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Allgemeinmedizin 19. Juli 2007

Neue Regelung gefährdet die Betreuung Drogenabhängiger

Viele Ärzte sind wegen schlechter finanzieller und organisatorischer Rahmenbedingungen bezüglich der Betreuung Drogenabhängiger nicht mehr für eine Tätigkeit auf diesem sensiblen Gebiet bereit.

Die Kritik an der neuen Regelung zur Substitutionstherapie, über die die Ärzte Woche berichtete, geht heftig weiter. „Auch wenn die Grund­idee gut ist, für einheitliche Standards und Qualitätskriterien in diesem Bereich zu sorgen, ist die Art der Vorgangsweise das Problem“, kritisiert der Arzt für Allgemeinmedizin Dr. Rolf Jens. Für die Österreichische Ärztekammer koordiniert Jens die Fortbildung, die nun alle Ärzte, die im Bereich der Substitutionstherapie tätig sein wollen, absolvieren müssen.
Der Widerstand gegen diese zwangsweise Weiterbildung wächst, zumal sie auch für Mediziner gelten soll, die bereits auf langjährige Erfahrungen zurückgreifen können. Der Braunauer Allgemeinmediziner Dr. Kurt Roitner war jahrelang in einer Drogenberatungsstelle für die Grundeinstellung von Betroffenen zuständig: „Wir Ärzte sollen nun für eine Fortbildung selber zahlen und gleichzeitig in Kauf nehmen, dass es in vielen Bundesländern keine speziellen Tarifpositionen für die sehr aufwendige Betreuung von drogenabhängigen Menschen gibt. In vielen Regionen wird die kontinuierliche Betreuung von Allgemeinmedizinern gewährleistet.“ Noch dazu sollen Ärzte künftig zu einer zentralen Registrierung aller Krankengeschichten von Betroffenen beitragen – eine zusätzliche bürokratische Belas­tung und eine starke Gefährdung des Datenschutzes bzw. des Vertrauensverhältnisses zwischen Arzt und Patienten.
Roitner und einige seiner Kollegen haben – auch in anderen Bundesländern wie beispielsweise Salzburg – daher angekündigt, nicht mehr für die grundsätzlich herausfordernde Tätigkeit im Bereich der Substitutionstherapie zur Verfügung zu stehen. In Oberösterreich gab es viele Ärzte, die fünf bis zehn Patienten betreuten – also eine sehr individuelle und wohnortnahe Versorgung möglich machten, die jetzt gefährdet ist. „Momentan sind wir in intensiven Verhandlungen mit der Gebietskrankenkasse, um dieses Problem zu lösen, geschaffen werden soll ein eigener Abrechnungsposten“, berichtet Dr. Felix Wallner, Kammeramtsdirektor der oberösterreichischen Ärztekammer. „Die Gespräche verlaufen sehr konstruktiv und wir werden hoffentlich noch während des Sommers eine bessere Lösung gefunden haben.“ Verhandelt werden auch spezielle Tarifpositionen für Ärzte, die sich in der Grundeinstellung der Substitutionstherapie engagieren, also die Grundlage für die wohnortnahe regelmäßige Betreuung legen.

Therapiefreiheit eingeschränkt

Sauer stößt Jens und Roitner allerdings auch auf, dass mit einer der Novellen zur Substitutionstherapie Methadon und Buprenorphin die Mittel der ersten Wahl sein sollen. Hier würde die Therapiefreiheit des Arztes stark eingeschränkt. Von Seiten des Bundes-Drogenkoordinators Dr. Franz Pietsch wird zwar betont, dass bei Patienten, die jahrelang mit retardierten Morphinen behandelt wurden, nicht plötzlich die Behandlung umzustellen ist bzw. auch Unverträglichkeiten berücksichtigt werden. „Fakt ist, dass es schon in den ersten Wochen der neuen Regelung oft dazu kam, dass sich Amtsärzte stark in die Verschreibungspraxis eingemischt haben und teils vehement auf den Einsatz der ‚Mittel der Wahl’ bestanden“, kritisiert Roitner.
Deutlich schwieriger ist es außerdem, in Bezug auf die tägliche Einnahme des Substitutionsmittels in der Apotheke, die unter Beobachtung erfolgen muss, ein individuelles Vorgehen durchzusetzen. „Das wird dazu führen, dass die Zahl jener, die in Substitutionsprogramme einsteigen bzw. diese durchhalten, weiter sinken wird“, befürchtet Jens. Ebenso rigoros kontrolliert wird, ob die Betroffenen ein, wie es in der Novelle heißt, „stabiles Ausbildungs- oder Arbeitsverhältnis“ aufweisen – „eine für viele Menschen mit Suchtproblemen unmögliche Anforderung“, so Roitner.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 28/2007

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