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Allgemeinmedizin 5. Juli 2007

Keine Lösungen am Pflegehorizont

Die Ärzteschaft fordert einen grundsätzlichen Reformprozess anstatt einer Regelung, die keine Qualitätsverbesserungen bei der Pflege bringen wird und die nur einem Bruchteil der Menschen zugänglich ist.

„Die aktuelle Regelung (siehe Kasten) ist in keiner Hinsicht ein Schritt in die Zukunft“, kritisiert der Allgemeinmediziner Dr. Otto Pjeta, der sich mit dem Thema der Pflege auf Ebene der Österreichischen Ärztekammer schon seit Jahren beschäftigt. „Die Diskussion stand und steht unter der Überschrift 24-Stunden-Pflege – aber eigentlich müsste es um sehr unterschiedliche Betreuungs- und Pflegeleistungen gehen“, legt Dr. Klaus Voget, Präsident des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, nach. Besonders stört ihn, dass Betroffene, zu denen oft auch Menschen mit Körperbehinderung gehören, überhaupt nicht in die Diskussion oder die Realisierung der Regelung zum „Hausbetreuungsgesetz“ einbezogen wurden.
„Was fehlt, ist eine grundsätzliche Entscheidung: Ob Pflegebedarf ein solidarisch abzusicherndes Risiko sein soll“, kommentiert Dr. Karl Krajic vom Ludwig-Boltzmann-Institut für Medizin- und Gesundheitssoziologie in Wien. Das Pflegegeld würde diese Anforderung nur sehr bedingt erfüllen und auch das Hausbetreuungsgesetz würde keine wirkliche Veränderung bringen. Auch Voget sieht ungelöste Grundprobleme: „Nach wie vor wird viel Geld in Großheime investiert, anstatt in die konsequente Förderung kleiner ambulanter Strukturen im dezentralen Raum, Wohngemeinschaften und betreubares Wohnen, das seinen Namen verdient.“
„Aus der Sicht der Ärzteschaft ist vor allem auch zu kritisieren, dass sich letztlich keinerlei Veränderung in der Qualität der Leistung ergibt“, ergänzt Pjeta. Verändert werden eigentlich nur die Rahmenbedingungen, die eine Beschäftigung einer „Pflegerin“ ermöglichen. „Nicht einmal hier gibt es Verbesserungen: Denn mit der Regelung, dass nur gefördert wird, wer kein Barvermögen mit mehr als 5.000 Euro hat, wird der Großteil der Betroffenen selbst zahlen müssen.“ Aus Vogets Sicht wird damit gleichzeitig das wichtige Prinzip der Selbstbestimmung mit Füßen getreten.

Pflichtleistung der Sozialversicherung

„Eigentlich wäre die medizinische Hauskrankenpflege ja eine Pflichtleistung der Sozialversicherung“, meint Krajic. Das sieht auch Pjeta so und fordert als einen möglichst unmittelbaren Schritt den konsequenten Auf- und Ausbau dieser Leistung: „Sie müsste flächendeckend, mit sehr geringen Wartezeiten und auch am Wochenende verfügbar sein.“ Zudem bräuchte es differenzierte mobile Unterstützungsmöglichkeiten in Form von Haushalts- und Heimhilfe. Letztlich geht es oft um die Unterstützung und Begleitung im ganz banalen Alltag. Hier könnten auch Nachbarschaftshilfe gefördert bzw. die hohe Zahl jener Senioren genutzt werden, die selbst noch sinnvolle Tätigkeiten leisten wollen.
„Es muss sehr klar geregelt sein, wer welche Bereiche abdecken kann, und es braucht Anlaufstellen, die bei der Organisation der mobilen Dienste unterstützen“, fordert Pjeta. Ein gutes Beispiel ist Dänemark: Hier muss jede (!) Gemeinde eine 24-Stunden-Betreuung sicherstellen. Nach einem Asessement wird ein multiprofessionelles Team tätig, das auch mit den niedergelassenen Ärzten kooperiert. Finanziert wird dieses Angebot aus Steuergeldern. „Nötig wäre das Umschichten von Mitteln aus dem stationären Akutbereich, der derzeit oft zu Fehlversorgung führt; für Investitionen in den Umbau des Systems geht es wohl auch um die Lukrierung von Mitteln etwa aus der Besteuerung von Vermögen“, meint Krajic. Es gehe auch um die Umschichtung von qualifiziertem Personal: Im stationären Akut-Bereich sind derzeit etwa 44.000 diplomierte Pflegekräfte tätig, im extramuralen Feld sind es nicht einmal 1.600. Auch hier müsste die „Auslagerung stationärer Tätigkeiten“, die noch dazu einen großen Teil der finanziellen Ressourcen binden. mehr als ein Lippenbekenntnis sein.

 Fakten

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 27/2007

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