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Allgemeinmedizin 5. September 2007

Arzt im Dauerdienst

Überstunden in Spitälern sind, auch wenn es EU-Standards widerspricht, in Österreich an der Tagesordnung, mancherorts hapert es sogar mit deren Bezahlung. Einige Krankenhausträger arbeiten allerdings mit einem Zeitaufzeichnungssystem, das eine Warnmeldung ausschickt, wenn die Ärzte zu lange im Dienst sind.

Laut einer aktuellen Umfrage der Österreichischen Ärztekammer unter den Spitalsärzten werden in über 70 Prozent der Spitäler die gesetzlichen Arbeitszeiten nicht eingehalten. Gleichzeitig würden viele der geleisteten Überstunden nicht adäquat bezahlt. „Das beginnt schon damit, dass viele Überstunden nicht als solche dokumentiert werden oder Ärzte dazu angehalten werden, diese stillschweigend zu leisten“, analysiert Dr. Harald Mayer, Bundeskurienobmann der angestellten Ärzte. Weiters würde es in (zu) vielen Spitälern ein Sys­tem der pauschalen Abgeltung von Überstunden geben, die mit dem tatsächlichen Ausmaß der Stunden in keiner Relation stehen.
Fakt ist, dass am Landeskrankenhaus Feldkirch Überstunden jahrelang nicht ausgezahlt wurden. Bis zu 70 Ärzte erhalten nun zumindest einen Teil von 28.000 Überstunden abgegolten. „Auf ganz Österreich umgerechnet, sind über 12.000 Spitalsärzte betroffen, denen rund sechs Millionen Überstunden nachgezahlt werden müssten“, so Mayer weiter.
Zahlen, die DDr. Wolfgang Markl, erster stellvertretender Präsident der Bundeskonferenz der Spitalsmanager Österreichs, nicht wirklich nachvollziehen kann. „Die Spitalsleitung ist dafür verantwortlich, dass erbrachte ärztliche Leistungen adäquat bezahlt werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dazu auffordert, bewusst gegen das Arbeitszeitgesetz (AZG) zu handeln oder Überstunden nicht zu melden.“ Markl, der auch Spitalsmanager an der Psychiatrischen Klinik Hall in Tirol ist, verweist auf ein bewährtes System des Krankenhausträgers Tilak: „Wir nutzen ein Zeitaufzeichnungssystem, das alle Überstunden und Mehrleistungen elektronisch erfasst und abrechnet.“ In Tirol würden diese Zahlen nicht für eine andauernde Überschreitung des AZG sprechen. Das Tilak-System wirft sogar automatisch eine Warnmeldung aus, wenn bei jemandem übermäßig Mehrstunden anfallen oder Ruhezeiten nicht eingehalten werden. „Natürlich gibt es Ausnahmesituationen, wie etwa Notfälle oder wenn ein Kollege krank wird – aber eine ständige Überschreitung des AZG wäre weder gut für die medizinische Qualität, noch für den Arzt selbst und schon gar nicht für die optimalen Abläufe in den Spitälern“, betont Markl.

Objektive Zahlen

Er kann sich vorstellen, dass eine Umsetzung des Tilak-Systems in ganz Österreich die Diskussion über Überstunden in ein anderes Licht setzen würde, „auch weil es eben objektive Zahlen auswirft. Wenn tatsächlich ein größeres Maß an unbezahlten Überstunden angefallen ist, würden Krankenhausleitungen grob fahrlässig handeln, wenn diese nicht ausbezahlt würden, so auch, wenn sie nicht zu verhindern suchen, dass es ständig zu AZG-Überschreitungen kommt.“ Um dies zu erreichen, sei die Aufstockung des Personals nicht immer die erste Maßnahme – für Markl geht es auch um die Frage, „wer welche Aufgaben in welchen Zeiträumen erledigt. Viel spricht etwa für den Einsatz von Dokumentationsassistenten, um Ärzte von bürokratischen Tätigkeiten zu entlasten.“ Mayer verweist allerdings noch einmal darauf, „dass es offensichtlich leitendes Personal in Spitälern gibt, die Überstunden quasi selbstverständlich erwarten“.
„Das österreichische Krankenanstaltengesetz entspricht nach über zehn Jahren immer noch nicht den Richtlinien der Europäischen Union“, betont Dr. Kurt Adamer MSc, Oberarzt an der Abteilung für Chirurgie am Krankenhaus Steyr. Sowohl die unscharfe Trennung von Arbeits- und Ruhezeiten als auch durchschnittliche Wochenarbeitszeiten von über 60 Stunden widersprechen seiner Ansicht nach krass den EU-Standards zum Mindestarbeitnehmerschutz „und sind auch für die medizinische Qualität eine Kontraindikation“.

Bessere Lösungen

Niemand soll mehr als 13 Stunden durcharbeiten ohne eine anschließende durchgehende Ruhepause von elf Stunden. „Dies ist umsetzbar“, betont Adamer und verweist etwa auf die Schweiz, wo die EU-Arbeitszeitrichtlinie eingehalten wird, obwohl diese kein Mitglied der Union ist. In seiner Masterthesis setzte sich Adamer u.a. mit Dienstplänen für eine humane Arbeitszeit auseinander. Er entwickelte ein Modell für eine Allgemeinchirurgie – „so würden nur ausgeruhte Ärzte Operationen vornehmen“. Viele Tätigkeiten könnten umgeschichtet werden, etwa – mit ärztlicher Anordnung – in den pflegerischen Bereich. Gleichzeitig dürfte aber diplomiertes Pflegepersonal dann nicht mehr z.B. für Essensausgabe, Raumpflege, Mitarbeit an Patientenbriefen, Patiententransporten u.ä. herangezogen werden. Auch Adamer plädiert für die rasche Implementierung medizinischer Dokumentare, die sich etwa in Deutschland seit Jahren – auch in ökonomischer Hinsicht – bewährt haben. Adamers Konzept setzt zudem auf häufigere, genaue Dienstübergaben und damit höhere Kontinuität anstatt von Lücken durch freie Tage. „Letztlich ist es eine Frage des gesundheitspolitischen Willens, ob die EU-Richtlinien in unseren Spitälern umgesetzt werden, und es bräuchte keine Diskussion über die Bezahlung von abertausenden, im ‚Bereitschaftsdienst’ versteckten Überstunden.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 36/2007

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