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Allgemeinmedizin 29. August 2007

Public Health heißt Gesundheit für alle

Bei der medizinischen Betreuung von Menschen aus anderen Ländern sind Fehl- und Mehrfachverordnungen keine Seltenheit. Eine sensible Vorgangsweise könnte das verhindern.

„In unserer Beratungsarbeit treffen wir auf MigrantInnen, die mit ihren Problemen zu mehreren Ärzten gehen, weil sie sich aufgrund von bereits gemachten negativen Erfahrungen nicht sicher sind, ob sie wirklich verstanden wurden“, berichtet Mag. Kathleen Löschke, Psychologin und stellvertretende Leiterin des Wiener Frauengesundheitszentrums F.E.M. Süd. Dorthin kommen MigrantInnen teils mit ganzen Einkaufstaschen voller Medikamente, die ihnen von verschiedenen Ärzten verschrieben wurden – „oder sie berichten ganz selbstverständlich, dass sie etwa Antibiotika schon seit Jahren nehmen“.
Probleme in der gegenseitigen Verständigung führen zudem immer wieder zu unnötig langen Spitalsaufenthalten. Die Schwierigkeiten, im Krankenhaus oder beim niedergelassenen Arzt differenzierte Angaben über die Symptome zu machen, kann mitunter auch dazu führen, dass die geistigen Fähigkeiten von MigrantInnen gering geschätzt werden. „Viele warten, bis sie etwa Schmerzen nicht mehr aushalten, bis sie zum Arzt gehen – oft stellen sich dann sehr vielschichtige medizinische und soziale Probleme heraus“, berichtet Dr. Kaan Akmanlar. Der Allgemeinmediziner ist an der Herzchirurgie der Landeskliniken Salzburg tätig und war medizinischer Leiter des Projekts „GeNeM – GesundheitsvorsorgeNetz für MigrantInnen“, bei dem die Gesundheitssituation von türkischen Migranten im Mittelpunkt stand.
Ein Problem sieht Akmanlar darin, dass Befunde und ihre Bedeutung oft viel zu wenig erklärt werden. „Ein einmaliges längeres Gespräch kann hier schon sehr viel bewirken und auch die Vertrauensbasis stärken“, so Akmanlar. Dabei sollte im Bedarfsfall auch auf Übersetzer zurückgegriffen werden, die nicht aus der Familie kommen: Verwandte geraten leicht in Interessenkonflikte. Die dadurch entstehende Vertrauensbasis könnte dazu beitragen, dass die gerade in dieser Bevölkerungsgruppe starke Inanspruchnahme von Spitalsambulanzen reduziert wird, die oft auch damit zusammenhängt, dass kein Ansprechpartner vor Ort gefunden werden konnte.

Das System erklären

„Ein wesentlicher Schritt wäre, in der Herkunftssprache die Funktionsweise des heimischen Gesundheitssystems zu erklären, also die Rolle des Hausarztes als erster Ansprechpartner und Koordinator, die Rolle der Fachärzte, und dass erst dann der Gang ins Spital kommt“, meint Dr. Anne-Marie Miörner-Wagner, Vorsitzende des Grazer Vereins „Omega“. Dieser setzt verschiedene Projekte für und mit Migranten um und arbeitet eng mit der Marien­ambulanz der Caritas in Graz zusammen, die auch für Menschen ohne aufrechte Krankenversicherung – mindestens 160.000 Personen in Österreich – zugänglich ist.
Das Problem dabei ist, so berichtet Miorner-Wagner, dass für solche und ähnliche Beratungsangebote – wenn überhaupt – nur projektbezogen finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. „Es gibt in Österreich einige Beispiele, wie Gesundheitsprojekte und die grundlegende medizinische Versorgung von Mi­grantInnen aussehen kann“, meint Löschke. In Zusammenarbeit mit der Magistratsabteilung 17 für Integrations- und Diversitätsangelegenheiten führt das F.E.M. Süd Gesundheitsinformationsveranstaltungen in zahlreichen Sprachen in Vereinen, Moscheen und Institutionen durch. „Hier setzen wir auf Mehrsprachlichkeit und gerade bei den Elementen, wo es um Kochen oder Fitness geht, auf gemischte Gruppen“, betont Löschke. Beim Thema Gewicht ist oft das Erreichen eines besseren Körpergefühls das Ziel und nicht unbedingt eine Reduktion von Kilogramm. Löschke ist sich mit Akmanlar einig, dass möglichst viele gesundheitsfördernde Projekte auch Elemente speziell für MigrantInnen enthalten müssten. „Umgesetzte Public Health bedeutet eben das Ansprechen der gesamten Bevölkerung, mit all ihren verschiedenen kulturellen und sprachlichen Hintergründen“, ergänzt Miorner-Wagner.
Ein zentraler Teil müsste auch die Schulung von Multiplikatoren sein, die ähnliche sprachliche und kulturelle Wurzeln haben. Aus Miorner-Wagners Sicht besonders wichtig sind für die Zielgruppe der MigrantInnen zudem mobile medizinische, pflegerische und therapeutische Angebote.

Gegenseitige Wertschätzung

Die sprachlichen Barrieren können, wie ausgeführt, zum ernsten Problem werden. Dazu betont Akmanlar: „Wichtig ist aber prinzipiell die Beziehung Arzt-Patient im Sinne einer gegenseitigen Wertschätzung – und nicht, dass die jeweilige Sprache des Patienten gesprochen wird.“ Sehr wichtig wäre trotzdem, im Bedarfsfall auf einen Pool an Dolmetschern zurückgreifen zu können, im Notfall auch telefonisch.
Rücksicht müsse auch auf die Tradition der Herkunftsländer genommen werden. Bei niedergelassenen Ärzten bedeutet dieser Ansatz konkret, dass es z.B. Tafeln gibt, auf denen Patienten Körperregionen zeigen können oder die einen ausreichenden Sichtschutz bieten, wenn ein Entkleiden unentbehrlich ist.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 30/2007

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