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Allgemeinmedizin 26. September 2007

Medikamente an jeder Straßenecke?

Im Internet wimmelt es nur so vor Medikamenten-Angeboten. Und in Deutsch­land beginnt ein Drogeriemarkt, rezeptpflichtige Arzneimittel (günstig) zu verkaufen. Eine Entwicklung, die vermutlich auch auf Österreich zukommt.

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Medikamentenkauf auch in Österreich schon bald schon im Supermarkt?

Foto: Buenos Dias/photos.com

„Analysen aus Deutschland zeigen, dass etwa 0,1 Prozent der Patienten allein im stationären und ambulanten Bereich an ‚unerwünschten Arzneimittelereignissen‘, also Fehlverordnungen, falscher Einnahme und unbeabsichtigte Wechselwirkungen, versterben. Hochgerechnet auf Österreich sind das über 2.500 Todesopfer, dreimal soviel wie im Straßenverkehr“, so der Gesundheitsjournalist Martin Rümmele, dessen Buch Medizin vom Fließband Ende Oktober im Springer Verlag erscheint. „Und diese Zahlen werden sich sicher nicht verbessern, wenn noch mehr Menschen noch leichter Zugriff auf unterschiedlichste Präparate haben.“ Überlegungen zur Lockerung von Werbeverboten im pharmazeutischen Bereich wären jedenfalls der falsche Ansatz.

Kaum unterbietbar

Wirklich nachvollziehen kann Dr. Claudia Habl den großen Hype um angeblich günstige Medikamente aus dem Internet und aus dem Drogeriemarkt um die Ecke nicht. Die Gesundheitsökonomin ist bei Gesundheit Österreich GmbH/ÖBIG tätig und beschäftigt sich dort immer wieder mit den Rahmenbedingungen, unter denen Arzneimittel erhältlich sind. „Österreichische Patienten können eine große Bandbreite von Medikamenten mit einer ärztlichen Verschreibung zu einer im Vergleich mit dem tatsächlichen Preis sehr niedrigen Rezeptgebühr sofort und ohne Wartezeit in der (Haus-)Apotheke beziehen.“ Das könne kein auch noch so ausgetüfteltes Internet-Bestellsys­tem unterbieten. Wer Medikamente im Internet bestellt, der muss zum einen mit teils sehr lange Wartezeiten rechnen und bekommt die Präparate oft ohne Verpackung und Beipackzettel. Dazu kommt, dass die auf den entsprechenden Internetportalen gelieferten Informationen oft sehr lückenhaft sind und vor allem darauf abzielen, den Verkauf der Produkte anzukurbeln. Zudem müssen oft hohe Versandgebühren bezahlt werden.

Fast zehn Prozent Imitate

Aus Habls Sicht geht es hier vor allem um Lebensstilmedikamente – aber oft wird nicht das geliefert, was versprochen wurde oder widerspricht deren Zusammensetzung allen Regeln der Pharmazie und der Medizin. Die EU-Kommission berichtet, dass 2006 2,5 Millionen gefälschte Medikamente sichergestellt wurden, am europäischen Markt hätten die Imitate einen Anteil von fast zehn Prozent.
„In Österreich gibt es zwar eigentlich gute und ausreichende Gesetze, die die Einfuhr von Medikamenten regeln, bislang gab es aufgrund dieses Gesetzes noch keine einzige Verwaltungsstrafe“, so Habl weiter. Entdecken Zollfahnder Medikamentenlieferungen, müssen die Konsumenten deren Vernichtung bezahlen.
Dass Medikamente auch via Internet erhältlich sind, ist für Dr. Jan Oliver Huber, Generalsekretär der Pharmig, des Branchenverbandes der pharmazeutischen Industrie, kein grundsätzliches Problem: „Die heimischen Regelungen sind grundsätzlich gut, es sollte aber keine Nachdenkverbote über verschiedene Vertriebswege für Medikamente geben. Denkbar wäre etwa auch ein Internetangebot, das von den heimischen Apotheken getragen wird.“ Allerdings ist für Huber dabei wichtig, dass für alle – egal ob im Internet oder im Retail-Bereich – dieselben Spielregeln gelten: „Aufgrund von neuen gesetzlichen Regelungen werden sich für Hersteller, Apotheke und Großhändler zusätzliche Kosten für Maßnahmen in den Bereichen Lagerung, Verpackung und Versand ergeben“, so Huber.
Habl verweist auf einen Trend in mehreren europäischen Ländern, den auch Rümmele so wahrnimmt: Immer stärker lösen große Ketten den Einzelhändler Apotheker ab. GÖG/ÖBIG hat im Jahr 2006 die Mythen der Deregulierung untersucht: „Es gibt einzelne Präparate – vor allem rezeptfreie –, die extrem billig angeboten werden. Bei anderen Produkten ist es sogar zu Preissteigerungen gekommen.“ Noch dazu lassen sich die Anbieter an attraktiven Standorten in großen Zentren nieder, der Zugang zu Medikamenten wird so teils deutlich erschwert. Gespart wird vor allem auch im Bereich der Beratungsqualität, was wiederum die Wahrscheinlichkeit von Problemen durch falsche Einnahmen oder ungeplante Wechselwirkungen führt.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 39/2007

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