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Allgemeinmedizin 12. September 2007

Ungewisse Zukunft für Gerichtsmedizin

Viele Obduktionen werden künftig von den Pathologien der Krankenhäuser durchgeführt – gerichtsmedizinische Leis­tungen müssen zugekauft werden. Wie dies genau geschehen soll, ist noch nicht überall klar.

Der Rechnungshof übte in der letzten Zeit nicht nur allgemein Kritik an den Milliardenbeträgen, die angeblich im Gesundheitswesen zu viel ausgegeben würden, sondern im Speziellen auch an den gerichtsmedizinischen Instituten. Besonders im Fokus standen dabei die Institute in Wien und in Linz. Ein zentrales Problem aus Sicht des Rechnungshofs: An den Instituten werden auch Gutachten erstattet, für die die Mitarbeiter von Dritten – etwa von den Gerichten – bezahlt werden, aber die vorhandene Infrastruktur genutzt wird. Daran kann Prof. Dr. Walter Rabl, Präsident der österreichischen Gesellschaft für gerichtliche Medizin, nichts wirklich Verwerfliches entdecken: „Natürlich wird von den erhaltenen Honoraren ein entsprechender Teil für die Nutzung der Räume, deren Ausstattung sowie für das Personal gezahlt.“

Gesundheitspolitisch wichtig

Aus der Sicht des Rechnungshofs seien Einsparungen von 300.000 Euro pro Jahr möglich, würden die Honorare an die Sachverständigen strenger geprüft werden. Trotzdem kann Rabl keine „Kostenexplosion“ wahrnehmen, wie sie vom Rechnungshof berichtet wird. Er trägt allerdings den ebenso im Rechnungshofbericht enthaltenen Wunsch mit, dass es in ganz Österreich einheitliche „und auch leistungsgerechte Gebühren für Sachverständige gibt. Es darf aber zu keiner Ausdünnung der gerichtsmedizinischen Versorgung kommen.“ Diskutiert wird jedenfalls die Schließung des Standortes Linz, der organisatorisch der Uni Salzburg zugeordnet werden soll.Einen anderen Aspekt bringt Prim. Prof. Dr. Angelika Reiner-Concin, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Pathologie, ein: „Obduktionen spielen zur Feststellung, welche Ursachen wirklich zum Tod geführt haben und damit auch zur Analyse, welche Auswirkungen medizinische Interventionen etwa bei Krebsleiden haben, eine wichtige Rolle.“
Etwa 30 Prozent aller Verstorbenen sollten obduziert werden, um eine aussagekräftige Datengrundlage zur Beantwortung gesundheitspolitischer Fragen zu haben, „ein Wert, der bislang in Bezug auf die Gesamtbevölkerung Österreichs erreicht wurde. Aber auch nur deshalb, weil die in Wien gewonnenen Werte auf Österreich hochgerechnet wurden.“ Nun ist aber eine Novelle des Wiener Leichen- und Bestattungsgesetzes in Kraft getreten. „Demnach wird es sanitätsbehördliche Obduktionen nur noch in Ausnahmefällen geben.“
Ein weiteres Problem ist für Reiner-Concin, dass ein Großteil der Obduktionen, die bislang durch das Gerichtsmedizinische Institut der Universität Wien durchgeführt wurden, nun an den Prosekturen der jeweiligen Krankenhäuser erfolgen sollen. „Natürlich können Fachärzte für Pathologie Obduktionen durchführen!“ Aber wenn es etwa um umfangreichere Screenings nach Drogen, Medikamentenmissbrauch oder gar giftigen Stoffen geht bzw. die Beurteilung, was Auslöser verschiedener Verletzungen und Traumata war, seien die Pathologen in vielen Fällen auf eine enge Kooperation mit Gerichtsmedizinern angewiesen. „Die Krankenhausträger müssen nun dafür Kooperationsvereinbarungen schließen“, so Reiner-Concin weiter.
Für Mag. Richard Fritsch, im Wissenschaftsministerium für die Medizinische Universitäten zuständig, „besteht die Hauptaufgabe der universitären Institute für Gerichtsmedizin darin, die Bereiche Lehre und Forschung aufrecht zu erhalten und weiter zu entwickeln – dies ist bislang an manchen Standorten nicht ausreichend geschehen, der Schwerpunkt lag eher im Erbringen von Routineleistungen.“
Wie die Organisation sanitätsbehördlich notwendiger Obduktionen erfolgt, sei jedenfalls Sache der Länder bzw. der Gemeinden. Teilweise würde künftig eben mit freiberuflichen Gerichtsmedizinern zusammen gearbeitet werden. Es ginge um die wirtschaftliche Überlegung, wie diese Leistungen am besten zu erbringen sind, „und die Kritik des Rechnungshofs hat gezeigt, dass der alte Weg nicht ausreichend den ökonomischen Erfordernissen entspricht.“ Auch von Seiten der Universitäten sei betont worden, sich aus diesem Aufgabenfeld zurückziehen zu wollen, es gehe hier um einen Paradigmenwechsel.

Strafrechtsreform schafft Probleme

Einen Qualitätsverlust befürchtet Rabl auch durch eine geplante Änderung der Strafprozessordnung. Sofern ein nicht natürlicher Tod vermutet wird, sollen künftig auch Kriminalpolizisten, wie es im Gesetz heißt, „die äußere Beschaffenheit der Leiche besichtigen“. „Hier geht es um eine eindeutig medizinische Untersuchung, die spezifisches ärztliches Fachwissen braucht, es darf nicht zu einer Verwässerung kommen“, betont Rabl.
Weiters kritisiert er, dass mit der Obduktion künftig nicht mehr eine Person, sondern auch eine Institution beauftragt werden kann. „Aber für ein Gutachten muss – vor allem auch aus Qualitäts- und haftungsrechtlichen Gründen – eine konkrete, unabhängige und weisungsfreie Person verantwortlich sein, die auch über eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung verfügt.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 37/2007

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