnen Kinder teils im Alter von zwölf Jahren damit, Alkohol zu konsumieren“, ergänzt Prof. Dr. Michael Musalek, ärztlicher Leiter des API. Verändert hätte sich auch die Frequenz, mit der alkoholische Getränke konsumiert werden, auch weil diese leichter verfügbar sind oder Jugendliche über mehr Geldmittel verfügen.
Uhl betont aber, „dass in den letzten 30 Jahren der Alkoholkonsum insgesamt um etwa 20 Prozent zurückgegangen ist und exzessives Trinken bzw. resultierendes auffälliges Verhalten weit weniger toleriert wird.“ Alkohol sei aber nach wie vor eine ‚Alltagsdroge’, die oft verharmlost würde – im Querschnitt konsumieren 16 Prozent der Bevölkerung gesundheitlich bedenkliche Mengen Alkohol und im Laufe des Lebens erkranken zehn Prozent an Alkoholismus.

Kultur des Gläschens in Ehren

„Man sollte aber nicht vergessen, dass fast alle Österreicher zumindest gelegentlich Alkohol trinken, dass die überwiegende Mehrheit mit Alkohol adäquat umgehen kann und den Alkoholkonsum als positiven Bestandteil ihres sozialen und kulturellen Lebens empfindet“, meint Uhl.
„Jahrelang wurde weggesehen, wenn Jugendliche massiv dem Alkohol zugesprochen haben, es schien normal, dass bei Festen 12-Jährige sich mit Alkohol eindeckten und Zeichen eines Rausches sichtbar waren“, analysiert Prim. Dr. Reinhard Haller. Der Facharzt für Psychiatrie ist Chefarzt der Stiftung Maria Ebene, die viele Aktivitäten in der Suchtprävention setzt, und Leiter des Vorarlberger Projekts „Mehr Spaß mit Maß“ (www.spassmitmass.at), das unter anderem mit Mitteln des Fonds Gesundes Österreich finanziert wird. „Dieses läuft seit über drei Jahren – zentrales Thema ist der Alkoholmissbrauch von Jugendlichen und dessen Prävention. Durch unsere Aktivitäten hat sich die Sensibilität der Bevölkerung verändert.“ Warum jetzt eine regelrechte Jagd auf Jugendliche mit hohen Promillewerten eingesetzt hat, kann sich der Fachmann nur so erklären: Die Zeitungen wollen ihre Sensationsmeldungen.

Begriffsverwirrung: Binge, Rausch und Komatrinken

Für Uhl ist ein weiteres Problem bei der aktuellen Diskussion, „dass konkrete Zahlen über ‚Komatrinken’ fehlen“. Kritisch sieht er, dass Statistiken über „Binge Drinking“ oder „Rausch“ durchwegs mit „Komatrinken“ gleichgesetzt würden. Beim „Binge Drinking“ müssen nicht einmal 0,5 Promille Alkoholspiegel erreicht werden, und ein „Rausch“ kann auch nur ein leichter Schwips sein, während „Komatrinken“ bis zur Bewusstlosigkeit führt. „So wird das Ausmaß des Problems enorm überschätzt“, meint Uhl.
Aus der Sicht von Haller handelt es sich „um einen europaweiten Trend. Wir müssen allerdings differenzieren. Wenn junge Erwachsene betroffen sind, geht es meist um Missbrauch und nicht um Sucht.“ Aus Hallers Sicht wäre es generell auf Europaebene wichtig, einen maßvollen Umgang mit Alkohol zu propagieren. „Gleichzeitig muss aber auch für den Trend sensibilisiert werden, dass Jugendliche immer früher zur Flasche greifen und dies auch Folgewirkungen hat: in Form von häufigeren Unfällen oder Gewalttaten und damit öfteren Spitalsaufenthalten. Dabei darf das Thema Komatrinken nicht ausgespart werden. Hier ist auch Zivilcourage gefragt: eingreifen und nicht wegschauen.“

Vollrausch zum Dumpingpreis

Haller ist sich mit Uhl einig, dass gegen das Komatrinken leicht Maßnahmen gesetzt werden könnten. Angefangen bei der Gewerbeordnung, „um Angebote wie ‚drei Tequilas zum Preis von einem’ in den Griff zu bekommen“.
Ähnlich sieht das Benedikt Walzel, Jugendsprecher der PfadfinderInnen Österreichs, der selbst Jugendgruppen leitet: „Alkoholische Getränke werden sehr oft zu Dumpingpreisen angeboten, auch die Werbung zielt stark auf Jugendliche ab.“ Walzel hält hier Restriktionen ähnlich wie bei der Tabakwerbung für zielführend. „Natürlich sind auch bewusstseinsbildende Maßnahmen für Jugendliche sinnvoll.“ Walzel würde Investitionen in diese Richtung deutlich vernünftiger finden als beispielsweise das von Gesundheitsministerin Kdolsky vorgeschlagene „Farbkartensystem“, zur Altersbestimmung der KonsumentInnen.

Jugend unter Druck

„Wichtig wäre zudem die Förderung von Räumen, in denen Jugendliche ihre Interessen verbalisieren und umsetzen können“, betont Walzel. Wesentliche Ursachen für übermäßigen Alkoholkonsum sind aus seiner Erfahrung zunehmend starker und kontinuierlicher Druck in Schule und Ausbildung, Perspektivlosigkeit sowie oft das Fehlen von Vertrauenspersonen, um anstehende Entscheidungen oder Probleme besprechen zu können.
„Auch Hausärzte könnten im Bereich der Suchtprävention Jugendlichen durch jugendgerechte Aufklärung helfen“, ergänzt Walzel. Uhl sieht ebenfalls niedergelassene Allgemeinmediziner als wichtige Personen, um Alkoholprobleme in Familien sehr früh erkennen und diese konkret ansprechen zu können. Gerade Allgemeinmediziner könnten sich zudem z.B. über eine Kooperation mit Suchtberatungsstellen und Suchtbehandlungseinrichtungen konstruktiv in Prävention und Therapie einbringen.

Mankos in der Finanzierung von Behandlungsmöglichkeiten

Uhl weist darauf hin, dass es in Österreich bei der Finanzierung ambulanter Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Alkoholproblemen und speziell bei Angeboten für Jugendliche große Mankos gibt. Psychiater Haller fordert, „dass es nicht bei medizinischen Akutinterventionen bleiben sollte, wenn jemand stark alkoholisiert ins Spital eingeliefert wird, sondern dass auch nachgehende Behandlungs-, Begleitungs- und Beratungsangebote angeboten werden sollten, gerade auch für die Eltern“.
Es könnte deutlich mehr in Angebote wie Streetwork investiert werden, um so vor Ort Akzente zu setzen. Alle Gesprächspartner sind sich einig, dass es auch darum geht, die Bestimmungen des Jugendschutzgesetzes tatsächlich umzusetzen. Eine Voraussetzung ist für Uhl dabei, dass „die Regelungen in Österreich vereinheitlicht werden. Ähnlich wie bei Nikotin sollte die Altersgrenze generell bei 16 Jahren angesetzt werden. Nur einfache Bestimmungen lassen sich leicht kommunizieren und durchsetzen.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 21/2007

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